Kontrollverlust ist befreiend:
Warum Kontrollwahn blockiert und unproduktiv macht

Die heutige Arbeitswelt bringt viele Vorteile mit sich. Wenn ich diese nutze, kann ich bei höherer Lebensqualität produktiver sein, mehr Spass an der Arbeit haben und dennoch mehr erreichen. Es lauern aber auch einige Gefahren, und eine davon ist der Kontrollwahn. Sich davon zu befreien, bringt uns weiter.

Neulich las ich diesen Blogbeitrag meines Kollegen Martin Weigert von netzwertig.com – und er sprach mir aus dem Herzen. Lernen, dass man nicht alle Reaktionen im Netz ständig kontrollieren kann, ist ein wichtiger Prozess.

Das Thema betrifft bei weitem nicht nur Menschen, die als Blogger oder Journalisten tätig sind, sondern uns alle, die wir uns in der Arbeitswelt von heute zurechtfinden müssen. Wer versucht, krampfhaft in all seinen Zuständigkeitsbereichen die Kontrolle zu behalten, kann nur verlieren.

Der geläuterte Control-Freak

Müsste ich mich auf einer Skala von 1-10 (1 = totales Laissez-faire, 10 = ultimativer Control-Freak) einstufen, wäre ich eine 6-7. In den letzten Jahren habe ich aber festgestellt, dass ich mir das Leben durch zu viel Kontrolle selbst schwer mache, und dass ich besser und produktiver arbeite, wenn ich gewisse Aufgaben oder Projekte einfach loslasse. Schon nur die Tatsache, dass der Druck weicht, setzt ungeahnte Energien frei.

Ganz verschiedene Aspekte des beruflichen Lebens sind betroffen von der stetig wachsenden Unmöglichkeit, alles zu kontrollieren und dem damit einhergehenden Frustpotential, wenn wir krampfhaft an unserem Kontrollwahn festhalten:

1. Wer kommuniziert wo was über mich bzw. mein Unternehmen?

Vor dem Internet konnte man zumindest die Illusion aufrechterhalten – auch wenn es schon damals bloss eine Illusion war – alles kontrollieren zu können, was über einen kommuniziert wird. Schon damals war der Aufwand gross, wenn man versuchen wollte, die Kontrolle tatsächlich zu behalten.

Heute, in den Zeiten von Social Media, ist der Aufwand ins Unermessliche gestiegen bzw. die totale Kontrolle ist schlicht unmöglich geworden. Statt Zeit und Energie in etwas Unerreichbares zu investieren, steckt man seine Ressourcen besser in etwas Nützlicheres. Oder, wenn wir für die Kommunikation eines Unternehmens verantwortlich sind: Statt den Mitarbeitern und anderen «Botschaftern» hinterherzuspionieren, was sie über uns wohl (Falsches) schreiben, sollten wir uns stärker bemühen, ihnen unsere Werte vorzuleben und zu vermitteln.

2. Ich habe meine Daten in der Cloud und weiss nicht, was damit alles passieren könnte

OK, es gibt Möglichkeiten, die Datensicherheit ein Stück weit zu erhöhen, wie Patrick Mollet hier neulich erläutert hat. Und trotzdem: Letztendlich gebe ich massiv Kontrolle ab, und zwar in einem Ausmass, das ich nicht einschätzen kann. Ich erkaufe mir, wie Patrick sinngemäss geschrieben hat, Komfort und bezahle mit Sicherheit.

Komfort bedeutet in diesem Fall eben auch mehr Zeit und mehr Flexibilität. Sofern ich Internetanschluss habe, bin ich überall und immer einsatzfähig. Ich kann meine Zeiteinteilung verbessern, meine Lebensqualität erhöhen und meine Produktivität steigern. Dafür bin ich bereit, ein Stück Sicherheit und Kontrolle abzugeben. Vom erhöhten Komfort kann ich aber nur dann wirklich profitieren, wenn ich dem Kontroll- und Sicherheitsverlust mit einer gehörigen Portion Gelassenheit begegne. (Natürlich empört es mich, dass Geheimdienste weltweit auf meine Daten zugreifen können. Aber zum jetzigen Zeitpunkt, mittendrin in der Arbeit, kann ich gerade nichts dagegen tun. Ich kann höchstens planen, wie und wann ich mich um einen verbesserten Schutz meiner Daten kümmern will. In der Zwischenzeit konzentriere ich mich lieber auf meine Arbeit.)

3. Wenn ich mich auf meine Kernaufgaben konzentrieren will, muss ich delegieren können

Über die Wichtigkeit des Delegierens haben verschiedene imgriff.com-Autoren schon ausführlich geschrieben, z.B. hier, hier und hier. Darum fasse ich mich an dieser Stelle kurz. Nur soviel: Delegieren bedeutet natürlich immer, Kontrolle abzugeben. Ich kann den Mitarbeiter, an den ich eine Aufgabe delegiere, noch so sorgfältig informieren – letztendlich wird er sie auf seine Art erledigen. Wenn ich glaube, ihn dabei ununterbrochen überwachen zu müssen, dann kann ich die Aufgabe genausogut selbst erledigen. Loslassen lernen, lautet auch hier die Devise.

4. Komplexität und Innovationen: Ich kann gar nicht alles verstehen

Eine (technische) Innovation jagt die andere. Die Entwicklungen in den verschiedensten Bereichen unseres Arbeitslebens schreiten immer rasanter voran. Wer versucht, mit allen Schritt zu halten, hat von Anfang an verloren.

Hier gilt es ständig abzuschätzen: Ist die Beherrschung von diesem oder jenem neuen Tool unbedingt notwendig? Erleichtert es wirklich meine Arbeitsabläufe und macht mich produktiver? Ist es aus Gründen der Glaubwürdigkeit oder des Prestiges absolut notwendig, dass ich Bescheid wissen muss? Oft beantworte ich diese Fragen mit «ja». Dort jedoch, wo ich sie mit «nein» beantworten kann, darf ich mir getrost erlauben, nicht zu wissen. Die Zeit und Energie, die ich durch diese Unterlassung spare, setze ich für neue Initiativen, Projekte oder Optimierung ein.

Bild: Christina Spicuzza bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

 

Sabine Gysi

Sabine Gysi war von November 2012 bis August 2014 Leitende Redakteurin bei imgriff.com.

Sabines Blogposts bei Blogwerk

2 Kommentare

  1. Schöner Artikel. Die Quintessenz, das Loslassen, ist bei mir noch vollkommen “verkümmert”. Ich glaube es hängt aber auch stark davon ab, ob und in wie weit man seinen Mitarbeitern, Geschäftspartnern oder Freelancern die notwendigen Fähigkeiten zuspricht. Ein wirklich interessantes Thema. Nicht einfach.

  2. “Ich erkaufe mir, wie Patrick sinngemäss geschrieben hat, Komfort und bezahle mit Sicherheit.”

    Das ist falsch. Denn du bezahlst nicht mit Sicherheit sondern mit Freiheit. Und langfristig wird die fehlende Freiheit den gewonnenen Komfort mehr als auffressen.

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