Rechtschreibkorrektur:
Tools für korrektes Schreiben und ihre Grenzen

Um grobe Fehler auszumerzen, sind Tools für die Rechtschreibprüfung eine grosse Hilfe. Sogar auffällige stilistische Unschönheiten kann ein Tool erkennen. Wenn’s jedoch um die Feinheiten und um Komplexes geht, ist das menschliche Auge unabdingbar.

Zum Schreiben in leicht lesbarer Sprache haben wir bei imgriff.com ja schon einiges zu sagen gehabt: «So wird die Hausarbeit auch sprachlich schön» und «9 Tipps für lesefreundliche Texte». Das Browsertool leichtlesbar.ch wurde von uns ebenfalls rezensiert. Im letzten Teil meiner Serie über wissenschaftliche Arbeiten habe ich erwähnt, dass man sich dank Software banale Fehler ersparen kann. Nun habe ich mir Gedanken gemacht, was Software beim sprachlichen Korrigieren leisten kann – und was eben nicht.

Rechtschreibung und Grammatik: Korrektur in Word und OpenOffice

Bei Schreibtools werden die meisten erstmal an die Rechtschreibkorrektur von Word, OpenOffice Writer oder anderen Textverarbeitungsprogrammen denken. In der Tat können einem die Rechtschreibkorrektur-Module von Word, OpenOffice oder LibreOffice einige unangenehme Schreibfehler ersparen. Zur Grammatik-Korrektur bringt Word ein eigenes Modul mit, bei OpenOffice/LibreOffice muss die grammatische Überprüfung als Plugin nachgerüstet werden: etwa die Duden-Rechtschreibprüfung oder das kostenlose Language Tool.

Was können Rechtschreibprüfungen heute?

Während Rechtschreibprüfungen die korrekte Schreibweise einzelner Wörter durch Abgleich mit einem Wörterbuch sicherstellen, weisen Grammatikprüfungen auf Kongruenzfehler (fehlende Übereinstimmung grammatisch zusammengehöriger Wörter), Zeichensetzungsfehler, zu lange Sätze, veraltete oder Dialekt-Ausdrücke hin.

Grammatik-Plugins mahnen außerdem an, dass vor einem Satzzeichen im Deutschen kein Leerzeichen stehen darf, oder erkennen, wenn in einem Satz das Verb fehlt; in meinem Test mit LanguageTool war diese Erkennung allerdings nicht sehr zuverlässig.

Zwei Helfer zur stilistischen Korrektur: diction und style

Kann Software dabei helfen, stilistisch gut zu schreiben? Jein: Die Lesbarkeit eines Textes kann mit Algorithmen eingeschätzt werden, und bestimmte Floskeln können maschinell erkannt werden.

Zwei Tools dafür sind die altehrwürdigen Unix-Kommandozeilentools diction und style. diction identifiziert häufig verwendete Phrasen. Mit der Option -s liefert es Alternativvorschläge. Zum komfortablen Arbeiten lasse ich mir die Resultate mit diction -s textdatei.txt > out.txt in eine weitere Textdatei ausgeben.

style gibt Lesbarkeitsstatistiken zu verschiedenen Parametern wie Schwierigkeitsgrad, Satzlänge, Anzahl der Inversionen (Prädikat steht vor dem Subjekt) und Anzahl von Fragen im Text aus.

Der Nachteil: diction und style nehmen nur reine Textdateien entgegen; die Bedienung auf der Kommandozeile ist nicht jedermanns Sache.
Genaueres zur Verwendung der beiden Tools erläutert dieser Artikel: Explore powerful UNIX writer’s tools.

Warum menschliche Korrekturleser trotzdem unentbehrlich sind

Der gewichtigste Grund für menschliche Korrekturleser lautet wohl: Inhaltliches kann keine Maschine beurteilen, ein menschlicher Leser dagegen schon – unter Umständen sogar ein fachfremder.

Doch auch, was die sprachliche Korrektheit angeht, ist das menschliche Urteilsvermögen bisher nicht zu ersetzen, denn Grammatik ist stark sinnbezogen. Meiner Erfahrung nach können maschinelle Textanalysen noch nicht erfassen, welche Funktion ein bestimmtes Wort in einem Satz hat. Das kann aber für die korrekte Schreibung ausschlaggebend sein. Ob es sich etwa bei einem Nebensatz um einen Relativsatz, einen Adverbialsatz oder gar um einen konjunktivischen Nebensatz handelt – die «dass/das»-Unterscheidung, mit der sich so viele schwer tun -, ist nur mit Hilfe des Sinns zu unterscheiden.

In meinen Tests erkannte Language Tool fehlende Wörter, z. B. das Fehlen des Verbs in einem Satz, nicht zuverlässig. Hinsichtlich der Kongruenz – d. h. der Übereinstimmung von zusammengehörigen Wörtern hinsichtlich Kasus und Numerus – wurden nur einfache Fehler erkannt. Komplexere Fehler, etwa fehlende Übereinstimmung zwischen Kasus des Substantivs und des darauf bezogenen Adjektivs oder zwischen mehreren Substantiven und Numerus des Verbs, übersah die Software, und bei der Kommasetzung bei erweiterten Infinitiven und Relativsätzen wurden gar keine Fehler erkannt.

Rechtschreib- und Grammatikkorrektur-Plugins nerven mich zusätzlich aus folgenden Gründen:

  • Groß- und Kleinschreibung: Jede Rechtschreibkorrektur, mit der ich bisher gearbeitet habe, interpretierte jeden Punkt als Satzende, auch den nach einer Abkürzung, und schrieb automatisch gross weiter. Für jemanden, der (wie ich) dazu neigt, viele Abkürzungen zu verwenden, ist das nervig. Falsch gross geschriebene Wörter werden dagegen nicht immer zuverlässig erkannt.
  • Getrennt- und Zusammenschreibung: Keine Rechtschreibprüfung, die ich bisher benutzt habe, moniert sog. «Deppenleerzeichen», d. h. die Auseinanderschreibung von Wörtern, die im Deutschen als zusammengesetzte Wörter eigentlich zusammen geschrieben werden müssen. Dagegen monieren Rechtschreibprüfungsmodule ständig eigentlich korrekte Komposita, die sie nur nicht kennen.
  • Falsche Positive und fehlerhafte Korrekturen: Rechtschreibkorrektur-Funktionen sind nur so gut wie die Wörterbücher, auf die sie sich stützen. Die Standard-Wörterbücher von Textverarbeitungen sind begrenzt. Das kann gerade bei Fachtexten oder Texten mit vielen Zitaten, die abweichende Schreibweisen enthalten (z. B. Literaturzitate mit historischen Schreibweisen, die nicht an modernes Deutsch angepasst werden sollen) nervig sein und bei Prüfdurchgängen den Blick für echte Fehler verstellen. «Jedoch», «auch» und «so», von diction immer angeprangert, können ihre Berechtigung haben oder sogar eine von wenigen sinnvollen Formulierungen sein.

Stilistische Korrekturen

Die Satzlänge kann von Maschinen überprüft werden, desgleichen einzelne umgangssprachliche oder antiquierte Formulierungen und Redewendungen. Den Verschachtelungsgrad eines Satzes oder eine ungünstige Nebensatzanordnung erkennt jedoch bisher keine mir bekannte Software. Dasselbe gilt für ermüdende Stereotypen in Satzbau und Satzlänge.

Nicht entweder Mensch oder Software, sondern beides

Software kann Hinweise geben, welche Formulierungen und Schreibweisen zu prüfen sind. Was richtig ist, muss im Zweifelsfall immer noch der Mensch selbst entscheiden. Der Königsweg heisst hier nicht entweder – oder, sondern: beides. Software hilft, die ganz banalen und groben Fehler weitgehend zu vermeiden. Korrektur durch menschliche Leser sorgt dafür, dass die Feinheiten stimmen.

 

Bild: Horia Varlan bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

2 Kommentare

  1. Cool, die beiden Tools kannte ich noch nicht.

    Wer nichts installieren möchte, sollte einen Blick auf das Schreiblabor werfen. Mehr dazu im Teamworkblog: http://teamworkblog.de/20…eam-besser-uber.html

    LG, Jan

  2. Tolle Tools, kannte ich ebenfalls nicht. Die Programme heutzutage sind schon nah dran an der Realität, aber wie der Bericht auch zeigt: das menschliche Auge sieht einfach mehr.

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