Arbeitsplatzgestaltung:
Was ist der Sinn eines Büros?

Wo erledige ich meine Arbeit? Meistens stellen wir uns die Frage nicht; «im Büro» ist aber selten die beste Antwort. Wie es anders geht, versucht Microsoft mit einem neuen Gebäude zu zeigen.

The Cubicle

The Cubicle

Konzepte schreiben, Spesenabrechnung erledigen, das Teammeeting leiten, den Projektpartner in Mexiko anrufen, die Branchennews im Web durchscannen, mit Tischnachbarn die neue Produktidee diskutieren, das Fachbuch gründlich anschauen und beim Kaffee den neuesten Klatsch erfahren.

Der Arbeitstag eines Wissensarbeiters ist geprägt von ganz unterschiedlichen Aufgaben. Erstaunlich ist der Ort, an dem diese Aufgaben erledigt werden: im Büro. Unterschiedliche Aufgaben, unterschiedliche Anforderungen, aber wir haben bloss eine «Raum-Antwort» dafür. Seltsam.

Das Büro ist kein Ort zum Arbeiten

Seltsam, weil es nicht sein kann, dass unser Büro für alle diese Tätigkeiten gleich gut geeignet ist. Es ist schwierig, sich auf das Fachbuch zu konzentrieren, wenn der Kollege nebenan den Projektpartner in Mexiko anruft. Was ist also der Sinn des Büros? Und wo erledige ich am besten welche Arbeit? Mögliche Antworten zu diesen Fragen zeigt Microsoft mit einem neu umgebauten Bürogebäude in der Schweiz. Der Softwarekonzern hat sich für den Umbau zwei Grundsätze zu eigen gemacht: Erstens ist das Büro ein Ort, an dem Menschen zusammen arbeiten. Zweitens: Wenn sie dort arbeiten, sollen sie möglichst viele Raumtypen zur Auswahl haben – passend zum gerade anstehenden Vorhaben.

Kaffeebar, Xbox-Raum und Focus Rooms

Ziemlich grün

Ziemlich grün


Die 400 Mitarbeitenden in Wallisellen bei Zürich haben jetzt 18 Raumtypen zur Auswahl. Sitzungsräume, Projekträume, Kabinen zum Telefonieren, eine Bibliothek, «Focus Rooms» und viele Gelegenheiten, andere Menschen zu treffen: Kaffeebars, Open Work Spaces und einen Xbox-Raum. Bloss Einzelbüros gibt es nicht mehr, auch nicht für Führungskräfte. Zusammenarbeit steht also im Vordergrund – über Team- und Abteilungsgrenzen hinweg. 90% der 400 Mitarbeitenden haben unter anderem deshalb keinen fixen Arbeitsplatz mehr.

Bis zu zwei Tagen Home Office

Einer der wichtigsten Arbeitsplätze befindet sich aber gar nicht im Microsoft-Gebäude: Die Mitarbeitenden arbeiten inzwischen ein bis zwei Tage pro Woche im Home Office. Das, so Microsoft, komme den Bedürfnissen der Mitarbeitern entgegen und habe auch sonst Vorteile. Ruhe, Konzentration oder selbstbestimmte Tagesplanung nennen die Mitarbeitende als Hauptgewinne – erhöhte Produktivität also. Das Konzept rechnet sich auch: Den 400 Mitarbeitenden stehen 220 Schreibtisch-Arbeitsplätze zur Verfügung (dafür wurden die Plätze aus dem Bereich «Social Seating» fast verdreifacht, die Zahl der Plätze in Meeting Rooms verdoppelt) und lässt noch Platz für bis zu 200 zusätzliche Mitarbeitende.

Was tun, wenn man kein Software-Konzern ist

Microsofts Ideen sind interessant und es wird spannend sein zu sehen, ob die erhofften Vorteile auch tatsächlich eintreten – der Konzern lässt das Projekt von einer Schweizer Hochschule wissenschaftlich auswerten. Was aber tut man, wenn das eigene Unternehmen nicht Microsoft oder Google heisst? Ganz einfach: Man macht es genau gleich, bloss ohne das ganze Geld auszugeben. Den eigenen Mitarbeitern die Arbeit im Home Office zu ermöglichen ist zu allererst eine Frage der Unterenehmenskultur und der Führung. Und hier musste auch Microsoft nach eigenen Angaben drei Jahre lang dran arbeiten: Was tut ein Vorgesetzter, wenn er seine Schäfchen nicht mehr im Blickfeld hat? Vertrauen aufzubauen ist der Schlüssel – das kostet vor allem Zeit.

Die Cloud und Third Places

Egal ob Startup oder ein globaler Konzern: Heute kann es sich jeder leisten, die Tools zu nutzen, die es für verteiltes Arbeiten braucht. Die «Cloud», ob von Microsoft, Google oder Dropbox, bietet zahlbare Möglichkeiten für jeden. Auch andere Raumtypen lassen sich realisieren: Unser Verlag beispielsweise, die Blogwerk AG mit 15 Mitarbeitenden, hat etwa 200 «Social Seatings» zur Verfügung (etwas weniger als Microsoft, aber immerhin), für Sitzungen, kreative Hangouts und Zweiergespräche. Die Starbucks-Filiale liegt gleich nebenan, verfügt über WiFi und im Sommer auch über eine von uns sehr geschätzte Klimaanlage.

 

Thomas Mauch

Thomas Mauch ist Mitglied der Geschäftsleitung des neuerdings.com-Verlags Blogwerk AG und interessiert sich für Gadgets. Oder so.

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7 Kommentare

  1. Wir sind kein Software-Konzern. Aber auch bei uns gibt es
    Räume zum telefonieren (aka Einzelbüro)
    Räume zum konzentriert arbeiten (Einzelbüro)
    Besprechungsraum
    Küche
    “Esszimmer” drinnen
    Terrasse draußen
    Bibliothek
    Modellbau-Werkstatt

    Homeoffice gibt es obendrein.

    So oder ähnlich wird es in vielen Firmen und Büros sein. Neu ist das nicht, was Microsoft da macht. Die Telefonboxen sind ja nur nötig, weil es sonst kein ruhiges Plätzchen gibt. Und die XBox? Finde ich verzichtbar.

    Auch das Konzept der nicht-fixen Arbeitsplätze ist nicht neu. Es würde mich interessieren, ob das bei Microsoft geschätzt wird. Von den Mitarbeitern.

    Wir haben zwar mindestens 7 Raumtypen zur Verfügung aber wir sind keine Nomaden. Bei uns hat jeder seinen fixen Arbeitsplatz. Und das ist gut so. Wir haben reichlich Unterlagen, die nicht virtuell sind, sondern aus Papier. Keiner von uns hätte Lust, das täglich durch die Gegend zu tragen. Jeden Abend weg zu räumen. Jeden Morgen wieder auszupacken.

    Obendrein: Ich verbringe oft 10 Stunden im Büro. Die meiste Zeit des wachen Werktages. Da ist “mein Schreibtisch” in einem Raum, den ich selbst gestalten kann, das mindeste, was ich erwarte.

    Schöne neue Arbeitswelt? Nein danke!

  2. Rechnet es sich das «Home Office» als wichtigster Arbeitsplatz auch für die Mitarbeiter, das heisst werden sie dafür entschädigt, sich ein «Home Office» einrichten zu müssen?

    • Offenbar wurde entsprechende Infrastruktur zur Verfügung gestellt, sowie Ausbildung zu deren Nutzung. Von einer monetären Entschädigung habe ich allerdings nichts gehört.

    • Werter Herr Steiger,

      waren sie mit unserem amtierenden Bundespräsidenten im gleichen Studienjahrgang?

      Die Frage der Entschädigung stellt sich nicht.

  3. Ich finde, das ist ein guter Ansatz für den Arbeitsplatz der Zukunft: möglichst flexibel und möglichst selbstbestimmt.

    Vergegenwärtigen wir uns: Das Büro ist ja eine Erfindung der analogen Vergangenheit, wo Bücher, Akten, irgendwann auch Schreibmaschinen und Kopierer (nicht zu vergessen Telex,Telefone, Fax) zwingend an einem Ort zusammengefasst werden mussten. Das ist ja heute eigentlich nicht mehr der Fall. Der Grund, warum so wenig Firmen flexible Arbeitsräume und Home Office anbieten, ist eher die Angst der Vorgesetzten, ihren Einfluss auf ihre Mitarbeiter zu verlieren.

    Bei einer Recherche vor einigen Monaten erfuhr ich, dass IBM beispielsweise schon seit Jahrzehnten in Deutschland dieses Konzept fährt – mit Erfolg. Dort darf jeder Mitarbeiter seinen Arbeitsort (ob beim Kunden, im ICE, zu Hause oder im Büro) frei wählen. Ich glaube, knapp die Hälfte der Mitarbeiter bevorzugt es, jeden Tag dann doch im Büro aufzuschlagen. Und das ist auch okay.

    Jeder nach seiner Facon …

  4. Ich freue mich zu sehen, dass unterschiedlich große Unternehmen Fortschritte in Bezug auf flexibles Arbeiten machen. In Zeiten hoher Arbeitsmobilität gibt es immer neuere Anforderungen an Mitarbeiter und an deren Arbeitsmethoden. Denn das Büro ist schon lange nicht mehr der einzige Ort an dem gearbeitet wird und Arbeitgeber müssen mit der Zeit gehen.

    Teleworking-Modelle werden immer beliebter und bringen auch greifbare geschäftliche Vorteile. Unternehmen mit einer dezentralen Organisationsstruktur sind belastungsfähiger in Bezug auf Business Continuity. Deshalb haben zum Beispiel einige staatliche Organisationen veranlasst, dass eine gewisse Zahl an Angestellten remote oder aus der Ferne arbeitet, um im Notfall arbeitsfähig zu sein. Und wenn die Entfernung zum Büro keine Rolle spielt, ist es auch einfacher, die besten Fachkräfte zu finden und zu behalten.

    Interessanterweise hat eine Untersuchung der Warwick Business School ergeben, dass es einen konkreten Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit von Angestellten und ihrer Arbeitsleistung gibt. Außderdem gibt es Hinweise auf eine direkte Verbindung zwischen flexiblen Arbeitszeiten und Produktivität. Somit ermöglicht flexibles Arbeiten letztden Endes bessere Resultate am Arbeitsplatz.

    Wir bei Polycom fördern mobiles Arbeiten. Unsere Arbeitskräfte sind zu 80% mobil und machmal verbringe ich selbst 90% meines Tages bei Videogesprächen. In der Lage zu sein, Menschen zu sehen und nicht nur zu hören, unterstützt den Teamgeist, der einmal den Büroalltag prägte und trägt dazu bei, Meetings noch effizienter zu gestalten.

  5. Den Ansatz finde ich total interessant. Ich bin gespannt was die Auswertungen von Microsofts Test-Projekt ergeben. Wahrscheinlich hängt es auch etwas davon ab, welcher Typ man ist, ob man auf diese selbstbestimmte Art und Weise produktiver arbeitet. Für mich jedenfalls wäre es sicher genau das Richtige. Vielleicht würde es eine Zeit dauern sich umzustellen und zu lernen mit der neuen Arbeitsweise umzugehen, aber ich kann mir vorstellen, dass man auf diese Weise langfristig tolle Ergebnisse und eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre erzielt.

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