Networking:
Was bringt eigentlich Speed-Dating?

Speed-Dating ist nichts anrüchiges: Als Methode bei Konferenzen und Business-Events ist es eine einfache und effiziente Art, neue Kontakte zu knüpfen.

Speed-Dating kennt man eigentlich vom Flirten. Die Idee dahinter ist simpel: In der Regel entscheidet sich in wenigen Sekunden, ob wir unser gegenüber sympathisch finden oder nicht. Wenn die Chemie stimmt, kann man sich ja für ein weiteres Treffen verabreden. Wenn nicht, kann man sich nach kurzer Zeit dezent verabschieden, ohne unhöflich zu wirken oder den ganzen Abend lang ein nerviges Date zu ertragen.

Das Konzept klingt so einleuchtend, dass es mittlerweile auch im Arbeitsalltag Einzug gehalten hat: Die Deutsche Bahn beispielsweise nutzt Company-Speed-Dating, um potentielle Mitarbeiter zu rekrutieren: In 5 bis 8 Runden pro Veranstaltung haben Personaler und Bewerber jeweils 8 Minuten Zeit, sich zu beschnuppern. Wenn die Chemie nicht stimmt, lässt man es halt sein.

Aber kann man das überhaupt klappen mit dem Speed-Dating, also kann man in nur ein paar Minuten überhaupt einen vernünftigen Eindruck von seinem Gesprächspartner bekommen? Ich war zugegebenermassen skeptisch – bis ich selbst an einer Business-Speed-Dating teilgenommen habe: Und zwar nicht bei der Deutschen Bahn, sondern auf einer Medienkonferenz der Kanadischen Tourismus-Kommission in Edmonton/Alberta. Die Zielsetzung dort war in etwa ähnlich wie bei der Deutschen Bahn, wie die verantwortliche DB-Mitarbeiterin Sonja Ostermann berichtet:

Für die DB-Vertreter heißt das, fünf bis acht potentielle neue Mitarbeiter in je acht Minuten für die DB zu begeistern, in dem er von eigenen Aufgaben und spannenden Projekten berichtet sowie die vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten im DB-Konzern skizziert. Für die potentiellen Bewerber heißt das, dem zukünftigen Chef/ der zukünftigen Chefin von bereits gemeisterten Herausforderungen zu berichten und die Fragen zu stellen, die man schon immer über den Arbeitgeber DB stellen wollte.

Während es bei der Deutschen Bahn 8 Runden zu je  5-8 Minuten Zeit gibt, war die Veranstaltung in Edmonton etwas grosszügiger angelegt: Ein riesiger Raum, mehr als 1000 Tourismus-Unternehmen und Journalisten und für jedes Gespräch 15 Minuten Zeit. Zwischen den einzelnen Gesprächen 5 Minuten, um zu seinem neuen Gesprächspartner zu kommen, was allein durch die Größe des Raums in regelrechten Stress ausarten konnte.

Beim traditionellen Speed-Dating in kleiner Runde wechseln die Teilnehmer ja reihum, in Edmonton war das aufgrund der Grösse schlicht und einfach nicht möglich. Daher hatten sowohl Medienvertreter als auch Tourismus-Manager vorab aus einem Pool von potentiellen Gesprächspartnern die interessantesten herausgepickt und die Treffen wurden fein säuberlich in einem Ablaufplan festgehalten. Pro Person waren das ungefähr 30 Treffen. Am Ende jeden Gesprächs ertönte ein Gong als Signal zum Aufbruch. Der kam oft viel zur früh, weil die Gespräche so interessant gewesen waren und manchmal erstaunlicherweise auch viel zu spät, weil sich mein Gegenüber in nichtssagendem Marketing-Gewäsch verlor. Oder wie mein englischer Kollege Jools Stone so treffend beschreibt:

As with ordinary speed dating, sometimes it’s obvious the chemistry just isn’t there. Your folder will tellingly reflect this. Some pages of mine are almost entirely obscured by my messy scrawl, some are blank.

Was aber bringt Speed-Dating nun im Business-Bereich? Die Antwort: Viel mehr als ich geglaubt hätte. Ich habe eine Menge interessante Kontakte geknüpft und in der Kürze der Zeit einige spannenden Story-Ideen entwickelt. Vermutlich sind die Treffen, die zwar kurz sind, aber zwischen nur zwei Gesprächspartnern stattfinden, deutlich effizienter als Gruppen-Meetings oder Vorträge, bei denen einzelne ihren Ideen im Auditorium präsentieren. Denn der Vorteil beim Speed-Dating liegt darin, dass man nichtmal zwischendurch eindösen kann, wenn es langweilig wird: Man muss sich voll und ganz auf sein Gegenüber konzentrieren, Ausreden gibt es nicht. Das ist aber natürlich gleichzeitig ein Nachteil: Die Schnell-Dates sind aufgrund der erhöhten Konzentration auch gleichzeitig viel stressiger – das habe nicht nur ich gemerkt, sondern das wurde mir von verschiedenen Gesprächspartnern, die ich nach ihrer Meinung fragte, auch so bestätigt. Und auch für die Organsiation ist so ein Speed-Dating-Event natürlich viel aufwändiger als einfach einen Raum mit Referent zu «mieten».

Dennoch finde ich so eine Veranstaltung deutlich besser geeignet, um Informationen auszutauschen. Ich persönlich würde es begrüssen, wenn mehr Veranstaltung als strukturierte Speed-Dating organisiert würden. Was ist Eure Meinung dazu?

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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6 Kommentare

  1. Dieses Speeddating wird doch bei Tagelöhnern und landwirtschaftlichen Saisonarbeitern schon seit jahrhunderten praktiziert. Das ist ein alter Hut.

  2. Hallo F.R.,
    das wäre ja super, wenn das ein alter Hut wäre. Ich bin nämlich immer wieder bei Veranstaltungen, die durch langwierige Präsentationen Gespräche in Gang bringen wollen – so ein Speeddating-Event wäre da ja viel besser geeignet, um schnell mal ein paar Fakten auszutauschen. Aber das erfordert eben auch, sich kurz zu fassen – und damit hat so mancher offenbar Probleme.
    SJ

  3. Der Eindruck, den man hinterlässt, geschieht in weniger als 8 Minuten. In diesen Minuten kann man Infos von sich geben und Interesse am anderen, bzw. dem möglichen Jobangebot zeigen. Ich denke aber, das ist nicht für jeden einfach, denn dazu braucht man gute “Nerven”, bzw. genug Selbstbewusstsein.

  4. Hallo Frau Janson,
    das ist schon bedenklich, wenn Speeddating heute so wenigen Leuten bekannt ist. Dabei war es noch bis in die 1950ger Jahre hinein in Deutschland ein beliebtes Auswahlverfahren. In den USA ist es heute nach wie vor beliebt:
    Alle Arbeitswilligen versammeln sich auf einem einschlägig bekannten Platz. Arbeitgeber fahren mit einem Pickup oder Laster an diesem Platz vor. Alsbald bilden sich Warteschlangen an den Lastwägen. Ein Blick in den Mund, ein paar Schritte gehen lassen, um sicherzustellen, dass keiner hinkt, den Bizeps anspannen lassen und betasten. Kurz ein paar Fragen stellen, um zu testen, dass die Leute Anweisungen befolgen und einigermaßen deutlich sprechen können. Fertig ist die Personalauswahl. Wer gut ist, darf gleich hinten auf den Laster springen. Dauert keine 3 Minuten pro Mann.
    FR

  5. Wow. Ich habe den Artikel erst jetzt entdeckt.

    Hier passt noch vielleicht das *Fail Quick* Konzept, dass man heute aus der amerikanischen Startup Community her kennt. Es ist besser schnell zu scheitern, damit man auch schnell wieder eine Chance hat das Richtige zu finden… Wusste gar nicht, dass es Speeddating in der Businesswelt gibt. Ich fand auch die Kommentare sehr aufschlussreich. Vorallem das Beispiel mit dem Laster und dem Bizeps… haha.

  6. Hallo Doris, ja dafür sind Blogs gut, dass man alte Artikel auch nach langer Zeit noch wieder findet. Auf der ITB wird es dieses Jahr auch ein Business-Speeddating geben. Aber leider ist dieses Format noch viel zu selten.
    Gruß
    Simone Janson

2 Pingbacks

  1. [...] Die deutsche Bahn setzt das bereits erfolgreich im Recruiting ein. Wie so ein Speed-Dating-Event ist, beschreibe ich in meinem Artikel bei imgriff. [...]

  2. [...] Die deutsche Bahn setzt das bereits erfolgreich im Recruiting ein. Wie so ein Speed-Dating-Event ist, beschreibe ich in meinem Artikel bei imgriff. [...]

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