Korrekturlesen:
So wird die Hausarbeit auch sprachlich schön

Schreibende sollten auf stilistische Lesefreundlichkeit achten. Beachtet man einige grundsätzliche Regeln, werden auch wissenschaftliche Arbeiten angenehm lesbar (Fachartikel und Berichte für Kollegen übrigens auch).

Typewriter (Bild: Mike McKay, flickr.com)

Typewriter (Bild: Mike McKay, flickr.com)

Beim Korrekturlesen von Texten können automatisierte Helfer wie die Rechtschreib- oder Grammatik-Korrektur von Textverarbeitungsprogrammen einem viel Arbeit abnehmen. Anderes erfordert immer noch bewußte Aufmerksamkeit von Menschen, zum Beispiel stilistische Lesefreundlichkeit.

Entgegen dem Klischee, daß Wissenschaftssprache hölzern und langweilig sein muss, können wissenschaftliche Texte angenehm lesbar sein. Das ist für Anfänger im wissenschaftlichen Schreiben nicht einfach: Wie Otto Kruse in seinem Ratgeber Keine Angst vor dem leeren Blatt (Affiliate-Link) anmerkt, fällt es vielen Studierenden schwer, ihren Gedanken Bedeutung beizumessen, wenn sie nicht in komplex klingenden Formulierungen verpackt sind (Kruse, S. 193), und zudem färbt die Fachliteratur, die man für einen Aufsatz durcharbeitet, leicht ab (ebd, S. 195).

Im folgenden habe ich einige Anregungen zusammengestellt, auf welche sprachlichen Kriterien ich achte, wenn ich einen Artikel Korrektur lese.

  • Nominalstil stellt sich gern ein, wenn man versucht, «objektiv» zu klingen. «Verbaler werden» hilft dagegen. Statt «Bei der Beantragung von Wohngeld ist sind die Einkommensgrenzen zu beachten» schreibe ich also: «Wer Wohngeld beantragt, muss die Einkommensgrenzen beachten.» Oder: «Gegen die Auffassung, dass… , muss Widerspruch vorgebracht werden» lautet «verbalisiert»: «Der Auffassung, dass… , widersprechen die Beobachtungen von Müller (2000) …»
  • Passiv ist manchmal ein sinnvolles sprachliches Mittel, es kann jedoch auch zur Herstellung einer Pseudo-Objektivität dienen. Statt «entschieden muß der Auffassung widersprochen werden, dass…» ist «Müller et al. (2008) widersprechen entschieden der Auffassung, dass…» oder sogar «Ich widerspreche der Auffassung, dass…» präziser.
  • Adjektive. Sind sie notwendig oder nur schmückendes Beiwerk? Letztere können ersatzlos wegfallen.
  • Partizipialkonstruktionen kann ich sinnvoll in Relativsätze auflösen.

Satzbau: Abwechslung macht lesefreundlicher
Bandwurm- und Schachtelsätze liest niemand besonders gerne. Daneben achte ich auf folgendes:

  • Folgen meine Sätze stereotyp demselben Muster, sind sie immer gleich aufgebaut? Falls ja, ist es sinnvoll, hier und da einen Satz ganz bewußt umzustellen.
  • Schreibe ich zu wenige oder zu viele Nebensätze? Zu lange Aneinanderreihungen von Nebensätzen kann ich meistens sinnvoll unterteilen.
  • Die Satzlängen sollten variieren. Sätze, die sich immer in demselben Längenbereich bewegen, ermüden ebenso sehr wie ein stereotyper Satzbau.

Fachterminologie
Auch wenn Laien sich über ihnen unverständliche Fachsprache beschweren: Fachterminologie wird in einer wissenschaftlichen Arbeit erwartet! Denn ein Fachterminus besitzt innerhalb eines Faches eine gewisse Eindeutigkeit, die sich mit Alltagssprache einfach nicht erreichen läßt, und erlaubt es, einen Sachverhalt kompakt zu benennen. Wenn ich etwa von einem Signifikationsprozeß spreche, weiß ein Semiotiker, was ich damit meine. Ich muss mir jedoch stets die Frage stellen: Dient die Fachterminologie gerade der Eindeutigkeit, oder werfe ich mit buzzwords um mich, um wissenschaftlich zu klingen?

Nicht in allen wissenschaftlichen Diskussionen verwenden alle Beteiligten alle Begriffe in gleicher Weise. Trifft man solche Inkonsistenzen an, empfiehlt es sich, sie zu thematisieren, zur Not in den Fußnoten bzw. Anmerkungen (vgl. Kruse, S. 202) – bei dieser Gelegenheit sollte geklärt werden, wie man selbst den Begriff verwendet, und diese Verwendung muss innerhalb des Textes konsistent gehalten werden.

Last not least gilt: Wissenschaftsprosa ist keine Belletristik. Wissenschaftsprosa soll klar, präzise und (für Fachleute) verständlich sein. Angenehme Lesbarkeit ist erstrebenswert, aber die Aussage und ihre klare Vermittlung sollten im Vordergrund stehen und nicht die sprachliche Brillianz oder Originalität. Wenn ich wissenschaftliche Texte lese, möchte ich von Inhalten und nicht von komplexer Sprache beeindruckt werden.

(Bild: Mike McKay, flickr.com)

 

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3 Kommentare

  1. Aktiv, kurz & knackig – dann liest sich auch die Abschlussarbeit gut. Ich korrigiere selbst immer wieder Arbeiten und stimme den Tipps voll zu, mit einer kleinen Ergänzung für Studenten/Diplomanden: Immer auch den Schreibstil des Professors beobachten und im Zweifelsfall ein paar Probeseiten abgeben und mit ihm den eigenen Stil besprechen. Es gibt durchaus Exemplare, die sich erst von den Inhalten beeindrucken lassen, wenn sie möglichst verklausuliert dargebracht werden, nach dem Motto: “Intelligent ist ein Text erst, wenn 90 % aller LeserInnen ihn nicht verstehen.”

    • Was das “über Stil sprechen” mit Dozenten angeht – darüber machen sich meiner Erfahrung nach die wenigsten Dozenten Gedanken. Ich bekam bei vielen Dingen, meist grundsätzlicheren als dem sprachlichen Stil, ein “Machen Sie das, wie Sie es für richtig halten” zu hören – eigentlich nie mit der Konsequenz, dass das, wie ich es machte, dann verkehrt war. Es gibt ja auch den Gedanken, dass Studieren beinhalten soll, selbständige Arbeit und eigenständiges Denken zu lernen. In diesem Sinne ist es vielleicht nicht unbedingt ein kluger Gedanke, den Stil eines bestimmten Wissenschaftlers zu kopieren – außer zu Übungszwecken.

    • @ Camilla: Ich gebe dir absolut recht – Studieren soll in die Selbstständigkeit führen. Warum die Kopie sein, wenn du ein Original sein kannst?

      Es gibt aber leider an den Unis eine Minderheit (!) von Dozenten, die ihre Studenten als Mini-Mes sehen und sehr eigene Stilauffassungen vertreten. Mein persönlicher Rat wäre in so einem Fall ja: Flüchten und jemanden suchen, bei dem man sich geistig austoben darf! Machen nicht alle, geht auch nicht immer.

      Deshalb der Rat mit den Probeseiten, der vorrangig für Masterarbeiten geeignet ist. Wenn man dann hört: “Machen Sie, was Sie für richtig halten” – umso besser, genau so soll es sein.

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