Motiviert & produktiv Arbeiten:
So wirken Flow, Stress
und Endorphine

Selbstbestimmtes und sinnstiftendes Arbeiten bringt bessere Resultate. Dabei soll aber nicht einer reinen Wohlfühl-Kultur das Wort geredet werden. Auch Stress fördert produktives Arbeiten.

In der Diskussion zu meinem Artikel über Motivation durch selbstbestimmtes und sinnstiftendes Arbeiten tauchte die Frage auf, wie wichtig Disziplin, Leistungsbereitschaft und gesellschaftliche Anerkennung für motiviertes Arbeiten sind. Soll man bloss tun, worauf man Lust hat, um motiviert und produktiv zu arbeiten? Oder ist ein wenig Stress doch nicht so schlecht?

Flow
Der ungarisch-amerikanische Psychologie-Professor Mihály Csíkszentmihályi hat den Begriff Flow geprägt. Flow ist die Lust des Neugiertriebes: Neugier motiviert uns, voranzugehen, Probleme zu lösen und neue Herausforderungen zu bestehen. Dabei erleben wir Eustress (von griech. Eu = gut), der den Köper zwar auch belastet, aber wichtig ist, um neue und schwierige Aufgaben zu bewältigen. Denn wenn wir ein Problem lösen oder unter Zeitdruck eine Arbeit zufriedenstellend meistern, ist es durchaus sinnvoll, dass wir uns ein wenig unter Druck setzen, um Höchstleistungen zu erreichen.

Stress hilft, Ziele zu erreichen
Wenn wir uns Stress machen, dann in der Regel um ein Problem zu lösen oder etwas zu erreichen – zum Beispiel Anerkennung, soziale Bindungen oder Sicherheit. Und wenn wir das Problem lösen oder uns den Wunsch erfüllen, erfahren wir Freude – Flow eben. Umgekehrt ist auch Anerkennung wichtig, damit wir uns motiviert fühlen. Etwa durch den Chef, die Kollegen oder die Gesellschaft. Wer Dauerhaft zu wenig Anerkennung erfährt, ein Problem zu lösen, erlebt auch eine gesunde Herausforderung schnell als Druck.

Das Gehirn vernetzt sich schneller
Wenn der Chef uns eine wichtige Aufgabe überträgt, beginnen wir sofort zu überlegen, wie wir vorgehen werden und unser Organismus bereitet sich darauf vor, Höchstleistungen zu erbringen, um mit der Situation fertig zu werden. Neuere Ergebnisse der Hirnforschung, zeigen sogar, dass Stress die schnellere Vernetzung von Hirnzellen fördert: Jedes mal, wenn wir unter Stress ein Problem lösen, erlernen wir flott ein Denkmuster, das wir zukünftig in ähnlichen Situationen wieder abrufen können. Stress erhöht unsere Flexibilität.

Wie ein Hormoncocktail
Die Euphorie, die wir empfinden, wenn wir eine stressige Arbeit befriedigend abgeschlossen haben, verdanken wir unter anderem den Hormonen Noradrenalin und Serotonin. Sie rufen positive Gefühle hervor, die wie eine Belohnung für die vorherige Anstrengung wirken. Wenn der Eustress regelmäßig und dosiert auftritt, stimuliert er das Immunsystem und wirkt motivierend. Wichtig ist dabei, dass wir die Situation als Herausforderung erleben, der wir uns gerne stellen; die Aufgabe, die uns unser Chef gibt, sollte uns also weder unter- noch überfordern. Auf die richtige Mischung zwischen Flow und Routine kommt es an!

Die Bore-Out-Falle
Unterfordert fühlen sich die meisten Menschen dann, wenn eine Arbeit monoton ist und zu viel Routine beinhaltet. Dann droht das Bore-Out-Syndrom. Denn auch wenn ein gewisses Maß an Routine in unserem Leben wichtig ist: Ohne Veränderungen wird uns schlicht langweilig. Zwar erledigen wir unsere Arbeit gut und deutlich schneller, wenn wir die Aufgabe schon hundertmal gemacht haben, weil unser Gehirn sich einfach daran gewöhnt hat, dieses Verhalten quasi automatisch auszuführen.

Doch neue Herausforderungen, auch wenn sie zunächst Stress bedeuten, sind wichtig. Denn nur durch deren Bewältigung erreichen wir jenen Flow, der uns zu Höchstleistungen motiviert. Wer hingegen rigide an eingefahrenen Verhaltensweisen und an starren Denkmustern festhält, versagt sich dieses euphorische Gefühl.

Probleme, die wir nicht bewältigen können
Alllerdings birgt die Überforderung große Probleme. Während uns zu stupide Arbeiten langweilen, stoßen wir auch immer auf Herausforderungen, die wir als belastend, überfordernd und unangenehm empfinden. Häufig sind das Situationen, die wir glauben, nicht bewältigen zu können. Etwa Wirtschaftskrisen, die allgemeine Arbeitsmarktsituation oder der Stellenabbau im Unternehmen – alles Dinge, die der Einzelne nicht beeinflussen kann und die uns daher das Gefühl geben, ausgeliefert zu sein.

In solchen Momenten entsteht negativer Distress. Er tritt immer dann auf, wenn man keinen Ausweg weiß, weil das menschliche Gehirn aufgrund fehlender Erfahrungen auf die Schnelle keinen Lösungsmechanismus für dieses Problem bereit hält. Im Gegensatz zum Eustress erleben wir in solchen Situationen keinen Flow, sondern fühlen uns häufig hilflos und ängstlich.

Endorphinjunkies ohne Hirn?
Schweizer Forscher haben herausgefunden: Stress trübt unser Gedächtnis. Denn aus der Nebennierenrinde wird Cortisol ausgeschüttet, das den Körper vor Überanstrengung schützen soll. Es blockiert unter anderem die Gedächtnisleistung, führt zu einem hohen Blutzuckerspiegel, einer Übersäuerung des Blutes und zu einer Schwächung der Schilddrüsenfunktion.

Die Überforderung ist manchmal auch hausgemacht. Neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass manche Menschen regelrecht süchtig nach den körpereigenen Glückshormonen, dem Flow, werden: Sie führen stressige Situationen sogar mit Absicht herbei, weil sie mit dem positiven Gefühl, ein Problem bewältigt zu haben, immer wieder ihr Selbstbewusstsein stärken. Doch auf diese Weise kann Eustress schnell zu Distress werden: Denn nur wenn das enorme, auf eine körperliche Reaktion ausgerichtete Energiepotential, das durch die Ausschüttung von Stresshormonen entsteht, auch wieder vollständig abgebaut wird, kann sich der Körper entspannen.

Wer jedoch immer weiter unter Strom steht, glaubt bald aus reiner Überlastung, eine Aufgabe sei unüberwindlich und verliert dadurch jegliche Motivation. Daher: Unbedingt regelmäßig Pausen machen – sonst besteht akute Burnout-Gefahr!

(Bild: Phil Roeder bei flickr.com)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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4 Kommentare

  1. Ein wunderbarer und sehr ausführlicher Artikel. Ich genieße positiven Stress – während der Arbeit und auch in der Freizeit. Zu wissen, wann’s zu viel wird und unter welchen Umständen Distress entsteht, ist sehr wichtig. Im Angestelltenverhältnis bedeutet das natürlich manchmal auch, das Neinsagen lernen zu müssen. Ich glaube, vielen fällt es schwer, auf sich selbst zu achten – eine wichtige Fähigkeit, wenn man sein Leben positiv gestalten möchte.

  2. Ich stimme Tanja zu, will aber noch etwas hinzufügen. Als Arbeitnehmer hat man auch vielfach gar nicht unbedingt gross die Möglichkeiten, NEIN zu sagen. Man will ja einen guten Eindruck machen beim Chef und vielleicht denkt man sogar einmal daran, eine höhere Position zu erlangen – und für das meint man oft, sich stressresistent und cool geben zu müssen.

  3. Schöner Artikel. Im Flow zu Arbeiten geht leicht, befriedigt und es unheimlich viel weiter. Sowas wie Schaffensdrang. Es wird ja viel über burn-out geredet. Aber gerade die Überlangweilung ist auch Thema. Bore-out. Das mit dem Fluss und Arbeitszeiterfassung (wie konzentriere ich mich auf das Wesentliche…) haben wir gerade inter im Einsatz. Zeiterfassung 2.0 im Flow: http://www.flowtimer.net.

  4. Hallo Mijam,
    das mit dem NEIN-Sagen ist ein sehr wichtiger Aspekt, zu dem ich hier im Blog auch schon einen Artikel verfasst habe: http://imgriff.com/2008/0…-richtig-nein-sagen/

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  1. [...] es letzte Woche im Motivation ging, schreibe ich diese Woche auf imgriff über positven und negativen Stress. Denn um gut arbeiten zu können, braucht man keine [...]

  2. [...] es letzte Woche im Motivation ging, schreibe ich diese Woche auf imgriff über positven und negativen Stress. Denn um gut arbeiten zu können, braucht man keine reine [...]

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