Infoflut oder nicht? Das ist hier die Frage

Florian hat kürzlich auf einen Artikel verwiesen, der sich mit der Infoflut beschäftigt. Wenn man das Stichwort “Informationsflut” bei Google eingibt, erhält man 175’000 Ergebnisse. Schon der Beweis für deren Existenz? Sicher – aber ob das ein Problem darstellt, ist die andere Frage, der wir in diesem Artikel nachgehen wollen.

An sich ist nicht die Infoflut das Problem, sondern wie man an die relevanten Informationen herankommt. Das ist mehr als Wortklauberei: Dass es mehr Informationen gibt, als wir verarbeiten können, ist ein uraltes Phänomen und taucht nicht erst im Internet-Zeitalter auf. Das “Zuviel” mag sich zwar potenziert haben, aber ob ich “nur” viel zu viel oder unendlich zu viel Informationen zur Verfügung habe, spielt keine wesentliche Rolle. Zwar waren die Informationen weniger leicht verfügbar als heute oder nur einem bestimmten Kreis zugänglich (z.B. den Leuten, die lesen konnten), aber zuviel Informationen haben wir seit (mindestens) der Verbreitung des Buchdrucks.

Um wieder auf Dustin Wax und seinen Artikel zurückzukommen: Er unterscheidet zwischen Informationen und Inputs. Informationen können wir gar nie genug haben. Auf reine Inputs hingegen können wir gut verzichtet. Denn Inputs sind oberflächlich und informieren uns nicht, sondern stehlen Zeit und übertünchen die Informationen. Beispiele sind Junk Mails, Reality-Shows oder Viruswarnungen.

Inputs garantieren uns nur, dass wir noch verbunden sind. Das ist an sich nicht mal negativ. Erst wenn es Überhand nimmt, ist eine Veränderung angesagt. Wax nennt als (positives) Beispiel das übliche “Wie geht’s?”. Damit will man sich ja meistens nicht wirklich nach dem Befinden des Gegenübers erkundigen, sondern einen zwanglosen Einstieg in ein Gespräch finden. Denn antworte auf diese Frage das nächste Mal mit “Sehr schlecht”, und Du wirst garantiert auf ein ratloses, verwirrtes Gesicht stoßen. Im Englischen ist dieses Phänomen mit “How are you?” noch verbreiteter: Darauf ist sogar keine Antwort möglich und niemand stört sich daran.

Problematisch wird es erst dann, wenn auf die Verbindung nichts mehr folgt. Das ist beispielsweise oft beim ziellosen Surfen im Internet oder beim Zappen der Fall. Natürlich schauen wir manchmal TV, um uns zu entspannen oder zu unterhalten. Das ist auch gut so, solange man wirklich unterhalten wird. Wenn es aber nur noch darum geht, die Zeit tot zu schlagen oder wenn man nicht mehr davon weg kommt, dann ist es nutzlos und reine Zeitverschwendung.

Das Problem liegt also gar nicht in der Menge an Informationen, sondern darin, Informationen von Inputs zu unterscheiden, die relevanten Informationen heraus zu filtern. Es geht damit einerseits um die richtige Suchtechnik. Andererseits muss man lernen, Informationen so zu beurteilen, dass man das Relevante erkennt.

Dies sind meiner Meinung nach zwei Schlüsselqualifikationen unserer Zeit: Wie komme ich schnell und zuverlässig an relevante Informationen? Und wo ist die Schwelle, bei der ich genug weiß, um handeln zu können? Denn weiter suchen und auch weiter finden kann man immer.

Damit sind wir bei der Anschlussfrage: Was tue ich mit den Informationen? Informationen zur Kenntnis zu nehmen ist zwar nett, aber reiner Konsum. Informationen sollten eine Folge in meinem Tun haben. Das kann eine direkte Veränderung meiner Gewohnheiten oder Handlungen sein oder auch das Vergrößern des Wissensstandes. Ein Beispiel: Ein Student, der Bücher nur durchliest, hat nur konsumiert und wird die Prüfung kaum schaffen. Erst wenn ein Tun auf den Konsum folgt – hier das Verstehen, Speichern und Anwenden -, kann er die Prüfung schaffen.

Sehr schön ist dies auch bei der ganzen Produktivitätsindustrie zu beobachten: Es gibt unzählige Bücher, Blogs, Artikel, Hinweise und Tipps, wie man seine Produktivität erhöhen kann. Aber durch reines Lesen wird man nicht produktiver, im Gegenteil: In der Zeit, in der man immer weiter liest, hätte man seine Aufgaben wahrscheinlich locker geschafft. Erst wenn die Informationen zum Tun führen, wird eine Veränderung stattfinden. Nick Cernis hat dazu einen Aufsehen erregenden Artikel geschrieben. Lifehack.org hat diesen Artikel wiederum diskutiert und bekannt gemacht.

Wenn ich schon dabei bin: Was kannst Du nun mit diesem Artikel tun? Ganz einfach: Setze Dir immer ein Ziel! Vermeide es, ziel- und planlos Dinge zu tun. Damit meine ich nicht, dass man Blogs, Fernsehen oder das Internet nie einfach nur konsumieren darf, aber mach Dir bewusst, weshalb Du das tust. Das Ziel könnte sein: Ich will mich entspannen oder ich will einen guten Film sehen. Wenn Du aber merkst, dass Du nur so zappst, dann hör damit auf. Genau so kannst Du ohne schlechtes Gewissen einen Krimi oder Liebesroman lesen, weil es Dich abschalten lässt, Du Freude an der Sprache hast oder weil Du es einfach gerne tust. Aber ob Du regelmäßig Klatsch lesen musst, und ob Dich das weiter bringt, sei dahin gestellt.

Also: Wisse genau, weshalb Du etwas tust und was Du damit willst. Wenn es den Zweck und Dein Ziel nicht mehr erfüllt, dann lasse es ohne schlechtes Gewissen sein.

 

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7 Kommentare

  1. Wow! Sehr schöner Artikel! Es gibt ein Buch, welches mir genau in desem Punkt extrem die Augen geöffnet hat: »Wie man ein Buch liest.« von Mortimer J. Adler und Charles van Doren. Kann ich jedem nur empfehlen! Denn es beschreibt zwar wie man das »meiste« aus einem Buch rausholt, aber diese Prinzipien lassen sich genauso auf alle anderen Informationsquellen übertragen.

  2. @Hendrik: Danke schön!

    Das Buch von Adler und van Doren gilt übrigens als Klassiker. Bei amazon ist es auf Deutsch allerdings nicht mehr neu zu haben.
    Paul N. Edwars hat zu dem Thema ein schönes 7-seitiges PDF geschrieben: “How To Read A Book“. Fand ich sehr hilfreich!
    Und wie ich das manchmal mit Hilfe von MindMaps mache, habe ich anderswo beschrieben: “5 Schritte, das Optimum aus einem Buch heraus zu holen“.

  3. Obwohl es viele Informationen gibt, habe ich erst nach einigen Tagen diesen Artikel gefunden.
    Ich hatte nämlich die Frage: Sollte ich die Information lesen, die ich im Moment nutzen kann. Aber Information, die mir in der Zukunft nützlich sind lieber “ausfiltern”.

    Einfaches Beispiel:
    Ein Angestellter hat Aussicht nach einem neuen Job. Er unterzeichnet den Vertrag und kann somit nach der Probezeit in einer größeren Wohnung umziehen.

    Sollte dieser Angestellter nun Informationen durchlesen wie “Wie überstehe ich meine 100 Tage” statt seine Zeit mit Einrichtungskatalogen und Zeitschriften für Schöner Wohnen zu nutzen.

    Klar, er wird diese Information irgendwann auch gebrauchen. Aber nicht jetzt.

    Und wie sieht es bei “Newslettern” aus, die ihm z. B. Einrichtungsbeispiele per E-Mail zu sendet. Sollte er sich die Zeit nehmen, diese Information zu lesen.

    Wissen bzw. Information sollte man filtern nach dem eigenen Ziel, Bedürfniss und nach dem, was man braucht. Aber eben auch, nach dem was im Moment braucht?

    Ich freue mich auf Reaktionen meines Beitrages und ggf. auf Antworten auf meine Frage.

    • Ich schreibe zwar nur noch für meinen Blog, aber “darf” als Autor sicher auf Deine Fragen eingehen. :-)

      Ich lese nur die Dinge, die ich im Moment brauche. Der Rest wird sauber abgelegt bzw. gesammelt (z.B. mit Bookmarks). So habe ich ein schönes Wissensarchiv, auf das ich zurückgreifen kann.
      Der Moment hat also immer Vorrang.

      Das tue ich aber nur mit den Informationen, die ich tatsächlich bald brauche oder zu meinen Themen passen. Ich sammle nichts, was ich “irgendwann” mal vielleicht brauchen könnte.

      Ein Beispiel:
      Natürlich sammle ich alle interessanten Artikel über Zeitmanagement, auch wenn ich sie im Moment nicht brauche. Das gehört zum Thema “Wissensarchiv”.
      Hingegen speichere ich den schönen Artikel über Einrichtungsbeispiele sicher nicht, wenn kein Umzug in Sichtweite ist. Solche Dinge finde ich dann rasch wieder im Internet.

  4. Antwort an den Autor:

    Sicherlich können Sie auf meine Frage antworten. Wenn nicht Sie, wer dann?

    Das mit den Bookmarks mache ich auch.
    Eigentlich mache ich es noch sicherer.

    Wenn ich etwas im Internet “entdecke”, dann kopiere ich mir diesen Text in einer Word-Datei. Damit bin ich nicht mehr abhängig davon, ob der Anbieter die Seite noch auf “on” hat.

    Allerdings: Was kommt alles bei mir in diese Bookmark-Ordner?

    Informationen, wie folgende:

    - wird mir sicherlich gebrauchen (wann weiss ich nicht, aber wird kommen) -> abspeichern
    - das könnte auch mir widerfahren -> abspeichern

    Was nicht gespeichert wird:

    - das kann mir nicht widerfahren/passieren, kann man gar nicht mit meiner Lage vergleichen

    Das einzige Problem dabei:
    Man verfängt sich schnell in Informationssuche und man vergisst das Handeln.

    Wenn ich z. B. in zwei Jahren einen Umzug plane, dann brauche ich heute nicht Kataloge zu archivieren, die irgendwelche Sofas abgebildet haben. Oder gar eine Rechnung aufstellen, wieviel der Umzug in zwei Jahren kosten wird.

    Stattdessen bin ich auf z. B. Jobsuche und hab eigentlich schon die nächsten Schritte vor mir liegen, ich hab z. B. schon eine Firmenliste von Firmen mit offenen Stellen.
    Aber ich vertue die Zeit mit der Suche bzw. mit den Lesen eines Prospekts/Katalogs für Einrichtungsgegenstände.

    Ok, Bewerbungen schreiben ist mein Ding. Ich mag statt dessen es in Einrichtungsprospekten zu blättern.
    Aber wenn ich mich nicht demnächst bewerbe, dann werde ich auch nicht in zwei Jahren umziehen können.

    Ich denke nur an die Probleme bzw. an die Gedankengänge, die ich im Moment nicht machen muss, aber die sicherlich in zwei, drei Jahren auf mich kommen werden.
    Aber, der Newsletter, bzw. der Prospekt, der wöchentlich in meinem Briefkasten ist, der führt mich dazu mich mit einem Thema zu beschäftigen, mit dem ich mich erst in zwei Jahren beschäftigen sollte.

    Und das ist eigentlich mein aktuelles Problem.

    • Danke für die Präzisierung! Eine “Ferndiagnose” ist immer recht heikel, aber ich lese aus Ihren Zeilen einen gewissen Hang zum Aufschieben. Könnte da vielleicht der Hund begraben sein?

  5. Hallo,

    wenn ich einen gewissen Hang habe zum Aufschieben, dann aber auch sie ;-)

    Eigentlich ist es nicht Aufschieben.
    Es ist eher an das Positive denken und nicht an das Negative.

    Das alte Beispiel mit den Bewerbungen und den Umzug.
    Ich beschäftige mich lieber mit Einrichtungsprospekten Aus dem Grund, weil ich es ja toll finde, in einer geräumigen großen Wohnung “irgendwann mal” zu wohnen.

    Nun, im Moment kann ich mir eine große/eigene Wohnung nicht leisten. Dafür müsste ich einen besserbezahlten Job kriegen. Daher muss ich mich bewerben.

    Aber ich vertreibe meine Zeit eher mit den monatlichen Einrichtungsprospekt statt mit dem wöchentlichen Newsletter einer der vielen Jobportale im Internet.
    Den Newsletter des Jobportals schaue ich mir nicht an, um so mehr den Prospekt.

    Aber wie kann ich denn umziehen, wenn ich doch mich vorher bewerben sollte.

    Ja, ich schiebe auf, und zwar das Lesen von Informationen über Bewerbungen, z. B. “Wie verhält man sich im Vorstellungsgespräch?”
    Genau diese Info bräuchte ich jetzt aktuell, aber stattdessen lese ich eher Informationen mit dem Thema “Schimmel, und wie Sie von Anfang an damit klar kommen” (sollte nur ein dummes Beispiel sein).

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