Binsenwahrheiten hinterfragen:
Manchmal kommt das Vergnügen vor der Arbeit

Jeder kennt sie: die Regeln, die einem in der Kindheit und im Berufsleben eingeimpft werden. Und die man nicht zu hinterfragen habe, da sie «schon immer» gegolten hätten. So zum Beispiel «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen». Warum so eine Regel nicht immer sinnvoll ist und wie man diesen Glaubenssatz abändern kann, zeige ich heute.

arbeit_niemalsEs ist wie mit allem im Leben: Auch Glaubenssätze, angelernte Verhaltensregeln und Binsenweisheiten (meist aus der Kindheit) haben eine gute und eine schlechte Seite. Wichtig ist, dass man sich diese Glaubenssätze immer mal wieder bewusst macht, hinterfragt, verändert oder den einen oder anderen sogar streicht.

Die einen Glaubenssätze sind leicht zu erkennen: Man hört innerlich noch heute die Stimme der Mutter, des Grossvaters oder des Lehrers: «Der Klügere gibt nach», «Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben» oder eben «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen» oder – in der «kindergerechten» Form: «Du darfst erst zum Spielen raus, wenn Du alle Schulaufgaben gemacht hast.»

Schwieriger ist’s mit jenen Regeln, die z.B. durch Gesten oder Verhalten der Eltern geprägt wurden; aber das soll hier nicht das Thema sein.

Was steckt dahinter?

Glaubenssätze wie «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen» sind tief verankert und haben in bestimmten Situationen durchaus ihre Berechtigung. Das Problem aber besteht meist darin, dass sie sich so gefestigt und in unserem Unterbewusstsein verankert haben. Und so passiert es, dass sie nicht mehr situativ angewendet werden und immer und überall zum Zug kommen. Das zeigt sich auch darin, dass Glaubenssätze oft mit «Immer», «Alle» oder «Grundsätzlich» beginnen.

Nehmen wir «Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen». Es gibt durchaus Situationen, in denen es nicht nur sinnvoll, sondern gar notwendig ist, die Arbeit, das Notwendige, das Unangenehme zuerst anzupacken und zu erledigen. Wenn ich etwa dem Kunden versprochen habe, ihm noch am Vormittag Bescheid zu geben (Faktor Zeit) oder wenn das Referat meines Kollegen, das ich korrekturlesen soll, für unsere Firma von grosser Bedeutung ist (Faktor Wichtigkeit), dann ist es richtig, in dieser Situation zuerst die Arbeit zu erledigen und nicht dem Vergnügen den Vorrang zu geben.

Aber ist es wirklich sinnvoll, das «Vergnügen» immer ganz an den Schluss zu stellen? Ist es wirklich die richtige Strategie, sich durch die Arbeit durchbeissen zu müssen? Und was ist, wenn ich am Ende des Tages keine Energie mehr habe, um in der Biographie von Steve Jobs zu lesen, den täglichen Spaziergang zu machen oder am Wochenende zu müde bin für die geplante Fahrradtour mit der Familie?

Geht’s nicht auch anders?

Wir kennen das alle: Man ackert schon über zwei Stunden an einer Aufgabe, und je mehr man sich anstrengt, desto weniger schaut dabei raus. Deshalb sind Pausen, Belohnungen und «Vergnügen» wichtig. Vergnügen bedeutet nämlich auch, den Kopf zu lüften, abzuschalten und Energie aufzutanken.

Medizin und Forschung sind sich einig: Wer konsequent und in regelmässigen Abständen seine Arbeit unterbricht, der steigert nicht nur seine Produktivität, sondern auch die Zufriedenheit, weil Körper und Geist sich zwischendurch erholen können.

Deshalb sollten wir immer mal wieder hinterfragen, ob es heute und jetzt wichtig, nötig und sinnvoll ist, dem Glaubenssatz in seiner Urform zu folgen. Und ob es – vielleicht mit etwas Mut – anders ginge. Oder anders sogar besser wäre.

Hier meine fünf Alternativen als Denkanstösse:

  1. Reverse Mode: Zuerst mit dem Vergnügen beginnen, dabei Schwung holen und beim Unangenehmen vom Elan profitieren.
  2. Pomodoro: In jedem Arbeitsblock von 20-30 Minuten nur eine Aufgabe bearbeiten, danach eine fünfminütige Pause machen und so mehr schaffen.
  3. Ping Pong: Arbeit und Vergnügen schön abwechslungsweise anpacken bzw. geniessen, (fast) unabhängig von der sich bewilligten Zeit.
  4. Sandwich: Oben und unten das Vergnügen, in der Mitte die Arbeit – motivierend und belohnend eingebettet.
  5. Mut: Das Unangenehme für einmal ganz weglassen (und dann gut darauf achten, wie gross der Schaden wirklich ist).

Einen Versuch ist’s wert! Denn wer sich bewusst entscheidet, dem Vergnügen – und damit der Erholung und der Motivation für neue Leistungen – auch während der Arbeitszeiten den gebührenden Platz zu geben, wird über längere Zeit durch die Zufriedenheit mehr leisten können.

Sonst ist’s wie bei den Äpfeln im Keller: Wer stets die schon leicht schrumpeligen Äpfel isst, damit diese nicht verfaulen, wird nie einen frischen, knackigen Apfel essen können, weil die knackigen in der Zwischenzeit ebenfalls schrumpelig geworden sind.

Also: Arbeit und Vergnügen. Nicht oder! Und immer mal wieder in einen knackigen Apfel beissen!

 

Bild: Metro Centric bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

Marcel Widmer

Marcel Widmer begleitet als ausgebildeter Coach und Organisationsberater Fach- und Führungskräfte, Teams sowie Organisationen bei der eigenen Entwicklung. Als Autor bei imgriff.com bloggt Marcel Widmer seit Anfang 2013 praxisnah zu Themen wie Organisation, Zeit- und Selbstmanagement. → mehr …

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Ein Kommentar

  1. Danke für diesen tollen Artikel. Mir gefällt die Sandwich-Idee ganz gut!

    Grüße
    Stephany

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