Arbeiten auf der Insel:
«Mein Arbeitsrhythmus passt gut zum Leben hier»

Wer von uns überlegt sich nicht gelegentlich, wie es wäre, auf einer Insel irgendwo im Süden zu arbeiten – mitten unter Fischern und Touristen? Ein Gespräch mit einer Übersetzerin, die diesen Schritt gewagt hat. Sie erzählt, wie sie ihr Arbeitsleben organisiert.

Im Juni war ich auf den äolischen Inseln unterwegs und habe eine Freundin besucht, die sich dort niedergelassen hat. Claudia lebt und arbeitet seit drei Jahren auf einer der sieben kleinen Vulkaninseln vor Sizilien. Sie ist freischaffende Übersetzerin und nimmt auch einzelne Aufträge für Lektorat oder Ghostwriting an. Ihre Auftraggeber sind grösstenteils in der Schweiz. Ich war neugierig zu erfahren, wie sich Claudia ihr Arbeitsleben an diesem abgeschiedenen Ort eingerichtet hat.

Wie ich beobachtet habe, bist Du immer auf Abruf. Wie grenzt Du Dich ab?

Claudia: Mich aktiv abzugrenzen war bisher nie nötig. Es ist für mich keine Belastung und für die Auftraggeber ein grosses Plus, dass ich jederzeit erreichbar bin. Ich habe das Handy immer dabei und checke auch regelmässig meine E-Mails. Aber in 95% der Fälle kommen Aufträge rein, wenn ich sowieso am PC am Arbeiten bin. Ungefähr die Hälfte davon ist nicht dringend; die andere Hälfte sind Expressaufträge.

Aber wie vereinbarst Du die häufigen Expressaufträge mit Deinem Privatleben?

Notfälle zu ungewöhnlichen Zeiten wie z.B. spätabends sind sehr selten. Meine Auftraggeber sind ja in der gleichen Zeitzone wie ich. Und: Mein Arbeitsrhythmus passt gut zum Leben auf der Insel: Es wird hier kaum ein Unterschied zwischen Wochentagen und Wochenende gemacht. Meine Freunde und Bekannten hier haben einen ähnlichen Arbeitsrhythmus wie ich; sind sehr flexibel. (Tourismus, Bau und Fischerei gehören zu den wichtigsten Arbeitsfeldern, Anm. d. Red.)

Als ich noch in der Schweiz gearbeitet habe, war es schwieriger, in meinem Bekanntenkreis Akzeptanz für meine Arbeitszeiten zu finden. Viele hatten jeden Tag die gleichen, festgelegten Bürozeiten. In der Schweiz wäre ich schräg angeschaut worden, wenn ich mich kurz für eine Stunde von einem Abendessen verabschiedet, einen Expressauftrag erledigt hätte und dann wieder aufgetaucht wäre. Hier ist das viel normaler und wird respektiert.

Fährst Du auch mal in den Urlaub?

Das ist nicht ganz einfach. Natürlich verreise ich hin und wieder, besuche z.B. Freunde und Familie im Ausland. Ich arbeite dann auch von unterwegs aus, informiere aber meine Auftraggeber, dass ich in dieser Zeit keine Expressaufträge annehme.

Welches sind Deine Arbeitsinstrumente?

Das ist ziemlich überschaubar: Ich habe meinen Laptop; der ist immer überall dabei. Backup mache ich mit einem externen Harddrive. Dann einen Drucker, ein spezielles Handy-Abo für internationale Anrufe und Internet-Abos bei zwei verschiedenen Anbietern.

Warum bei zwei verschiedenen Anbietern?

Es gibt hier auf der Insel regelmässig Störungen mit der Internet-Verbindung. Das ist ein echtes Problem, weil damit meine ständige Erreichbarkeit gefährdet ist. Auch wenn ich auf dem Schiff oder im Flugzeug arbeite, ist es ein Nachteil, dass ich vorübergehend keinen Empfang habe. Wenn ich hier auf der Insel nicht ins Netz komme, bin ich zwar noch via Handy erreichbar, aber ich erreiche z.B. meine Online-Wörterbücher nicht. Solche überraschenden Ausfälle sind eigentlich der grösste Stressfaktor bei meiner Arbeit.

Aber abgesehen vom Stressfaktor: Es ist einfach paradiesisch hier… Wie hältst Du Dich davon ab, ständig dem Dolce-far-niente zu frönen?

Das braucht keine Selbstüberwindung. Zum Glück bin ich ein Mensch, der sich nicht entspannen kann, wenn irgendwo Arbeit wartet. Sogar wenn die Deadline für einen Auftrag erst in einer Woche ist, fange ich meist sofort an zu arbeiten – ich weiss ja auch nie, ob plötzlich weitere, dringende Aufträge hinzukommen. Darum ist es für mich nicht schwierig, mich zu motivieren und zu strukturieren. Jedenfalls, wenn es um die eigentliche Arbeit geht. Bei der Buchhaltung und beim Schreiben von Rechnungen kann’s hingegen schon mal passieren, dass ich prokrastiniere. Aber für diese Aufgaben habe ich mir monatliche Endtermine festgelegt, an die ich mich auch halte.

Du siehst Deine Auftraggeber kaum je. Erhältst Du trotzdem Feedback und Anerkennung?

Nicht regelmässig, aber ich hole aktiv Feedback ein. Meine Kunden sind auch privat Freunde von mir, und ich weiss, dass sie es mir sagen würden, wenn sie nicht zufrieden wären. Sie schätzen es sehr, dass ich mich immer und unter allen Umständen an die Deadlines halte, die wir vereinbart haben. Und ich lege sehr grossen Wert darauf, immer Arbeit in höchster Qualität abzuliefern. Egal, wo auf der Welt ich arbeite.

 

Sabine Gysi

Sabine Gysi ist die leitende Redakteurin von imgriff.com für Blogwerk AG.

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3 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Beitrag und das Sichtbarmachen ‘anderer’ Arbeitsweisen.

    Als Selbstständiger und Jemand, der seinen Job wirklich liebt und ihn gerne tut, muss ich mich manchmal richtig rechtfertigen, das ich 16:30 noch keinen Feierabend habe.

  2. Ein Artikel, der bei mir die Gedanken ins Rollen gebracht hat! Ich bin schon lange unzufrieden mit dem 9-to-5, welches uns aufgezwungen wird. Man wird seltsam angeschaut, wenn man bereits um 16 Uhr den Arbeitsplatz verlässt, aber noch unverständiger, wenn man am Sonntagnachmittag ein paar Stunden arbeitet. Wer Flexibilität vom Mitarbeiter fordert, sollte auch nicht verdutzt gucken, wenn sich dieser jene auch nimmt.

    Diese Frau macht es richtig, denn anders – vielen Dank, dass ihr Claudia und ihre Arbeitsweise vergestellt habt!

    • Naja, ob es “richtig, denn anders” ist, ist für mich fraglich. Ich persönlich bin sehr froh, am Wochenende nicht arbeiten zu müssen, sondern ungeteilte Zeit und Aufmerksamkeit für mein Privatleben zu haben…

      Schön ist in meinen Augen, wenn man es sich wirklich aussuchen kann!

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