Die Qual der Wahl:
Die Vielfalt des Möglichen macht es nicht einfacher

Jeder von uns kennt das: Ganz egal, ob man bei Starbucks einen Kaffee trinken will, die Schriftarten für die Broschüre zum Firmenjubiläum auswählt oder einen Wellness-Aufenthalt im Tirol bucht – die Entscheidung fällt schwer. Es gibt einige Tricks, um das Dilemma zu verkleinern.

auswahl150Ob’s um den Kauf eines Beamers für das Sitzungszimmer, die Auswahl des neuen Bodenbelags im Wohnzimmer oder die Farbe für das neue Auto geht: Die Vielzahl der Möglichkeiten macht anfänglich Spass und gibt einem das Gefühl, dass sicher das Richtige darunter ist. Bei so vielen gegeneinander abgewogenen Optionen kann es am Schluss doch nur eines geben: den perfekten Entscheid.

Führt eine grosse Auswahl zwangsläufig zu einem guten Entscheid?

Doch je länger wir uns mit den zahlreichen Möglichkeiten und den daraus resultierenden, unzähligen Varianten beschäftigen, desto mehr wird der zu fällende Entscheid zur Last. Wir haben nicht Mühe zu entscheiden, weil wir zu wenige Wahlmöglichkeiten hätten – im Gegenteil, die Auswahl ist schlicht zu gross.

Und es kommt noch schlimmer: Kurze Zeit nachdem wir uns zum Entscheid durchgerungen haben, tauchen Zweifel auf. Hätten wir nicht doch besser den lichtstärkeren Beamer gekauft, den Parkettbelag und nicht die Keramikplatten gewählt bzw. das Auto in Blau statt in Schwarz bestellt? Das ungute Gefühl, die falsche Wahl getroffen zu haben, macht die Freude am Entscheid schnell wieder zunichte.

Die Zweifel am gefällten Entscheid

Die amerikanischen Psychologen Sheena S. Iyengar und Mark R. Lepper haben in ihren Studien untersucht, wie Probanden reagieren, wenn sie mit einer psychologisch nicht mehr bewältigbaren Auswahl von verschiedenen Schokoladen konfrontiert sind. Bei der Mehrzahl der Personen lösten die Möglichkeiten, die gegeneinander abzuwägen waren, eine grosse Verunsicherung aus. Jeder Teilnehmer hätte eine Tafel der von ihm gewählten Schokolade mitnehmen dürfen. 88% aber verzichteten darauf – aus Angst, eine schlechte Wahl getroffen zu haben. (Studie: «When Choice is Demotivating: Can One Desire Too Much of a Good Thing?»)

Die Folgerung aus diesen Untersuchungen: Egal, wofür wir uns bei einer zu grossen Auswahl entscheiden, wir geraten in eine Zwickmühle, die sogar dazu führen kann, dass wir einem Entscheid ausweichen oder ihn später umstürzen. Je vielfältiger und verlockender die Varianten, desto höher sind die eigenen Erwartungen und desto unzufriedener wird uns die getroffene Wahl machen. Und das führt unweigerlich zum Gefühl, man habe falsch entschieden.

Praxistipps: Auswahl reduzieren

Welche Folgerungen können wir aus diesen Erkenntnissen für den Alltag ableiten? Wie verhindern wir, dass die grosse Auswahl kontraproduktiv wird? Wie bewirken wir, dass wir Entscheidungen besser und ohne schlechtes Gefühl treffen können? Diese Tricks helfen:

  1. Wahlmöglichkeiten von vornherein ausschalten: z.B. Notebook am Freitag im Büro lassen – dadurch ist Arbeiten übers Wochenende kein Thema.
  2. Die Anzahl der insgesamt wählbaren Optionen vorbeugend beschränken bzw. festlegen: z.B. «Wir werden höchstens 50 Freunde zur meinem 30. Geburtstag einladen!»
  3. Auswahl durch messbare, zuvor festgelegte Kriterien einschränken: z.B. Maximalpreis für die zu kaufende Fotokamera festlegen.
  4. Verfügbare Zeit für den Entscheid einschränken: z.B. «Ich werde bis heute 18:00 Uhr entschieden haben».
  5. Zahl der Optionen mit Selbstdisziplin tief halten: z.B. maximal 12 Optionen sammeln, dann die Suche nach weiteren stoppen.
  6. Technische Gegebenheiten vorher definieren bzw. begrenzen: z.B. kein Auto, das über 8 L/100 km verbraucht.
  7. Die Varianten auf den Kern des Themas ausrichten bzw. vor-auswählen: z.B. keine optischen Finessen in der teaminternen Kurzpräsentation.
  8. Loslassen und der eigenen Entscheidungsfähigkeit trauen: z.B. intuitiv entscheiden und zuversichtlich sein, dass der Entscheid ok sein wird.

Angeregt zu diesem Artikel hat mich «Des Guten zuviel» im Buch von Doris Märtin «Gut ist besser als perfekt – die Kunst, sich das Leben leichter zu machen» (Affiliate-Link).

 

Bild: fronx bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

Marcel Widmer

Marcel Widmer begleitet als ausgebildeter Coach und Organisationsberater Fach- und Führungskräfte, Teams sowie Organisationen bei der eigenen Entwicklung. Als Autor bei imgriff.com bloggt Marcel Widmer seit Anfang 2013 praxisnah zu Themen wie Organisation, Zeit- und Selbstmanagement. → mehr …

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2 Kommentare

  1. Die Quote im Schokoladenbeispiel ist heftig, es unterstützt aber meine Vermutung, daß die immer geringer werdende Wahlbeteiligung bei uns auch damit zu tun hat, daß es immer mehr Parteien zur Auswahl gibt; früher war die Entscheidung (rechts oder links) einfacher.

    zu 2.: Die Begrenzung der Anzahl der Gäste macht die Entscheidung nicht leichter, eher im Gegenteil. Vor allem bleibt aber die Menge der Optionen, die Anzahl der Freunde, gleich.

    Die gutgemeinten Praxistipps (Höchstpreis, Zeit, Zahl der Optionen) ändern nichts an späteren Zweifeln; eher im Gegenteil, denn man kann sich zusätzlich fragen, ob die gesetzten Grenzen richtig waren, oder ob es nicht z.B. für ein paar Cent mehr eine wesentlich bessere Lösung gegeben hätte.

    Wichtig scheint mir dagegen zu sein, nach einem Auswahlprozeß und der getroffenen Entscheidung sich nicht mehr mit den Angeboten zu beschäftigen.
    Es sei denn, man kann ggf. noch die 2-wöchige Rückgabefrist nutzen, und seine Entscheidung rückgängig machen.:-)

  2. interessanter Text und hilfreiche Bewältigungsstrategieen. Auch wenn man diese oftmals jedoch nicht ganz so einfach umsetzten kann, ist es schon einmal sinnvoll sie zu kennen. Meiner Meinung nach, sollte man bei einer Entscheidung Vor-und Nachteile abwägen und gleichzeitig aber immer auch noch auf das Bauchgefühl hören. Punkt 8 sollte dementsprechend nicht vernachlässigt werden. Bei mir sind die intuitiven Entscheidungen meist die richtigen!

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