Manipulative Chefs:
So stehlen sie unsere Zeit

Manche Chefs haben einen Schönheitsfehler: Sie beuten unsere Arbeitskraft aus, und wir merken es nicht mal. Wie genau stellen sie es eigentlich an, uns mehr abzuverlangen, als wir zu geben bereit sind?

Ein Satz hat sich mir vor einiger Zeit ins Gedächtnis eingebrannt: «Sie können nur Geld verdienen, wenn andere für Sie arbeiten», sagte DM-Gründer Götz Werner 2010 auf der re:publica. Man kann diese Aussage nun als den Regelfall eines hierachischen Arbeitsverhältnisses interpretieren, in dem Aufgaben organisiert, delegiert und verteilt werden müssen.

Man kann aber auch den potentiellen Sarkasmus hinter dieser Aussage wahrnehmen und sich fragen, welche psychologischen Mechanismen hier wirksam werden. Was bedeutet es genau, andere für sich arbeiten zu lassen? Wie werden Menschen überzeugt, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht mal tun wollen?

Money, Money, Money

Natürlich einer der wichtigsten Motivatoren überhaupt: Eine Umfrage des Consulting-Unternehmens von Rundstedt zeigt, dass sich ein Viertel der Befragten vor allem durch Sondervergütungen motivieren lassen. Wer ein hohes Gehalt bezahlt, darf auch viel von seinen Arbeitnehmern erwarten. Aber erstaunlicherweise ist es häufig meist umgekehrt: Je geringer das Gehalt, desto höher der «Ausnutzfaktor». Es müssen also noch andere Faktoren wirksam werden.

Hauptsache große Ideen

Und tatsächlich, Studien wie diese von der New York University und der London Business School zeigen, dass intrinsische Faktoren häufig wichtiger für die Motivation sind als äußere Anreize. Kurz: Geld ist nicht alles. Häufig werden Mitarbeiter mit einer großen Idee geködert, für die es sich lohnt zu arbeiten. Das ist vor allem im Non-Profit-Sektor so, wo es vergleichsweise wenig Geld gibt. Hier wirkt dann die große, verbindende sozial-ökologische Idee oder der Aufbau eines gemeinsamen Unternehmens gleichsam wie die Karotte vor der Nase. Je größer und wichtiger die Idee, desto mehr Einsatz wird verlangt und desto weniger Geld wird gezahlt. Was hilft: Einfach mal die herrschende Ideologie in Frage stellen.

Der Trick mit der Unersetzbarkeit

Eine andere Methode ist es, Mitarbeiter mit Schmeicheleien dazu zu überreden, mehr zu tun als sie eigentlich müssten. «Du kennst Dich so gut aus – würdest Du mir helfen, diese Informationen zu recherchieren?» Da es viele Menschen besonders freut, wenn man sie für unersetzbar hält, helfen sie natürlich gern.
Was hilft: Mache das persönliche Problem eines anderen nicht zu Deinem eigenen, wenn Du um etwas gebeten wirst. Gib höchstens einige Ratschläge zur Selbsthilfe: «Ich habe genau zu diesem Thema kürzlich ein sehr interessantes Buch gelesen – das wäre bestimmt etwas für Dich!»

Manipulation durch Fragetechniken

Eine geschickte Methode der Manipulation, die ihre subtile Wirkung selten verfehlt und viele Menschen unter Druck setzt und überrumpelt – und schon machst Du doch wieder Überstunden statt früh Feierabend.

Suggestivfragen sind solche, bei denen sich der Fragesteller selbst die Antwort gibt und Dich so von der Berechtigung seiner Aussage überzeugen will. «Bist Du nicht auch dieser Meinung?» Was hilft: Einfach mutig mit «Nein» antworten.

In eine ganz ähnliche Richtung laufen Entscheidungsfragen – auch diese sind dazu gedacht, Menschen, die sich schnell überfordert fühlen, hilflos zu machen. Bei solchen Entscheidungsfragen hat man Dir nämlich die Entscheidung, ob Du eine Bitte erfüllen willst, schon längst abgenommen: «Wir haben für morgen ein Meeting der Arbeitsgruppe angesetzt. Willst Du über Dein Projekt sprechen?» Und schon kannst Du Dir mit zusätzlicher Arbeit die Nacht um die Ohren schlagen.

Wenn Du jetzt nur die Frage beantwortest, hast du die Forderung schon akzeptiert. Was hilft: Zunächst auf die Aussage eingehen, dann erst die Frage beantworten: «Ich habe morgen keine Zeit. Aber wenn wir das Meeting übermorgen abhalten, würde ich gerne auch über mein Projekt reden!»

Was also tun?

Natürlich ist es keine Lösung, in einen direkten Konfrontationskurs mit dem manipulativen Chef zu gehen – zumindest wenn einem der Job lieb ist. Man wird wohl oder übel Kompromisse machen müssen, denn der Chef sitzt letztendlich am längeren Hebel. Wer sich jedoch die Manipulationstechniken bewusst macht, kann vielleicht in dem einen oder anderen Fall vorbeugen. Weitere Manipulationstechniken habe ich übrigens in diesem Artikel beschrieben.

 

Bild: Wolfgang Lonien bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie ist Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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11.8.2014, 4 KommentareQuantified Self für Kids – Teil 2:
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Kürzlich habe ich bei einem Aufenthalt in Estland das ICT-Democenter besucht. Dort haben wir über das E-Government-System der estnischen Regierung diskutiert. Ein Thema, das ich besonders spannend fand, war das Tool e-School, dessen Zweck und Anwendungsbereiche ich im ersten Teil meines Beitrags erklärt habe. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Kinder hier schon früh »über-optimiert« werden.

6 Kommentare

  1. Ich verstehe den Artikel nicht. Wenn man also Spass an der einer herausfordernden Aufgabe hat, soll man sie rasch in Frage stellen, denn man könnte ausgenützt werden? Arbeit macht Spass, und ist nichts Schlimmes. Und in einem Team etwas zu erreichen weil alle an einem Strang ziehen und nicht ständig auf die Uhr schauen macht besonders Spass.
    Aber aus der Sicht des Autors ist es vielleicht schon ein Ausnützen. Gott sei Dank denken nicht alle Menschen so.

  2. Hallo,
    interessanter Artikel. Ich denke, dass jeder Arbeitnehmer für sich selbst entscheiden muss, wie weit er geht und welche Aufgaben er zusätzlich macht.

    Ich finde aber auch, dass es nicht so sein sollte, dass man bei einem guten Job um Punkt 17 Uhr (offizieller Feierabend eben) immer alles stehen und liegen lässt. Wer Spaß an der Arbeit hat, arbeitet vielleicht auch gerne mal etwas länger, um zufriedener nach Hause zu gehen und ein Projekt abzuschließen. Ein solches Engagement wird ja auch nicht selten mit zukünftigen Gehaltserhöhungen oder Beförderungen belohnt. Hier sollte man daher abwägen. Es kommt natürlich auch immer ganz auf die Person, den Arbeitgeber und die Umstände an. Ausnutzen lassen sollte sich natürlich niemand!

    LG

  3. Dieser Artikel ist von der Stimmung her schon bei der Resignation. Von vorn herein erst mal dagegen sein. Er zeugt auch von wenig Einblick in tatsächlich problematische Beziehungen zwischen Chefs und Mitarbeitern. Und zuletzt wird er nicht dem gerecht, was moderne Führung ausmachen sollte: Souveräne Entscheidung der Mitarbeter unter selbtst und zusammen erarbeiteten Zielvorgaben. Dann braucht der Chef nicht “manipulieren”, sondern ist eine Service-Kraft, die den Mitarbeitern ermöglicht ihre Ziele zu erreichen, in dem Hürden aus dem Weg geschafft, Arbeitsgeräte beschafft und Konflikte beseitigt werden.

  4. Hallo zusammen,
    nein es geht mir nicht um ein Plädoyer dafür, um Punkt 17 Uhr den Griffel fallen zu lassen. Wie kommt Ihr denn darauf? Im Gegenteil, wenn alle beteiligten gerne und gut zusammen arbeiten, ist das doch super.

    Wie Gilbert schon sagt: “was moderne Führung ausmachen SOLLTE” – die Realität sieht leider oft anders aus: Es gibt eine Vielzahl von Jobs, in denen Mitarbeiter für ihre gute und hochmotivierte Arbeit nicht ausreichend entlohnt werden, sondern auf die beschriebene Art und Weise noch zur Mehrarbeit genötigt werden. Vielleicht sind die Mitarbeiter, die sich z.B. zu Haufe in meinem Blog beschweren aber auch einfach undankbar und jammern herum. Vielleicht gibt es auch umsonst einen ganzen Schwung von Führungsliteratur und Führungscoaches.

    • Stimmt schon, aber ich finde, wir sollten uns von der Jammerei nicht anstecken lassen und uns den Jammerern schon gar nicht anbiedern. Die hören natürlich gerne, dass immer die anderen (hier: Chefs) Schuld sind und nehmen Tipps und Tricks, wie sie den wirklichen Problemen ausweichen können, gern an. Mir wäre lieber, wir diskutieren eben dieses “SOLLTE” und seine Umsetzbarkeit. Dazu gehört auch aufzuzeigen, dass das bereits vielfach Realität ist. Denn nur wenn etwas ist, kann es auch mehr werden.

    • Hallo Gilbert,
      das ist ein guter Ansatz. Hast du vielleicht ein Beispiel aus der Realität?
      Gruß
      Simone Janson

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