Zwischen Optimierung und Obsession:
Ein nüchterner Blick von aussen auf Quantified Self

Ich messe mich, also verbessere ich mich: Wer zur Selbstoptimierung seine eigenen Daten erhebt und vergleicht, möchte gesünder, schneller, effizienter oder produktiver werden. Er möchte Erkenntnisse über den eigenen Körper und sein Verhalten gewinnen und einen Motivations- und Lernprozess in Gang setzen. Vielleicht wird er aber einfach nur gestresster?

Heute zurückgelegte Schritte bzw. Kilometer, absolvierte Liegestützen, konsumierte Kalorien, mit Schlaf oder im Internet verbrachte Stunden und Minuten; aber auch Blutdruck, Gewicht, Vitaminhaushalt, Stimmung – und wie sich all dies gegenüber gestern, vorgestern und vor einem Monat verändert hat. Wer will, kann das mit wenig Aufwand ständig messen. Eine grosse Auswahl an Gadgets und Apps stehen dem Selbstoptimierer dafür zur Verfügung. Und er befindet sich in stetig wachsender Gesellschaft: der globalen Quantified-Self-Community.

Das Ziel: Sich kontinuierlich verbessern; gesünder, schneller, effizienter, produktiver werden. Durch den Vergleich mit anderen wird der Selbstoptimierer motiviert, das gesteckte Ziel noch konsequenter anzustreben. Durch die Sichtbarkeit seiner eigenen Fortschritte kann er auf Erfolgserlebnisse zugreifen, die ihn anspornen. So weit so gut.

Ich messe all diese Dinge (noch) nicht; stecke sozusagen noch im Stadium des «Unquantified Self». Aber ich erlebe in meinem Umfeld mit, wie Menschen sich selbst messen – und sich miteinander messen. Oft ist es ein spielerischer Wettkampf; wenn es z.B. darum geht, wer an wievielen Tagen tausend Schritte mehr zurücklegt. Die soziale Interaktion mit dem Umfeld und der Vergleich machen zweifellos Spass. Was sich beim einzelnen Menschen im Stillen abspielt, kann sich hingegen schnell mal zur Verbissenheit entwickeln.

Der kurze Weg zur Obsession

Ich habe es beobachtet: Lange vor der Zeit von Quantified Self, als die WG-Mitbewohnerin täglich zweimal auf die Waage ging und sich danach immer schlecht fühlte. Als mir ein Kollege gestand, dass er regelmässig kontrolliert, ob sich die Anzahl seiner grauen Haare erhöht hat. Oder wenn ich für eine Website, die ich betreue, immer wieder die Zugriffszahlen abrufe, bis es obsessiv wird. Das letzte Beispiel hat zwar nichts mit dem menschlichen Körper zu tun, aber es demonstriert auf eine ähnliche Weise, wie das ständige Überprüfen von Zahlen zum Zwang werden kann.

Dabei sind es zuerst die häufigen kleinen Erfolgserlebnisse, die wir als Belohnung wahrnehmen und die uns dazu bringen, immer noch einmal nachzuschauen. Aber wir können uns nicht dauernd noch mehr verbessern, und so entstehen Schwankungen in unserer Leistungskurve. Das ist etwas vollkommen Natürliches: Wir alle nehmen instinktiv wahr, dass wir bessere und schlechtere Tage haben.

Ständige Präsenz der eigenen Unzulänglichkeiten

Nur: Wenn man diese «schlechteren Tage» quantifiziert, schwarz auf weiss vor sich hat, dann ist das ein zusätzlicher Stressfaktor. Statt mal nachsichtig mit sich selbst zu sein, setzt man sich unter Druck. «Gesunde» Quantified-Self-Anhänger, die das Ganze weiterhin als Spiel und als positive Herausforderung sehen, werden mir bestimmt – zu Recht – widersprechen: So leicht lassen sie sich nicht stressen. Aber wer einmal auf die obsessive Bahn geraten ist, für den muss die ständige Präsenz der eigenen Unzulänglichkeiten etwas Quälendes haben. Dass dann seine Gesundheit, Effizienz und Produktivität noch von Quantified Self profitieren, bezweifle ich.

Aber keine Bange: Auch Deine Stimmung kannst Du mit Hilfe von elektronischen Erhebungsmethoden verbessern. Helferlein wie MoodPanda oder MoodScope versprechen, Deine Stimmung nachhaltig aufzuhellen.

 

Bild: Katy Warner bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

 

Sabine Gysi

Sabine Gysi ist die leitende Redakteurin von imgriff.com für Blogwerk AG.

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7 Kommentare

  1. Der Einwand des Autors, Das QS den Stress erhöht Ist genauso beliebig, wie die Behauptung das Weglassen von QS es würde weniger Stress verursachen.

    Zwanghaftes Handeln hat nichts mit QS zu tun. Wer zwanghaft handelt, tut das nicht nur bei QS.

    Im Ergebnis sagt der Artikel nichts darüber aus, welche Vorteile QS im praktischen Leben haben,

  2. “Ständige Präsenz der eigenen Unzulänglichkeiten
    Nur: Wenn man diese «schlechteren Tage» quantifiziert, schwarz auf weiss vor sich hat, dann ist das ein zusätzlicher Stressfaktor.”

    Hey was ist jedoch mit der Dokumentation von z.B. Erfolgserlebnissen? Wenn man sich einmal geziel vor Augen führ das man schönes, positives etc. erlebt/gemacht hat? Dann sieht die Sache ganz anders aus. Wer sagt denn das der Fokus immer auf den Unzulänglichkeiten liegt?

    Erfolgsorientiert und optimistisch lebt es sich deutlich besser! Eine Dokumentation von erreichten Zielen und das Erleben der Fähigkeit, Veränderungen selbst beeinflussen zu können ist etwas großartiges und ein wahrer Booster für die eigene Motivation.

    • Selbstverständlich – ich konzentriere mich in diesem Artikel bewusst auf die problematische Seite. Bestimmt lassen sich ebenso viele Argumente für einen positiven Einfluss durch Erfolgserlebnisse etc. finden.

  3. Ein komplett unreflektierter und oberflächlicher Artikel.

    Was ist hier die wahre Aussage? Dass die Autorin nicht mit dem Herdendruck klarkommt, dass nun im Freundeskreis noch mehr gemessen wird, wo doch schon der unregelmäßige Blick auf die Waage wehtut?

    Ich lehne mich hier aus dem Fenster und bilde mir ein Urteil ohner genauere Fakten. Das weiss ich. Aber genau das gleiche tut die Autorin, indem sie vorwegnimmt, selbst keinerlei QS einzusetzen und dann munter drauf los urteilt. Das hat nichts mit Journalismus zu tun. Und auch nichts mit professionellem Bloggen.

    Denn der Ansatz von QS ist genau umgekehrt. Ich kriege einen Haufen aufschlussreicher Daten, ohne ständig bewusste Anstrengung darauf verwenden zu müssen. GPS-Sensoren, Aktivitätstracker, WLAN-Waage….alles verknüpft mit IFTTT, das automatisch ein GDrive Spreadsheet anlegt und dieses 1x im Monat an Gmail sendet. Wunderbar.

    Wer darin die Nadeln im Heuhaufen sucht und Stress ausmacht, der sagt nur eine Kleinigkeit über sich selbst und gar nichts zur Sache selbst. In der gleichen Argumentation müsste Facebook und jedes andere soziale Netzwerk erhöhten Stress bedeuten. “Zusätzlich zu Beruf und privat leben soll ich ein Online-Tagebuch führen und ständig Updates, Checkins und Fotos einstellen?!” Aber das scheint Sabine Gysi nicht zu stören, denn hier ist die Aussendarstellung narzisstisch skalierbar. Für die Facebook Freunde kann man ein spannendes Leben führen, obwohl man schon jede CSI Wiederholung durch hat.

    QS gibt halt leider nur nackte Zahlen wieder. Klar, für manche Geister können Fakten mit erhöhtem Stress verbunden sein.

    -Jonas

    • @Jonas, Daumen hoch!
      “Zusätzlich zu Beruf und privat leben soll ich ein Online-Tagebuch führen und ständig Updates, Checkins und Fotos einstellen?!” <- das erzeugt den (Freizeit)Stress! ;-)

    • Wie eintönig und begrenzt wäre die Welt der Blogs, wenn Blogger (und Journalisten) nur noch über Dinge schreiben dürften, die sie selbst erfahren haben. Mit dem “Blick von aussen” – so ist dieser Beitrag auch klar deklariert – nimmt man manchmal mehr wahr als aus der Perspektive desjenigen, der mittendrin ist.

  4. Zwischen Optimierung und Obsession: Ein nüchterner Blick von aussen auf Quantified Self

2 Pingbacks

  1. […] dient, kann man auch mal fragen, ob diese Dauer-Optimierung wirklich sein muss – da ist der Weg zur Obsession […]

  2. […] und trotzdem gibt es auch ausreichend Kritiker der Bewegung, wie zum Beispiel Sabine Gysi von imgriff.com zusammenfasst. QS kann zur Sucht werden, kann Stress verursachen, kann den Spaß vergessen lassen. […]

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