Staatschefin und alleinerziehende Mutter:
Wie vereinbart man Kind und Karriere?

Frauen und Mütter in Führungspositionen; die Vereinbarkeit von Kind und Karriere ist etwas, an dem sich in Deutschland nach wie vor die Geister scheiden. Die ehemalige isländische Staatschefin Vigdís Finnbogadóttir war 16 Jahre lang im Amt und alleinerziehende Mutter. Ihr Tipp: Selbstbewusstsein und Organisation.

Im März habe ich auf der ITB die ehemalige isländische Staatschefin Vigdís Finnbogadóttir interviewt. Sie war 1980 nicht nur weltweit die erste Frau, die demokratisch in ein solches Amt gewählt wurde – sie war auch allein erziehende Mutter. Klar, dass ich bei unserem Gespräch auch genau diese Frage spannend fand, die gerade in Deutschland immer wieder für Diskussionen sorgt: Wie bekommt man Kind und Karriere unter einen Hut?

Die Antwort war einfach – und auf den ersten Blick ein wenig unbefriedigend: «Organisation» sagte Vigdís Finnbogadóttir, und: «Ich habe mir Hilfe gesucht». Unbefriedigend deshalb, weil das aus dem Mund einer Staatschefin einfach klingt. Svenja Hofert hat letztes Jahr in einem sehr treffenden Artikel analysiert, warum Frauen wie zum Beispiel Marissa Mayer – deren Anti-Home-Office-Attitüde wir hier ausgiebig diskutiert haben – kein Rollenvorbild sind: Weil sie Geld haben und sich daher auch genug Hilfe leisten können.

Das Emanzipations-Paradoxon

In der Realität fehlen in Deutschland Kita-Plätze und in der Regel auch flexible Arbeitszeit-Modelle, die es Frauen ermöglichen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Und mal davon abgesehen, dass Teilzeit oder auch nur früh nach Hause gehen in vielen Branchen und Unternehmen nicht gerade karrierefördernd ist und nicht umsonst die Quote für mehr Frauen in Führungspositionen diskutiert wird: Deutsch ist wahrscheinlich die einzige Sprache, die das Wort «Rabenmutter» kennt.

Während es in anderen Ländern völlig normal ist, dass Mütter berufstätig sind, werden deutsche Mütter dafür schief angeschaut – vom Chef, von Kollegen, anderen Müttern oder der eigenen Familie. Ich erinnere mich, wie irritiert eine brasilianische Kollegin war, als ich sie fragte, wie sie mit zwei Kindern ihren Job als Reisejournalistin hinbekäme. Es sei ganz normal, dass Frauen in Brasilien arbeiten, gab sie zur Antwort.

Und i

ie eine Antwort auf Yousufs Artikel ist vor kurzem das anonyme Buch einer deutschen Top-Managerin und Mutter (Affiliate-Link) erschienen, die sagt, dass eine weibliche Führungskraft mit Kind nicht in das gängige Weltbild passe. Kein Wunder, dass die #Aufschrei-Sexismus-Debatte, die bei Twitter begann, Wellen geschlagen hat.

Greift die Aussage, Kind und Karriere sei vor allem eine Frage der Organisation, also zu kurz?

Frauen müssen sich mehr zutrauen

Vielleicht – denn es hängt immer auch an den individuellen Lebensumständen. Aber Vigdís Finnbogadóttir sagte am Ende unseres Interviews etwas ganz Entscheidendes: Frauen müssten sich selbst mehr zutrauen. Sie selbst habe man erst überreden müssen, sich zur Präsidentin wählen zu lassen – ein Amt, das sie dann 16 Jahre lang ausübte.

Ihre Tochter, erzählte sie mir, ist heute selbst Mutter und teilt sich mit dem Ehemann die Kindererziehung. Die Kleine ist in der Kita, beide haben einen Vollzeitjob; wenn der eine mal länger arbeiten muss, springt der andere ein. «Wenn man Geld verdient, muss man eben einen Teil für die Kinderbetreuung ausgeben», sagte Vigdis Finnbogadottir. Und: «Man muss miteinander kooperieren.»

Meines Erachtens hat Vigdís Finnbogadóttir damit den Nagel auf den Kopf getroffen: Neben all den den gesellschaftlichen Schwierigkeiten, die mit dem Thema Vereinbarkeit von Kind und Karriere verknüpft sind, gibt es auch noch den persönlichen Aspekt.

In dem ebenfalls frisch erschienenen Buch «Lust auf Macht» (Affiliate-Link) zeigen die Autorinnen Andrea Och und Katharina Daniels, dass sich Frauen nur allzu oft ihrer eigenen Stärken nicht bewusst sind, und dass sie Macht sogar oft negativ assoziieren. Dabei kann Macht ja auch persönlicher Freiraum bedeuten. Und als einen der wichtigsten Tipps auf dem Weg zur Macht geben die Autorinnen ihren Leserinnen genau das mit auf den Weg, was auch Vigdís Finnbogadóttir betonte: Kooperation und Networking.

Mehr Kooperation und Selbstvertrauen

Genau da aber liegt der Hase im Pfeffer: Wenn das nötige Selbstvertrauen fehlt, wird es auch schwierig, Arbeit, gleich welcher Art, an andere abzugeben. Denn nur wer sich selbst etwas zutraut, kann andere überhaupt um Hilfe bitten. Es könnte einem das Hilfe-Suchen ja als Schwäche ausgelegt werden.

Genau deshalb haben viele Frauen ein Problem damit, Aufgaben an andere zu übertragen. Aber auch deshalb, weil ihnen das Vertrauen fehlt, dass der Job schon gut gemacht wird. Weil sie die Kontrolle nicht verlieren wollen. Oder weil sie dem Chef, den Kollegen oder auch dem Ehemann zeigen möchten, dass es nicht ohne sie geht – bis sie unter dem übermenschlichen Arbeitspensum zusammenbrechen. Genau daran scheitern viele Mütter, die Kind und Karriere unter einen Hut bekommen wollen.

nd da gebe ich Vigdís Finnbogadóttir recht – es ist auch an jeder Frau, etwas an den Umständen zu ändern. So schreibt die Pakistanerin So treffe ich in Deutschland mehr Frauen, die sich Kindern und Partnern widmen, und weniger Frauen, die sich auf ihre Karriere und sich selbst konzentrieren, als unter meinen Freundinnen in Pakistan.» Darüber sollte frau einfach mal nachdenken.

 

Bild: Victor1558 bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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3 Kommentare

  1. Ich denke (und hoffe!), hier wird sich in (naher?) Zukunft einiges ändern. Gerade junge Arbeitnehmerinnen werden die Zukunft von Unternehmen mitgestalten, denn die Anforderungen ändern sich gerade: Von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird Flexibilität verlangt, aufgrund der (technischen) Gegebenheiten bringen viele Nachwuchskräfte diese Flexibilität auch mit. Ihrerseits fordern Sie Unternehmen dahingehend, flexible Arbeitsmodelle zu schaffen, was zur Folge haben wird, dass es künftig angenehmer sein wird, Familie & Beruf unter einen Hut zu bringen. Berufs- und Privatleben greifen immer mehr ineinander und Unternehmen erkennen, was sie mittels Diversität gewinnen.

    Bis es soweit ist, wird noch Zeit vergehen, klar. Denn die persönlichen Hürden, die im Artikel beschrieben werden (Selbstbewusstsein & die Fähigkeit, zu delegieren), sind zu gesellschaftlichen Hürden herangewachsen – und nun ist es wieder am Individuum, eine gesellschaftliche Wandlung herbeizuführen. Aber es gibt Vorzeige-Karrierefrauen, die das großartig machen! Deshalb sehe ich die Zukunft diesbezüglich durchaus positiv :)

  2. Unsere Tochter kommt dieses Jahr in die Schule. Interessant finde ich, dass immer von Kitas die Rede ist. In der Kita ist unserer Kind derzeit von 8:00-15:00 betreut, d.h. ein Halbtagsjob ist mit An- und Rückfahrt gut leistbar. Die Schule geht aber 2x die Woche bis 11:25 und 3x die Woche bis 12:15. Mit den Zeiten kann man arbeiten vergessen. Es gibt bei uns 44 Hortplätze für ca. 450 Kinder. “Dummerweise sind wir nicht geschieden und leben auch nicht von Harz IV”, d.h. wir haben auch nicht die höchste Priorität bei der Vergabe der Hortplätze. Ich finde es immer wieder erschreckend, was die Politiker so alles erzählen was Sie ändern wollen und wie die Realität dann in Wirklichkeit aussieht.

  3. Wer soll denn die Frau auf dem Foto da oben sein?

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