Don’t do it yourself:
Wenn Selbermachen unproduktiv und unglücklich macht

Neulich habe ich hier ein Loblied auf das Selbermachen gesungen. Jetzt verdamme ich es bereits in der Überschrift. Schizophren? Nein – ich bin nur der Meinung, dass in vielen Fällen Selbermachen unproduktiv und unglücklich macht. Beispielsweise wenn man es als Prokrastinations-Alibi missbraucht, oder wenn man meint, ein Händchen für etwas zu haben. Über die Stolperfallen des DIY.

Ich bin weiterhin ein grosser Fan von Do it yourself. So warte ich beispielsweise ungeduldig darauf, bis der Frühling kommt und es wieder Zeit ist, das Tomaten-Gewächshaus in meinem Garten so improvisiert zusammenzuzimmern, dass sich jeder halbwegs begabte Heimwerker verzweifelt an die Stirn fassen würde. Ich bin trotzdem zufrieden damit.

Aber von einigen Bereichen unseres Lebens sollten wir das DIY-Prinzip einfach fernhalten, wenn wir vorwärtskommen und möglichst frustfrei arbeiten und leben wollen. Schliesslich ist die Spezialisierung eine wichtige menschliche Errungenschaft, muss sogar ich als eingefleischte Generalistin anerkennen.

Drei Stolperfallen des DIY gilt es in unserem Alltag zu identifizieren:

1) Das Prokrastinations-Alibi
Wer überdurchschnittlich engagiert einer hochqualifizierten Arbeit nachgeht und dafür auch angemessen entlöhnt wird, hätte viele Gründe, gewisse Aufgaben auszulagern. Nehmen wir als Beispiel das Putzen der Wohnung. Wer sich angeblich aus finanziellen oder moralischen Gründen keine Putzhilfe leisten kann/will, den hat wahrscheinlich sein eigenes Unterbewusstsein überlistet: Er benötigt das Putzen als äusserst praktisches Prokrastinations-Alibi sich selbst gegenüber.

Du arbeitest ganz oder teilweise im Home Office? Dann gibt es garantiert immer dann dringend etwas zu putzen, wenn eine besonders unangenehme Aufgabe ansteht. Du arbeitest im Büro und möchtest Dich abends zu Hause entspannen? Leider unmöglich, denn der Haushalt schreit nach Dir, und schon ist Deine These bestätigt, dass Du nie Zeit zum Nichtstun hast und Deine allgemeine Überbeanspruchung sich negativ auf Dein ganzes Leben auswirkt.

Falls Du tatsächlich zu den erstaunlichen Mitmenschen gehörst, für die das Putzen eine meditative Tätigkeit ist, dann trifft meine Alibi-Theorie natürlich nicht auf Dich zu.

2) Ein grundsätzliches Problem mit dem Delegieren
Was die Arbeit im Büro angeht: Warum viele Menschen nicht delegieren können/wollen und wie man richtig delegiert, darüber wurde hier auf imgriff.com bereits eine Menge geschrieben, zum Beispiel hier, hier und hier. Deshalb verliere ich über diesen Aspekt keine weiteren Worte.

3) «Ein Händchen für etwas haben»
Misstraust Du auch diesen Menschen, die «ein Händchen für etwas haben» (oder in der Schweiz: «ein Flair für etwas haben») und dies auch bei der Arbeit ausleben? Zu Recht. Meistens verschleiert nämlich dieser schöne Ausdruck, dass man mangelnde Erfahrung, Wissen und Begabung durch reine Begeisterung ersetzt. Das mag toll sein im Privatleben – s. das obengenannte Tomaten-Gewächshaus -, wird aber im Beruf ziemlich schnell problematisch.

Ich höre allzu oft «Ich habe ein Händchen für Kommunikation», oder «Ich habe ein Flair für Gestaltung». Da läuten bei mir die Alarmglocken. Ich behaupte zwar auch von mir, ein Auge für gute Gestaltung zu haben. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass ich mich anmassen würde, der Öffentlichkeit die Produkte meiner kreativ-gestalterischen Ergüsse zuzumuten! Wenn mir in einem Bereich sowohl Wissen als auch Erfahrung / Übung und obendrein Begabung fehlen, dann lasse ich im Beruf die Finger davon und freue mich über die Arbeit der Profis.

Auf die Kompetenzen fokussieren

Ich behaupte: Wer nicht hauptsächlich auf seine Stärken aufbaut, ist bei der Arbeit unweigerlich weniger produktiv und vermutlich auch nicht glücklich. Letzteres entweder, weil er selbst mit seinen Ergebnissen nicht zufrieden ist, oder weil die Reaktionen nicht gerade ermutigend sind.

Ein kluger Mann, der einst hier auf imgriff.com zitiert wurde – ich finde den entsprechenden Artikel nicht mehr, aber vielleicht kann mir ein Leser weiterhelfen – sagte sinngemäss: Man solle sich im Arbeitsleben auf diejenigen Dinge konzentrieren, die man wirklich gut könne, und diese perfektionieren, wenn man nicht Mittelmass bleiben möchte.

Dies möchte ich all jenen ans Herz legen, die «ein Händchen für etwas haben». Fokussieren wir bei der Arbeit auf unsere wirklichen Kompetenzen, und in der Freizeit vergnügen wir uns mit unseren Tomaten-Gewächshäusern!

 

Bild: Randy Robertson bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

Sabine Gysi

Sabine Gysi war von November 2012 bis August 2014 Leitende Redakteurin bei imgriff.com.

Sabines Blogposts bei Blogwerk

Mehr lesen

Zeitmanagement selbst gebaut: Timeboxing mit der Einzeigeruhr

15.8.2014, 2 KommentareZeitmanagement selbst gebaut:
Timeboxing mit der Einzeigeruhr

Wer möchte nicht fokussierter und effizienter Aufgaben abarbeiten? Für besseres Zeit- und Aufgabenmanagement empfiehlt unser Gastautor Jens Wilhelm die Einzeigeruhr: eine Variante des Timeboxing, die jeder ausprobieren sollte, der sich durch Wecker und Timer in seiner Konzentration gestört fühlt. Die Anleitung zum Umbau einer Ikea-Wanduhr wird gleich mitgeliefert.

Do it yourself: Darum macht Selbermachen glücklich

23.11.2012, 14 KommentareDo it yourself:
Darum macht Selbermachen glücklich

Selbermachen mag nicht immer effizient sein, aber eins ist klar: Die DIY-Kultur übt auf uns alle eine grosse Anziehung aus. Warum? Weil Machen glücklicher, mächtiger, bewusster, sozialer und meditativer macht.

Zeitmanagement selbst gebaut: Timeboxing mit der Einzeigeruhr

15.8.2014, 2 KommentareZeitmanagement selbst gebaut:
Timeboxing mit der Einzeigeruhr

Wer möchte nicht fokussierter und effizienter Aufgaben abarbeiten? Für besseres Zeit- und Aufgabenmanagement empfiehlt unser Gastautor Jens Wilhelm die Einzeigeruhr: eine Variante des Timeboxing, die jeder ausprobieren sollte, der sich durch Wecker und Timer in seiner Konzentration gestört fühlt. Die Anleitung zum Umbau einer Ikea-Wanduhr wird gleich mitgeliefert.

Do it yourself: Darum macht Selbermachen glücklich

23.11.2012, 14 KommentareDo it yourself:
Darum macht Selbermachen glücklich

Selbermachen mag nicht immer effizient sein, aber eins ist klar: Die DIY-Kultur übt auf uns alle eine grosse Anziehung aus. Warum? Weil Machen glücklicher, mächtiger, bewusster, sozialer und meditativer macht.

18.5.2009, 0 KommentareDer Link am Morgen:
Do it yourself!

Ab und an ist von einer Renaissance des Selbermachens zu lesen. Dazu passen gleich mehrere beliebte Websites, die sich dem Do-it-yourself widmen.

Flexibilität ist Trumpf: Jetzt sind die Portfolio Worker am Zug

8.5.2013, 6 KommentareFlexibilität ist Trumpf:
Jetzt sind die Portfolio Worker am Zug

Die Zeiten, in denen man einen Beruf erlernte und bis zum Ende des Berufslebens ausübte, sind endgültig - und zum Glück - vorbei. Flexibilität ist das Gebot der Zeit. Immer mehr Fachkräfte nutzen die wechselhaften Anforderungen und bieten ihre Kompetenzen als Portfolio auf dem Markt an. Gezielt, situativ, projektbezogen, zeitlich befristet. Passt das zu Dir? Finde es heraus!

Wie die Digitalisierung unser Arbeiten verändert II/II: Chancen und Risiken der Flexibilisierung

25.2.2013, 4 KommentareWie die Digitalisierung unser Arbeiten verändert II/II:
Chancen und Risiken der Flexibilisierung

In einer Expertenrunde diskutierte ich kürzlich über Vor- und Nachteile des kompetenzbasierten Arbeitens. Dabei wurden die Chancen, aber auch die Risiken dieser neuen Arbeitsform deutlich. Zu den Nachteilen gehört etwa die ständige Selbstvermarktung, aber auch fehlende Akzeptanz.

Wie die Digitalisierung unser Arbeiten verändert I/II: Die Kompetenzen stehen im Vordergrund

18.2.2013, 8 KommentareWie die Digitalisierung unser Arbeiten verändert I/II:
Die Kompetenzen stehen im Vordergrund

Die Strukturen unserer Arbeitswelt verändern sich durch Digitalisierung und Globalisierung gerade entscheidend. Die Folge sind neue Arbeitsformen und wechselhafte Erwerbsbiografien, in denen Chancen, aber auch Risiken liegen. Die klassische Laufbahn wird ersetzt durch lebenslanges Lernen. Wie sollen Politik und Gesellschaft darauf reagieren?

Der »Hätte ich das mal früher gemacht«-Effekt: Eine andere Form der Aufschieberitis

6.8.2014, 3 KommentareDer »Hätte ich das mal früher gemacht«-Effekt:
Eine andere Form der Aufschieberitis

Wichtige Aufgaben erst zu spät in Angriff zu nehmen, ist ein häufig thematisiertes Problem, von dem viele Menschen betroffen sind. Weniger Aufmerksamkeit erhält eine andere, ebenfalls verbreitete Form der Aufschieberitis.

Momentum & Dayboard: Die Task-Liste mit jedem neuen Tab im Blickfeld

4.7.2014, 2 KommentareMomentum & Dayboard:
Die Task-Liste mit jedem neuen Tab im Blickfeld

Momentum und Dayboard sind zwei Browser-Erweiterungen für Chrome, welche die Aufgabenliste einblenden, wann immer man einen neuen Tab öffnet. So werden wir regelmässig an unsere Prioritäten erinnert.

Effizient Zeit vergeuden: Die 7 besten Tipps zum Prokrastinieren

30.6.2014, 2 KommentareEffizient Zeit vergeuden:
Die 7 besten Tipps zum Prokrastinieren

Prokrastinieren ist so einfach. Man muss es nur intelligent anstellen, und schon hat man immer die passende Ausrede parat, um in das Klagelied über zu viel Stress und Arbeit einzustimmen. 7 Tipps, wie man es am besten anstellt.

2 Kommentare

  1. Schöner Artikel jedoch stelle ich mir die frage wo die Grenze zwischen “Ein Händchen dafür haben” und den wirklichen Kompetenzen verschwimmen. Zum Beispiel im IT Wesen. Allgemeines IT Wissen und spezifisch für ein Fachgebiet unterscheiden sich und laufen dennoch manchmal Hand in Hand. Wenn ein Administrator in einer kleinen Firma eine Problematik zu einen Programm oder einer Hardware nicht lösen kann fehlt ihm das Allgemeinwissen aber deswegen beschäftigt er sich dennoch mit der Problematik weil er ein Händchen dafür hat. Vieleicht hat er auch ein ähnliches Problem schon Privat gemeistert und halbwegs Befriedigend gelöst. Ich möchte damit sagen das die grenzen zwischen DIY und Kompetenz nahe beieinander liegen und die ganze Thematik nicht pauschal behandeln kann.

    • Da kann ich nur zustimmen, Johannes – die Grenze ist tatsächlich verschwommen. Wie man seine eigenen Kompetenzen definiert, hat ja auch ziemlich viel mit Selbsteinschätzung (bzw. Selbstüber- oder Selbstunterschätzung) zu tun. Wenn jemand sein Licht unter den Scheffel stellt, geht da unter Umständen ziemlich viel Können verloren.

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder