Yahoo-CEO Marissa Mayer verbannt das Home Office II/II:
7 Gründe pro & contra

Yahoo-Chefin Marissa Mayer verlangt von allen Mitarbeitern, ihr Home Office aufzugeben und im Unternehmen zu arbeiten. Was sind die Gründe für diesen überraschenden Schritt – auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Folgen?

Vergangene Woche ist ein Memo von Marissa Mayer, CEO von Yahoo aufgetaucht. Darin fordert sie Mitarbeiter, die von zu Hause aus arbeiten, auf, ab Juni wieder im Büro arbeiten – oder aber zu kündigen. Geleaked wurde das Dokument durch mehrere wütende Yahoo-Mitarbeiter.

Darüber, dass eine solche Maßnahme auch gesellschaftlich fatale Signale aussenden könnte, habe ich bereits geschrieben. Denn als jüngste Frau an der Spitze eines Fortune-500-Unternehmens ist Marissa Mayer ein Rollenvorbild als Karrierefrau und Mutter. 

Einige Gründe für dieses Vorgehen nennt der Business Insider, informiert von einer mit Mayers Denkweise gut vertrauten Quelle. Ich habe mir zu den Begründungen und zur gesellschaftlichen Wirkung einige weitere Gedanken gemacht und eine Liste mit Pro- & Contra-Argumenten zusammengestellt:

Argumente, die für Mayers Schritt sprechen:

 

  1. Gemeinsames Arbeiten macht mehr Spaß: In ihrem Memo appelliert Marissa Mayer an das Gemeinschaftsgefühl der «Yahoos» und betont auch den Fun-Charakter der gemeinsamen Zusammenarbeit. Um den absolut besten Ort zum Arbeiten zu schaffen, sei es wichtig, Seite an Seite zu arbeiten, sagt sie.
  2. Austausch ist wichtig: Der Austausch im persönlichen Gespräch ist auch heute noch ungemein wichtig – trotz aller digitalen Kommunikationsmittel. Vor allem informelle Gespräche, Klatsch und Tratsch in der Cafeteria, wie Mayer in ihrem Memo hervorhebt, erhöhen Produktivität und Kreativität. Google, das Unternehmen, von dem Mayer kommt, hat bereits erfolgreich vorgemacht, wie wichtig Teamarbeit und ständiger kreativer Austausch bei der Entwicklung neuer Ideen sind.
  3. Meetings kann man effizient organisieren: Natürlich können Meetings nerven. Marissa Mayer ist allerdings dafür bekannt, dass sie ausgesprochen effiziente Meetings von kurzer Dauer abhält. Zum Beispiel nimmt sie nur Einladungen zu einem Meeting an, wenn sie ganz genau weiß, worum es geht und was ihre Rolle dabei ist. Und sie will vorher abschätzen können, worüber wie lange diskutiert wird. Mehr dazu in diesem Artikel von Gregor.
  4. Kommunikation kostet Zeit: Wenn Leute an weit entfernten Arbeitsplätzen zusammenarbeiten, dauert die Kommunikation aufgrund der geringeren Media Richness deutlich länger als wenn man im Büro nebeneinander sitzt. Zum Beispiel weil häufiger Missverständnisse entstehen. Marissa Mayer möchte, so steht es auch in ihrem Memo, die Effizienz der Kommunikation noch verbessern.
  5. Heimarbeiter sind nicht zwingend produktiver: Laut Business Insider verfügt Yahoo über eine große Menge an Mitarbeitern, die niemand kennt, die nie ins Unternehmen kommen – und die nicht sonderlich produktiv sind. Denn Arbeiten im Home Office ist nicht zwingend produktiver als in einer konzentrierten Arbeitsumgebung. Ablenkung durch Kinder oder Haushalt schaden der Konzentration. Auch fehlende Strukturen erschweren diszipliniertes Arbeiten.
  6. Neue Arbeitsformen machen nicht zwingend glücklicher: Wer zu Hause arbeitet, wähnt sich anfänglich selbstbestimmt und flexibel – und scheint genau das erreicht zu haben, was er immer wollte. Doch bald schon merken die Heimarbeiter, dass ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, und neue Arbeitsformen müssen her. Neulich verbrachte ich ein paar Tage in Austin, Texas. Als am schnellsten wachsende Stadt der USA mit zahlreichen IT-Firmen wird Austin auch Silicon Hills genannt. Hier fiel mir auf: Die Cafes waren voll von jungen Coffee-House-Workern. Allerdings auch: Die meisten Leute saßen allein am Tisch und arbeiteten vor sich hin. Kollaborative Arbeitsformen und Diskussionen waren nur selten zu beobachten. Das lässt mich an Shirly Turkles These von der gemeinsamen Einsamkeit denken. Zudem vergleiche ich seit Jahren international verschiedene Coworking-Modelle. Ob in Neuseeland, Kanada, Lettland oder Frankreich: Immer konnte ich beobachten, dass Coworking-Spaces gegründet wurden, weil den Inhabern, in der Regel Freelancern, zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen war.
  7. Ein Unternehmen braucht feste Strukturen: Marissa Mayer möchte mehr Kontrolle – das muss nicht schlecht sein. Ein Unternehmen braucht feste Strukturen und Hierarchien, um effizient zu funktionieren. Sind die Strukturen zu lose, dann bilden sich zwar ebenfalls Hierarchien, aber auf deutlich intransparentere Art. Was dabei herauskommt, lässt sich derzeit z.B. gut am Schicksal der Deutschen Piratenpartei verfolgen.

Argumente, die gegen Mayers Schritt sprechen:

 

  1. Meetings sind oft unproduktiv: Meetings können, wenn sie nicht zielgerichtet strukturiert werden, schnell in unproduktive Diskussionsrunden ausarten oder zur Selbstdarstellungsplattform Einzelner werden. Ich kenne Unternehmen, bei denen Meetings eine beliebte Prokrastinationsmethode sind, weil sie gerade auch für den Chef so viel angenehmer sind, als einfach mal seine Aufgaben abzuarbeiten.
  2. In der Kaffeeküche wird mehr getratscht als inspiriert: Über die Jobsuche von Julia Seeliger habe ich ja im ersten Teil schon berichtet. Freimütig schreibt sie in ihrem Blogpost auch darüber, dass sie gerne wieder Kollegen an der Kaffeemaschine treffen möchte. Mehr als einmal wurde diese Motivation von Kommentatoren kritisiert, die ihr vorwarfen, bei ihrer Jobsuche nicht die Arbeit, sondern allein den kleinen Tratsch an der Kaffeemaschine zum Ziel zu haben. Zumindest zeigt diese Aussage, wie wichtig das Schwätzchen am Arbeitsplatz und das Gefühl der Zugehörigkeit für Viele sind.
  3. «Durcharbeiten» bringt mehr als ständiger Austausch: In Houston habe ich gerade einen Raketenwissenschaftler interviewt, der in leitender Position am Space-Shuttle-Programm der NASA beteiligt war. Ein sehr erfolgreicher Mann also. Und was gibt er uns als Erfolgsrezpt auf den Weg? «Arbeite hart und suche die Herausforderung!» Nicht etwa: «Tausche Dich ständig mit anderen aus!» Mag sein, dass er zu einer anderen Generation gehört. Allerdings: Auch ich bin bei meiner Arbeit dann am erfolgreichsten (und übrigens auch am zufriedensten), wenn ich meine Aufgaben einfach konsequent durcharbeite. Schon um die losen Enden aus dem Kopf zu bekommen. Dazu gehört manchmal auch, mich von Ablenkungen abzuschotten und einfach stur meinem Plan zu folgen. Sicherlich geht mir so die eine oder andere Inspiration verloren. Aber gerade weil ich mich fokussiere, bringe ich meine Aufgaben auch zu Ende. Zuviel Austausch ist meiner Meinung nach störend. Und mir persönlich gelingt dieses effiziente Arbeiten am besten zu Hause, wo ich ungestört bin, und nicht etwa in einem Büro.
  4. Austausch macht nicht zwingend produktiver: Gerade weil ich hier kürzlich in einem Artikel die Vorteile von kollaborativen Arbeitsformen gerühmt habe, möchte ich nun mal die Frage aufwerfen: Wie produktiv sind kollaborative Arbeitsformen wirklich? Und wie oft wird einfach sinn- und ziellos vor sich hindiskutiert? Als Beispiel komme ich noch einmal zu den Freelancern zurück, die sich z.B. in Cafes oder beim Coworking mit anderen treffen. Ich unterstelle, dass das gemeinsame, produktivere Arbeiten gar nicht der eigentliche Zweck dieser kollaborativen Arbeitsformen ist. Vielen geht es einfach darum, mit anderen zusammen zu sein. Und auch kein einziger Inhaber eines Coworking-Spaces nannte mir als Grundgedanken, dass er mit anderen gemeinsam produktiver ist oder mehr Inspiration benötigte. Diese Aspekte kristallisierten sich meist erst im Laufe der Zeit heraus, oder aber sie waren von Beginn weg hauptsächlich ein Marketing-Argument, um Kunden anzulocken.
  5. Wer zu Hause arbeitet, arbeitet mehr: Viele Leute, die zu Hause flexibel am Schreibtisch arbeiten, tun tatsächlich mehr für ihr Unternehmen, als mancher Chef vermutet. Das Problem ist nur, dass Chefs das häufig nicht mitbekommen und ihre Mitarbeiter lieber unter (scheinbarer) Kontrolle und damit direkt vor ihrer Nase haben wollen. Wahrscheinlich sitzt auch Marissa Mayer diesem Trugschluss auf.
  6. Es geht um mehr Kontrolle: Wie Business Insider in seinem oben erwähnten Beitrag schreibt, ist es in erfolgreicheren Unternehmen wie Facebook oder Google nicht üblich, dass Mitarbeiter auch von zu Hause aus tätig sind. Denn dort herrschen trotz allem Spaßcharakter effizientere Strukturen, die Marissa Mayer nun auch bei Yahoo einführen will. Es geht ihr schlicht darum, die unüberschaubare Schar an Heimarbeitern zu kontrollieren und auch Kosten zu sparen, weil damit zu rechnen ist, dass ein Teil der Mitarbeiter jetzt tatsächlich kündigt.
  7. Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen zusehends: Wenn Marissa Mayer allerdings mehr Kontrolle über ihre Mitarbeiter möchte, dann bietet es sich an, ein anderes Instrument zu nutzen, das schon bei Google erfolgreich wirkte: Den Fun-Faktor. Google ist ja dafür bekannt, dass es seinen Mitarbeitern Massagen, Sporträume und allerlei andere Spielereien anbietet. Ich erinnere mich an die Murmelbahnen, die über den Schreibtischen in der Google-Zentrale Hamburg hingen, die wir vor einigen Jahren als Journalistengruppe besuchten. Und wir folgerten betroffen: «Wer so arbeitet, hat kein Privatleben.» Denn getreu dem Motto «Wir sind ja so cool und wir haben uns alle lieb und wir haben alle Fun» werden die Leute dann dazu gebracht, freiwillig (auf keinen Fall wird jemand gezwungen!) länger und mehr zu arbeiten. Und für manchen wird der Arbeitsplatz damit zum Ersatz für das Privatleben. Übrigens lebt Marissa Mayer, die 130 Stunden in der Woche arbeitet und zwei Wochen nach der Geburt ihres Kindes wieder im Büro war, dies auch selbst vor. Diese vielbeschworene Vermischung von Berufs- und Privatleben ist jedoch der Irrweg einer perfiden Unternehmenslogik: Bei Ersterem geht es ums Geldverdienen, um Effizienz und Ergebnisse, ganz gleich wie spaßig man die Arbeit zu gestalten versucht. Im Privatleben sollten hingegen andere Dinge eine Rolle spielen. Dass es zum Problem werden kann, wenn beides in einen Topf geworfen wird, habe ich hier bereits ausgeführt.

Wie Mayers Schritt am Ende zu bewerten ist, hängt vom Standpunkt ab: Für ein Unternehmen dieser Größe ist ein gewisses Maß an Struktur notwendig, um den Überblick zu behalten. Daher muss für Yahoo dieser Schritt, auch wenn er wenig fortschrittlich wirkt, nicht das Schlechteste ein.

Auf die Arbeitsqualität, die Selbstbestimmung und die Flexibilität der Mitarbeiter wirkt sich diese Entscheidung aber ganz sicher negativ aus, und sie haben allen Grund, sauer zu sein. Ob andere Unternehmen diesem Beispiel folgen und die Errungenschaften flexibler Arbeitsformen wieder zurückfahren, bleibt abzuwarten.

 

Bild: Alessandro Prada bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie ist Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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10 Kommentare

  1. Interessanter Artikel, danke.
    Was mich aber mal interessieren würde: Wie sieht (eurer /Fräulein Meyers Meinung nach) die optimale Besprechungseinladung / -agenda aus.

    Viele Grüße,
    Ben

  2. Hallo Ben,
    dazu hatte ich im Beitrag Gregors Text über die Frau Mayers (sie hat tatsächlich noch Zeit gefunden zu heiraten) Meeting-Verhalten/Organisation verlinkt http://imgriff.com/2012/0…ro-woche-bewaeltigt/

  3. Hallo Simone,
    ja, den Artikel kenne ich auch, aber… dort gibt es auch keine beispielhafte Einladung/Agenda.

  4. Hier hatte ich mal darüber geschrieben, wie man ein Meeting vorbereitet?
    http://imgriff.com/2008/0…bereitung-ist-alles/
    Oder suchst du dezidiert eine Vorlage zum kopieren?
    Simone Janson

  5. Kopieren ist vielleicht etwas zu hart, eher etwas zum abschreiben/orientieren. Berichte/Artikel wie man das tun sollte gibt es zu Hauf, gute Beispiele aber leider nicht.

  6. Wirklich super recherchiert! Danke für die vielen weiterführenden Quellen. Sehr interessant.

  7. Wie schafft man es denn, 130 Stunden in der Woche zu arbeiten? Das sind 18,5 Stunden täglich. Also von 7 Uhr früh bis bis 1:30 Uhr nachts? Das hält kein Mensch durch, und produktiv ist da ja wohl auch keiner mehr…
    Glaube ich nicht.

  8. Entschuldigung, was mir bei der ganzen Diskussion fehlt, ist der Blick auf’s Ergebnis. Zielvereinbarung und -kontrolle sollten doch die entscheidenden Argumente für oder gegen flexible Arbeitsformen darstellen. Ohne konkrete Zielvereinbarung und eigenverantwortliches Handeln bleibt der Unternehmenserfolg ein Zufallsprodukt – so zufällig wie ein gutes Meetingergebnis trotz schlechter Vorbereitung!

    • Hallo Werner,
      danke für die Anregung. Richtig, das Thema Zielvereinbarungen ist sehr wichtig. Ich werde das in einem anderen Artikel nochmal gesondert aufgreifen.

  9. Eine irre spannende Diskussion, beide Sichtweisen haben Sie sehr genau getroffen. Mir persönlich fällt es schwer, mich “auf eine Seite” zu schlagen; ich empfinde sowohl pro als auch contra als nachvollziehbar.

    Was ich mich frage: Wie zukunftsweisend ist das Verbieten von Heimarbeitsplätzen? Wir kommen langsam aber sicher zum “flexiblen Arbeitsplatz”, nicht zuletzt aufgrund des technischen Fortschritts. Heimarbeitsplätze werden allein deshalb immer normaler, weil die Arbeitszeit nicht mehr streng in “von … bis …” zu fassen ist. Der Marketingfachmann facebooked auch am Wochenende, der HR-Manager sucht zu Zeiten, in denen Fachkräfte erreichbar sind, nach ihnen und so weiter. Also … Ich verstehe die Entscheidung von Yahoo. Aber ich halte sie nicht für zukunftsfest.

2 Pingbacks

  1. [...] bezogen und nun wirft Mayers Statement neue Fragen auf. Diesen Fragen will sich der Blog imgriff.com annehmen. Er bezeichnet sich selber als “Produktivitätsblog” und beschäftigt sich mit [...]

  2. [...] ich bereits am Sonntag einen Beitrag über die 7 Gründe, die für und gegen Marissa Mayers Thesen, bei imgriff geschrieben. Nun hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nur ein paar US-Blogger (etwa in der [...]

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