Love it or leave it:
Was tun, wenn’s im Job nicht mehr stimmt

Wer über die Schattenseiten seines Jobs spricht, hört schnell mal «Love it or leave it» – «Wenn Du Deinen Job nicht mehr liebst, dann wechsle!» Das ist aber selten die richtige Lösung. Warum das so ist und wie man es schafft, die Freude am Job zurückzugewinnen, skizziere ich in der Folge: Zurück zur Zufriedenheit in drei Stufen.

Rund 20% unserer Zeit verbringen die meisten von uns im Job, 1760 Stunden im Jahr. Da ist es nur vernünftig, darauf zu achten, dass uns die Arbeit und die Menschen im Unternehmen passen.

Leider sieht die Realität allzuoft nicht rosig aus: die Launen des morgenmuffligen Kollegen steckt man nicht mehr so einfach weg wie früher, die Kundenreklamationen nehmen zu, die in Aussicht gestellte Weiterbildung ist dem Rotstift zum Opfer gefallen. «Früher hat mir mein Job doch um einiges besser gefallen», erzählt man dann im Freundeskreis. «Love it or leave it – Du musst wechseln!», sagt dann einer und signalisiert mit einem Achselzucken, es gebe nur diese Lösung.

100% glücklich im Job – ist das realistisch?

Realistisch? Nein! Es ist wirklich unsinnig, stets 100% anzustreben. Das gilt für die Erwartungen an seine Ehe oder an das Wetter während der Badeferien genauso wie an seine Zufriedenheit im Job. Das Leben an sich ist nicht perfekt, wir selbst sind es nicht und die anderen auch nicht. Wer das nicht akzeptiert und nicht damit umgehen kann, erreicht nur eines: Unzufriedenheit.

Was kann ich dagegen tun?

In den allermeisten Fällen hilft ein 3-Stufen-Programm, mit den Unzulänglichkeiten im Joballtag besser umzugehen und gezielt Gegensteuer zu geben:

  1. 80 % ist ok: Wenn man weiss, dass das Leben nicht perfekt ist, dann ist es sinnvoll und nützlich, nach der 80/20-Regel (in Anlehnung an das Pareto-Prinzip) anzuerkennen, dass 80% Zufriedenheit mit meinem Job gut oder sogar sehr gut sind. Das Unperfekte zu akzeptieren ist der Schlüssel (und hat nichts mit Resignation zu tun!).
  2. Was will ich, was nicht?: Oft reicht es, eine kleine Standortbestimmung durchzuführen, um zu erkennen, was man wirklich will (z.B. «meine Englisch-Kenntnisse täglich anwenden») und was man unter keinen Umständen will («Aufgabe, in der ich mich mehrheitlich mit Zahlen rumschlagen muss»). Dieses Arbeitsblatt hilft dabei: Erwartungen an meinen Job – Mini-Standortbestimmung (PDF)
  3. Gezielt verändern, bewusst akzeptieren: Im letzten Schritt geht es darum, jene Bereiche zu identifizieren und gezielt zu verbessern, die einem wichtig und zugleich weniger als 80% ok sind (z.B. Gespräch mit dem Chef mit dem Ziel, die Englischkenntnisse wieder häufiger einsetzen können). Zudem ist es enorm entlastend, die nicht so wichtigen Dinge einfach zu akzeptieren.

Und wenn das nicht hilft?

Mit 10 Jahren Erfahrung als Jobcoach kann ich sagen, dass mit diesem Vorgehen in über 90% der Fälle die Betroffenen entscheiden, die Stelle nicht zu wechseln und danach wieder Zufriedenheit und Freude an ihrer Aufgabe haben.

Wenn aber das 3-Stufen-Programm (und ggf. andere Massnahmen) nach einer gewissen «Geduldszeit» nicht wirkt und die Zufriedenheit noch immer unterdurchschnittlich ist, dann ist es wohl wirklich an der Zeit, einen neuen Job zu suchen. Einfach nicht vergessen: Auch bei der Auswahl der neuen Stelle gilt: «80% ist ok»!

 

Bild: Hobvias Sudoneighm bei flickr.com (CC BY 2.0) 

 

Marcel Widmer

Marcel Widmer begleitet als ausgebildeter Coach und Organisationsberater Fach- und Führungskräfte, Teams sowie Organisationen bei der eigenen Entwicklung. Als Autor bei imgriff.com bloggt Marcel Widmer seit Anfang 2013 praxisnah zu Themen wie Organisation, Zeit- und Selbstmanagement. → mehr …

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9 Kommentare

  1. Schade, dass der Jobcoach das Bore-Out-Syndrom versucht kleinzureden. Damit ist echt nicht zu spaßen! Und wer mit seinem Job unzufrieden ist, ist weit weniger als 80% zufrieden.. Vielleicht sollte er die Coachings in Unternehmen nicht durchführen, wenn der Chef dabei sitzt.

    • @ Klaus

      Ich plädiere in diesem Blogpost dafür, den Job nicht gleich bei der ersten Unzufriedenheit hinzuschmeissen. Und dafür, dass man sich im Klaren darüber sein soll, welche Kriterien für einen persönlich entscheidend sind und welche weniger. Um dann im Abgleich dazu zu entscheiden, ob ein Jobwechsel angesagt ist.

      Ich rede nichts klein und behaupte auch nicht, dass jene, die im Job unzufrieden sind, 80% zufrieden sein sollen. Dass Du – der mich ganz offensichtlich nicht kennst – fantasierst, wie wie meine Jobcoachings ablaufen, … na ja. Ich diskutiere gerne über meine Sicht auf die Dinge, auch kontrovers. Aber nicht basierend auf falschen Interpretationen und aus der Luft gegriffenen Unterstellungen. ;-)

  2. Der Text spricht mir genau aus der Seele. Erlebe ich auf der Arbeit oft genug. Kollegen, die sich und ihre Zukunft komplett aufgegeben haben.

    Ich persönlich hatte auch schon mit Zweifeln in meinem Job zu kämpfen, aber ich habe mir auch erstmal klar gemacht was mich überhaupt stört und wo man hin will. Wenn man das erstmal weiß, kann man danach gleich viel einfacher entscheiden wo der Weg hingehen soll. ;-)

  3. Ich kann verstehen, dass man mühsam gesammeltes Wissen nicht so gerne “ziehen” lässt. Man möchte ja nicht, dass andere sich mit diesem geschenkten Wissen einen Vorteil verschaffen, der einem selbst schadet.
    Aber Klaus’ Kommentar kann ich in sofern nachvollziehen, dass der Artikel sehr oberflächlich wirkt, zB auch dadurch, dass das Pareto-Prinzip nur ganz leicht touchiert wird.
    Vielleicht wäre eine passende Reaktion deswegen “nur Mut” zu rufen mit der Hoffnung auf mehr Inhalt – gerne auch mehr Inhalt pro Zeile. Wir Leser stehlen Ihnen nicht 10 Jahre Berufserfahrung, aber wenn wir mehr erfahren, dann bleiben wir gerne treue Leser.

    • @ Martin L.

      Danke für Deinen Kommentar. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Du und andere hier mehr zum Thema wissen wollen. Und ich verstehe Deinen Wunsch nach mehr Inhalt.

      Gleichzeitig müssen wir die Limiten eines Blogposts anerkennen, uns der Lesegewohnheiten von Menschen im Internet bewusst sein und deshalb die Texte hier «erträglich kurz» halten.

      Nicht immer einfach, den goldenen Mittelweg zu finden. Aber – durch Deinen Zuruf “mehr Mut” – lohnenswert, ständig daran zu feilen ;-)

  4. Der link im Beitrag zur Standortbestimmungspdf führt ins nichts.

    • @ Georg E.
      Danke für den Hinweis. Der Webhoster meiner eigenen Website, auf dem das PDF abgelegt ist, hat momentan ein technisches Problem. Sobald die Server wieder online sind, wird auch das PDF wieder verfügbar sein.

  5. Update:
    Die Probleme beim Webhoster sind gelöst und der Link zur Mini-Standortbestimmung funktioniert wieder:
    Erwartungen an meinen Job – Mini-Standortbestimmung

  6. Burnout und generelle Erschöpfungserscheinungen sollten nie unterschätzt werden. In ganz schlimmen Fällen fällt man ernsthaft in eine Depression, die von einem Spezialisten behandelt werden muss. Trotzdem, oder vor allem deshalb, ist es besonders wichtig auch sein Privatleben in Ordnung zu halten. Wenn der Job anstrengend ist, aber das Privatleben einen Anker bieten kann und somit die Balance wiederherstellen. Alles über einen Kamm zu scheren finde ich da wirklich schwierig. Aber in jedem Fall ist auch der Druck in der Arbeitswelt nicht zu unterschätzen.

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