Wie die Digitalisierung unser Arbeiten verändert II/II:
Chancen und Risiken der Flexibilisierung

In einer Expertenrunde diskutierte ich kürzlich über Vor- und Nachteile des kompetenzbasierten Arbeitens. Dabei wurden die Chancen, aber auch die Risiken dieser neuen Arbeitsform deutlich. Zu den Nachteilen gehört etwa die ständige Selbstvermarktung, aber auch fehlende Akzeptanz.

Wenn wir über kompetenzbasiertes Arbeiten reden, dann fällt vielen Gunter Dueck ein, ehemaliger IBM-Manager und Mathematik-Professor, der mit seinem Vortrag auf der re:publia 2011 für Aufsehen sorgte. Nach seiner Prognose werden sehr viele Berufe ihre Bedeutung verlieren, weil wir dank Internet viel mehr selbst erledigen können – etwa Fahrkarten kaufen oder Informationen recherchieren.

Schon heute, so sagte Dueck ein wenig sarkastisch, weiß ja so mancher Patient, der zwei Stunden im Internet gesurft ist, mehr als sein Arzt. Was übrig bleibt, sind die schwierigen Beratungs- und Verwaltungsaufgaben, für die Deutschland mehr Fachkräfte braucht.

Doch komplexe Aufgaben verlangten nicht nur Fachkönnen – das werde ja zum guten Teil vom Internet geliefert –, sondern soziale Gewandtheit, emotionale Intelligenz, Managementtalent, Verhandlungsgeschick, Selbstverantwortung, Unternehmergeist. In einer Sitzung der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages «Internet und digitale Gesellschaft» zum Thema «Veränderungsprozesse in der digitalen Wirtschafts- und Arbeitswelt» kritisierte Dueck, dass Kreativität in der Schule als Krankheit betrachtet wird.

Zudem sei die Vermittlung sozialer Kompetenz kein Bestandteil des Bildungssystems. Laut Dueck verliert die reine Fachausbildung an Bedeutung, und Soft Skills werden immer wichtiger. Er geht sogar so weit zu sagen: Nur wer die entsprechenden Soft Skills und Anpassungsfähigkeit an die moderne, digitale Gesellschaft mitbringt, wird es schaffen.

Das Prekariat fällt hinten runter

Damit sind wir bei den Nachteilen des rein kompetenzbasierten Arbeitens: Es gibt nämlich nicht wenige Leute, die dabei hinten runterfallen, das sogenannte Prekariat. Gerne wird vergessen, dass diese Art zu arbeiten nicht selten zu unsicheren, schlecht bezahlten Beschäftigungen führt. Als Beispiel nannte Dr. Stefan Pfisterer von der BITKOM die USA, wo auf dem Arbeitsmarkt vor allem kurzfristig verwendbare Fähigkeiten nachgefragt seien, was ohne Zweifel Chancen böte, aber auch dazu führe, dass nicht langfristig in einen Arbeitnehmer investiert werde.

Die nachhaltige Entwicklung, das Kompetenzbündel hinter einem Beruf, werde dort nicht gesehen. Eine grundsätzliche Abwendung von Berufen hin zum rein kompetenzbasierten Arbeiten sei daher nicht wünschenswert, so Pfisterer.

Einen weiteren Grund habe ich auch in meinem persönlichen Umfeld oft erlebt: Es ist einfach nicht jeder für dieses freie, selbständige unternehmerische Arbeiten geschaffen. Dazu ein aktuelles Beispiel von Julia Seeliger, ehemalige TAZ-Redakteurin, ehemalige FAZ-Autorin, ehemaliges Mitglied der Grünen und daher kein ganz unbeschriebenes Blatt:

«Guten Tag, mein Name ist Julia Seeliger, ich bin 33 Jahre alt und habe keinen Job. Mehr als ein Jahr versuchte ich es selbstständig in den Bereichen Webdesign und Journalismus und es hat nicht geklappt. Aus unterschiedlichen Gründen kann ich so nicht arbeiten. Zu allererst, weil ich nie so arbeiten wollte, zum anderen, weil ich alleine nicht arbeiten kann, und zuletzt, weil ich mich selbst nicht bis ins Kleinste vermarkten kann und will.»

Selbstvermarktung bis in Letzte?

Damit spricht sie ein Problem an, das aus dem kompetenzbasierten Arbeiten resultiert: Die ständige Notwendigkeit, sich zu vermarkten – und die Frage ob das wünschenswert ist. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung in Berlin, wo ausgerechnet PR-Berater Facebook als das Ende der Bescheidenheit bezeichneten.

Und kürzlich hat die internationale Hochschule Bad Honnef/Bonn eine diskussionswürdige Aktion gestartet. Im Rahmen eines Wettbewerbs wird ein Voll-Stipendium in Höhe von 11.000 Euro für ein Fernstudium vergeben. «Votes» sammeln die Teilnehmer, indem sie Freunde, Familie und Bekannte via Facebook, E-Mail oder Kontaktliste einladen und auffordern, für sie zu stimmen. Die IUBH erklärt die Fähigkeit zur Selbstvermarktung ganz offen zum Ziel des Wettbewerbs.

Eine weitere Gefahr der Selbstvermarktung bis ins Kleinste: Dass die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben immer mehr verschwimmen. Freunde on- und offline sind auch Kollegen, man ist, wenn man nicht aufpasst, rund um die Uhr im Einsatz, und die hohe persönliche Identifikation mit dem Job birgt die Gefahr von Überarbeitung und Burnout. Mit diesen Gefahren gilt es, umgehen zu lernen.

Die Gesellschaft kann mit dem neuen Arbeiten nicht umgehen

Daneben zeigen allerdings auch Vorstöße wie die Rentenversicherungspläne von Ursula von der Leyen, wie wenig der Gesetzgeber und auch die Gesellschaft mit diesen neuen Arbeitsformen umzugehen wissen. Dies führt zu absurden Situationen in der Sozialversicherung – zum Beispiel weil Kranken- und Rentenversicherung bei Selbständigen nicht nach dem tatsächlichen Einkommen berechnet werden, sondern nach bestimmten, ungerechten Mindestsätzen.

Und genau dazu passt auch die Struktur unserer (Bildungs)Landschaft, deren Zeugnisse und Zertifikate bis heute mehr auf das Abfragen von Wissen als auf das Vermitteln grundlegender Fähigkeiten ausgerichtet sind.

Die Lösung: Kompetenzmessung mit Large-Scale Assessments?

Das Problem sei, so sagte Dr. Agnes Dietzen vom Arbeitsbereich Kompetenzentwicklung am Bundesinstitut für Berufsbildung, dass die Entwicklung zuverlässiger Verfahren zur Kompetenzmessung (Fachbegriff: Large-Scale Assessments oder LSA) noch in den Kinderschuhen stecke. Ein großes Problem sei etwa die fehlende Vergleichbarkeit von Fähigkeiten, die in unterschiedlichen Bildungssystemen wie etwa der Hochschule oder der beruflichen Bildung erworben werden.

Auch Leistungen aus anderen Bereichen wie Ehrenamt, Sozialdienste oder Pflegleistungen in der Familie sollten in die Kompetenzfeststellung einfließen, sagte Dietzen – machte aber gleichzeitig klar, dass hier noch viel zu tun ist, denn bislang erschwere das Fehlen von validen, objektiven und dennoch praktikablen Standards den Vergleich.

In Deutschland arbeite man da zur Zeit nur sehr zögerlich an der Umsetzung eines Qualifikationsrahmens auf Empfehlung des Europäischen Parlaments und des Rats zur Einrichtung des Europäischen Qualifikationsrahmens. Einen Grund für die fehlende Durchlässigkeit für verschiedene Berufe sieht Dietzen auch in berufsständischen Interessen. «Wir denken zu sehr in kleinen Kategorien und sollten mehr in Berufs-Familien denken», sagte Dietzen.

Den Wandel aktiv mitgestalten

Im Wesentlichen glaube ich, dass sich flexible Arbeitsformen, wie wir sie heute schon aus dem digitalen Bereich kennen, auch auf andere Bereiche ausdehnen werden. Es bringt dabei nichts, in alten Vorstellungen zu verharren; man muss sich mit diesem Wandel der Arbeitswelt auseinandersetzen und ihn aktiv gestalten, damit nicht am Ende die negativen Punkte überwiegen. Allerdings sollte man auch die Nachteile dieser neuen Arbeitsform sehen und ihnen so gut wie möglich entgegenwirken.

Erster Teil des Artikels: Die Kompetenzen stehen im Vordergrund

 

Bild: Mathias bei flickr.com (CC BY-SA 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie ist Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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2 Kommentare

  1. Das Marketing verfolgt in diesem Fall neben der Bekanntheit glaube ich auch das Ziel, die unzulängliche Kompetenzmessung zu ersetzen. Wenn man das letztere Problem also lösen kann, verringert sich wahrscheinlich auch das erstere.

    Was diese Lösung angeht, so glaube ich liegt die Schwierigkeit auch in dem Ansatz, überhaupt innerhalb von Kategorien bewerten zu wollen. Was tatsächlich zählt für eine bestimmte Aufgabe sind ja einzelne, sehr spezifischen Fähigkeiten, die nur manchmal zufällig in eine Kategorie gehören. Kategorisierende Bewertungen dagegen führen genau zu solchen Ergebnissen, dass Schlüsselkompetenzen nicht gelehrt werden, weil sie nicht in eine der vorab festgelegten Kategorien passen.

    Vielleicht wäre eine (kurzfristige) Lösung eine Änderung des Zeugnis-Systems bei Arbeitgebern/Einführung eines solchen bei Kunden?

  2. Danke für den spannenden Denkanstoß, dass das übermäßige Selbstmarketing durch geeignete Kompetenz-Messungs-Instrumente zurückgeschraubt werden würde.

    Die Kompetenz-Messungs-Forschung ist ein sehr spannendes und sehr weites Feld. Leider scheint sie, wenn ich von besagter Veranstaltung ausgehe, etwas abgehoben und theoretisch zu sein. Und sie steckt noch in den Kinderschuhen.
    Ich befürchte daher, dass die Sache im Moment eher in die andere Richtung läuft: Zunahme der Selbstvermarktung. Ein Personaler verriet mir vor kurzem, das dahingehend schon bald der Klout-Score das Arbeitszeugnis als Referenz abösen könnte. Weil es so schön einfach ist.

2 Pingbacks

  1. [...] imgriff.com wurden die neuen Arbeitsformen sehr treffend als „kompetenzbasiertes Arbeiten“ beschrieben. [...]

  2. […] ein Thema, mit dem ich mich bereits anlässlich einer Diskussion u.a. mit Ursula Engelen-Kefer bereits im vergangenen Jahr beschäftigt […]

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