Das Internet und unser Image I/II:
Sind Internetnutzer Idioten?

Sollen Internetnutzer das Private streng vom Öffentlichen trennen, oder sollen sie im Gegenteil ihr Innerstes nach aussen kehren? Keins von beidem ist ideal. Das Erfolgsmodell heisst: Vergiss die unbedarfte «Authentizität» – kultiviere die Inszenierung.

In seinem Gastbeitrag «Mehr Lebensqualität dank Smartphone, E-Mail, Chat & Co.» hat Benjamin Wagener die Frage aufgeworfen, warum denn elektronische Kommunikation weniger Wert sein soll als direkte Kommunikation, nur weil der Blickkontakt und die bewusste Wahrnehmung des Gegenüber fehlen. Sein Gegenargument: Auch im realen Leben erhalten, so Wagener, viele Leute eine Fassade aufrecht. Wagener meint sogar:

«Was bringen da also direkter Kontakt, die Nuancen der Stimme usw., wenn diese Vorteile inhaltlich nicht genutzt werden? Ich behaupte: Viele hat erst die relative Distanz des Internet dazu gebracht, sich überhaupt erst zu öffnen und anderen anzuvertrauen, weil sie hinter der Tastatur entspannter kommunizieren können, wenn sie nicht den Blicken des anderen ausgesetzt sind.»

Ganz ich selbst sein?

Die Studie «Facebook Profiles Reflect Actual Personality, Not Self-Idealization» der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz scheint Wagener recht zu geben: Laut dieser Studie wollen die meisten Mensch in sozialen Netzwerken möglichst ganz sie selbst sein und der eigenen Persönlichkeit Ausdruck verleihen. In Kooperation mit amerikanischen Kollegen untersuchten die Mainzer Psychologen insgesamt 236 deutsche (studiVZ/meinVZ) und US-amerikanische (Facebook) Nutzerprofile.

Mit Fragebögen wurden die tatsächlichen Persönlichkeitszüge der Profilbesitzer sowie ihre idealisierten Selbstbilder (d.h. die Vorstellungen davon, wie sie gerne wären) erhoben. Anschließend sahen fremde Beurteiler die Nutzerprofile und gaben ihren Persönlichkeitseindruck an. Die Fremdurteile wurden dann mit der tatsächlichen Persönlichkeit sowie dem Selbstideal der Profilbesitzer verglichen.

Es zeigt sich, dass die spontanen Eindrücke der fremden Beurteiler mit den tatsächlichen Eigenschaften der Profilbesitzer übereinstimmen und nicht durch deren Selbstidealisierung verfälscht werden. Die Ergebnisse widersprechen damit der Auffassung, dass Online-Profile nur dazu verwendet werden, eine irreführende virtuelle Identität zu kreieren.

Idioten im Sinne der alten Griechen?

Diese Offenheit macht vielen Leuten Angst. Denn, so die gängige Meinung, im Privatleben soll man sich geben, wie man ist. Doch in der Öffentlichkeit und gar im beruflich-professionellen Umfeld hat zu viel Offenheit nichts verloren. Hier liegt die Ursprungsbedeutung des Wortes Idiotie: Im antiken Griechenland war ein Idiot ein Mensch, der Privates nicht vom Öffentlichen trennt. Und genau das tun viele Menschen, wenn sie sich im Internet präsentieren.

Sind viele Internetnutzer also Idioten? Oder doch nicht?

Im Oktober 2010 erhielt Uwe Knaus, Blogmanager von Daimler, eine denkwürdige Bewerbung für ein Social-Media-Praktikum:

«Ich bin Social-Media-süchtig… ja, ich bekenne mich hiermit offiziell. Nichts kann mir meinen Tag mehr versüßen, als das goldige Klingeln einer neuen Nachricht bei Facebook und ein erhoffter Retweet… Ja, so ist es… Ich erhalte wiederholt Anzeigen wegen Belästigung, weil ich Leuten auf der Straße folge. Und am aller Schlimmsten:… Mein Freund spricht mich mittlerweile nur noch mit @Schatzi an… Einzig und allein der strukturierte Umgang mit Social Media kann mir jetzt noch helfen. Ich zähle auf Ihre Unterstützung.“

Absenderin war die Regensburger Absolventin Natascha Müller, die damit für heftige Diskussionen unter Personalern und Social-Media-Experten sorgte. Denn Knaus hatte die Bewerbung, zunächst anonym, in seinem privaten Blog veröffentlicht – nicht ohne seinen eigenen Eindruck wiederzugeben:

«Zuerst dachte ich: Das geht gar nicht! Da hat sich jemand einen Scherz erlaubt, oder ein anderer hat eine Fake-Bewerbung abgegeben. Gehen wir mal davon aus, das Anschreiben ist kein Fake. Dann ist es amüsant, offen, ehrlich, witzig, herausstechend und die Bewerberin bleibt in Erinnerung. Aber es passt nicht zu Daimler – oder doch? Wenn Die Dame sich damit bei einer Agentur beworben hätte, dann hätte sie vermutlich gleich morgen anfangen können. Gedanken über Gedanken. Eins hat sie zumindest erreicht: Ich beschäftige mich überdurchschnittlich lange und intensiv mit ihrer Bewerbung.»

Professionelle Inszenierung als Erfolgsstrategie unserer Zeit

Und genau darin bestand der Erfolg von Müllers Bewerbung: Mit ihrer frechen, unkonventionellen Art brachte sie nicht nur den Blogmanager eines weltweiten Automobilkonzerns zum Nachdenken, sondern erreichte u.a. via Twitter auch große, meist zustimmende Aufmerksamkeit. Offenheit und Authentizität also als Erfolgsstrategie unserer Zeit?

Die Sache ist ungleich komplizierter und vielschichtiger. Denn nicht jede Form von Offenheit kommt auch gut an. Der Managementberater Olaf Hinz warnt sogar davor, es mit der Authentizität zu übertreiben:

«Was es braucht ist ein stimmiges Auftreten bzw. eine stimmige Inzenierung. Und gerade Inszenierung hat auch die Rollenbilder/-erwartungen der Mitarbeiter, Kollegen oder des Publikums im Blick. Denn wer hoch persönlich, authentisch und ‘ehrlich’ daher kommt, wird von seinem professionellen Umfeld schnell als ‘zu nah’ und ‘zu privat’ empfunden. Ich denke, es braucht ein professionelles Auftreten, das durch das ‘Waage halten’ zwischen Authentizität und Rollenausübung weder angepasst noch zu privat daherkommt: eine stimmige Inszenierung eben.»

Die Politkwissenschaftlerin Eva Horn, die zur Zeit im Landtag von Baden-Württemberg arbeitet, beherrscht diese Inszenierung in ihrem bevorzugten Social-Media-Kanal, Twitter, perfekt: Mit ihren grünen Haaren, dem eher zufälligen Schnappschuss und dem frechen Spruch «ich bleibe oft lange auf, trinke viel und schäme mich für uns alle» nimmt man ihr Profil eher als privaten und damit besonders authentischen Kanal war.

Dennoch überlegt auch Horn genau, was sie twittert und was nicht, denn sie weiß sehr genau, wer alles mitliest – und zu welchen Missverständnissen die Verzahnung von privat und öffentlich führen kann:

«Mit der Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken ist das wie überall sonst auch: Einige tun es mehr als andere, es gehört einfach dazu. Allerdings würde ich nie irgendwelchen Mist twittern, um mehr Follower zu bekommen. Das wäre unehrlich. Was man scheibt, muss zu einem passen. Ganz private Dinge wie mein Liebesleben behalte ich für mich. Dass ich aber ein ausgemachter Misanthrop bin und manchmal etwas mehr trinke, dürfen die Leute ruhig wissen. Spontane Gefühlsäußerungen auch, selbst wenn das manchmal Irritationen hervorruft: Einmal habe ich getwittert ‘versehentlich angefangen zu heulen’ – darauf dachten viele Leute, es müsse mir total schlecht gehen, weil ich das öffentlich mache. Dabei handelt es sich nur um kurze Momentaufnahmen. Es gibt eben viele Leute, die die Ironie und den Zynismus nicht verstehen, mit denen man bei Twitter Themen in 140 Zeichen auf die Spitze treibt. Das muss einem liegen. Durch Twitter habe ich auch schon viele berufliche Kontakte und Jobangebote bekommen und twittere auch offiziell für die Grünen – die haben auch schon gemerkt, dass ich gut formulieren kann. In dem offiziellen Account einer Partei oder eines Unternehmens haben private Äußerungen allerdings nichts verloren, das muss man strikt trennen, sonst wirkt es unprofessionell!»

Also eine wohl durchdachte Strategie, die nichts mit «idiotischem» Verhalten zu tun hat.

Man darf in sozialen Netzwerken nicht alles so bierernst nehmen, weil die Dinge hier oft zugespitzt werden. Das ist Teil des Spiels. Doch auch wenn man das weiß, ist es nicht immer einfach, das Spiel zu durchschauen. Und es besteht immer die Gefahr, dass man sich von anderen ein falsches Bild macht. Genau damit befasse ich mich nächste Woche im zweiten Teil des Artikels.

 

Bild: JD Hancock bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

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Ein Kommentar

  1. Da bin auf die Fortsetzung ja mal sehr gespannt. :)

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