Wie das Internet unser Kommunikationsverhalten verändert II/II:
Gemeinsam einsam?

Komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen durch pflegeleichte Online-Beziehungen ersetzen: Wer dieser Versuchung nicht widerstehen könne, werde immer einsamer, stellt Sherry Turkle fest. Klingt dramatisch. Wer aber lernt, den richtigen Kommunikationskanal im richtigen Moment einzusetzen, profitiert von den vielfältigen Möglichkeiten des mobilen Internets.

Im ersten Teil dieses Beitrags ging es darum, wie das Internet unsere selektive Wahrnehmung und damit unseren Tunnelblick verstärken kann. Das hat zur Folge, dass wir uns manchmal trotz Gesellschaft ganz fürchterlich einsam fühlen. Wir sind sozusagen gemeinsam einsam – ein Begriff, den die amerikanische Psychoanalytikerin und Soziologie-Professorin Sherry Turkle geprägt hat.

Schleichende Vereinsamung durch mobiles Internet?

Turkle erforscht seit über 30 Jahren die Auswirkungen moderner technischer Entwicklung auf unser Leben – zunächst euphorisch, wie sie sagt, dann zunehmend kritischer, seit sie festgestellt habe, welch rasante Veränderungen ein Internet mit sich bringt, das wir allzeit in der Hosentasche herumtragen könnten. In ihrem neuen Buch «Alone Together» (Affiliate-Link) warnt sie vor der schleichenden Vereinsamung, die kommunikative Veränderungen mit sich bringen können.

Denn das Internet, vor allem in der mobilen Version für Hand- oder Hosentasche, böte jederzeit die Möglichkeit, den komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen der Realität zu entfliehen – so wie die Studentin, die ohne Weiteres ihren Freund gegen einen Roboter als Liebhaber eintauschen würde, um sich die Welt einfacher und besser zu machen. Oder wie Kollegen, die E-Mails oder SMS ins Nachbarbüro schicken, weil es ihnen zu intim vorkäme, dort einfach vorbeizuschauen.

Wichtige Informationen und Gefühlsregungen, die in einem Telefonat oder im persönlichen Gespräch mit ausgetauscht würden, fehlten dabei – und genau dadurch verändere sich nicht nur die Kommunikation, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen insgesamt. So sagt Turkle in einem Interview:

«Man kann online andere Beziehungen haben. In einer gewissen Weise enthüllen die Menschen mehr von sich selbst. Aber sie enthüllen das, was sie enthüllen wollen, nicht unbedingt das, was der andere wissen will! In einer Freundschaft von Angesicht zu Angesicht findet eher ein echter Austausch statt. Ich untersuche solche Chats seit den frühen neunziger Jahren, und wissen Sie was: Wenn es ungemütlich wird, dann kneifen die Leute. Es gibt viel weniger Verbindlichkeit in den Beziehungen.»

Nun mag Turkle Recht haben damit, dass im Internet soziale Beziehungen anders, nämlich oberflächlicher ablaufen, und dass damit für manche Menschen die Gefahr des Realitätsverlustes einhergeht, wenn sie sich zu sehr darauf einlassen. Die Medizinerin Shima Sum von der Universität Sidney zeigte zudem 2008 in einer Studie unter Senioren, dass sich bereits bestehende Einsamkeit nur sehr schlecht mit Social Media, Chats, Foren und privaten Nachrichten bekämpfen lässt. Im Gegenteil: Wenn sich die Isolation im realen Leben erst den Weg ins virtuelle soziale Netz bahnt, wird der Mangel an echten Freunden eher noch größer.

Online-Intimität nicht mit echter Intimität verwechseln

Allerdings darf man Online-Intimität eben nicht mit echter Intimität verwechseln. Und natürlich sind Textnachrichten im Internet bequemer als Telefonate oder das persönliche Gespräch. Denn die Online-Kommunikation ermöglicht es, mit einer großen Zahl von Menschen in Kontakt zu stehen und diese gleichzeitig mehr auf Distanz zu halten, als das zum Beispiel bei einem Telefonat möglich wäre, bei dem wir persönlich anwesend sein müssen und die Stimme – und die darin mitschwingenden Emotionen – des anderen hören.

Indes kann ich nicht erkennen, was am Einsatz der Online-Kommunikation verkehrt sein soll. Im Gegenteil, um effizient arbeiten zu können, ist diese Filterung sogar unabdingbar. Zumal Turkle auch über sich selbst sagt, dass E-Mails ebenfalls ihr wichtigster Kommunikationsweg sind.

Wer die Regeln kennt, profitiert von mehreren Kommunikationskanälen

Eine holländische Studie von Patti M. Valkenburg und Jochen Peter zeigt folgerichtig, dass soziale Medien hervorragende Mittel sind, um einen bereits bestehenden Bekanntenkreis zu pflegen. Man muss also differenzieren. Einmal nach den Gründen, wie und warum man soziale Medien nutzt, aber auch danach, mit wem man kommuniziert und warum. Denn natürlich besteht die Gefahr, dass man seinem inneren Schweinehund nachgibt und faul zu Hause sitzen bleibt, statt sich persönlich mit Menschen zu treffen. Aber dafür gleich das Internet zu verdammen, wie es in der gegenwärtigen Diskussion um die Internetsucht passiert, scheint mir da der falsche Weg.

Und während die meisten Menschen im richtigen Leben oft sehr genau wissen, wer Freund, Kollege, guter Bekannter oder Feind ist, scheint genau diese Unterscheidung viele Menschen in sozialen Netzwerken zu verwirren. Das merke ich immer dann, wenn mich Leute, die sich normalerweise auch nicht mit jedem auf ein Bier verabreden, unsicher fragen «Was mache ich denn, wenn ich bei Facebook eine Freundschaftsanfrage von jemandem bekomme, den ich nicht als Freund haben will?» Grund für die Verwirrung ist, dass die Kommunikation in digitalen Zwischenräumen zwar öffentlich, aber doch oft auch irgendwie persönlich ist.

 

Teil I: Gefangen im Tunnelblick

Die Replik von Leser und Gastautor Benjamin Wagener

 

Bild: Wilson Afonso bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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10 Kommentare

  1. Frau Janson, kann es sein, dass sie bei diesem Artikelteil vergessen haben, dass es auch sowas wie Skype und Google+ Hangouts gibt, welche die Leute nicht weiter von einander entfernen, sondern sie im Gegenteil sogar einander näher bringen, als es bisher klassisch Brief und Telefon vermochten? Und irgendwie klingt mir wieder ein wenig zu sehr eine Schuldsuche in der Technik durch, wobei doch offensichtlich ist, dass der Fehler allein in der Disziplin der Menschen liegt. Technik kann einen vielleicht verleiten, aber nicht wirklich einen Zwang ausüben.

    • Hallo BenW,
      nein, da haben Sie recht, die Technik ist nicht Schuld, sondern unser Umgang mit ihr. Den müssen wir erst noch lernen und reflektieren. Genau deshalb schreibe ich solche Artikel.
      Aber aus ganz unterschiedlichen Gründen finde ich nicht, dass Hangouts oder Skype ein persönliches Gespräch ersetzen können. Das kann ja auch jeder anders sehen – ich erlebe das aber, dass selbst in Berlin Videokonferenzen abgehalten werden, statt dass man sich einfach mal trifft – ist eben bequemer und zeitsparender.

    • Wieso sollen sie ein persönliches Gespräch nicht ersetzen können? Nur weil ich die Person nicht riechen kann? Und wieder beziehen sie sich nur darauf wie diese Tools Distanzen aufbauen. Sie tun aber eben auch das Gegenteil. Wir hatten in Bremen eine Konferenz zu Open Educational Resources. Ein paar Fachleute hatten keine Zeit für die Anreise. Die konnten aber problemlos über Hangouts aber in die Diskussionen integriert werden. Ohne diese Tools, wären sie von der Konferenz ausgeschlossen gewesen. Genauso gibt es Familien und Freunde die über zig Kilometer aus Gründen von Urlaub, Beruf, Ausbildung oder was auch immer getrennt sind. Über Videokonferenz per Web können diese Leute sich sehen und bei der Kommunikation sich was zeigen und die gegenseitige Mimik vernehmen. Die Webtools bieten hier also einen klaren Mehrwert in der Kommunikation zu den klassischen Kommunikationswegen per Telefon und Brief. Das kommt aber in ihrem Text mit keiner Silbe zum Tragen.

  2. Klar, selbst in der S-Bahn schauen alle auf Ihre Smartphones, Kindles und Tablets. Bei dem ganzen Geblinke zieht die Umwelt schonmal den Kürzeren.

  3. Ich sehe im ÖPNV auch sehr viele Leute die in Zeitungen und Bücher vertieft sind. Wieso kommt keiner auf die Idee diese dafür zu verteufeln, dass sie Kommunikation “verhindern”?

    • Ich verteufle nicht, ich mag Internet auch sehr und finde Experimente alla “6 Monate ohne Internet” total sinnlos. Allerdings muss es doch möglich sein, dass wir auch mal kritisch die Veränderung unseres Kommunikationsverhaltens bedenken.

  4. Ich vertrete den Standpunkt „Gemeinsam Einsam“.

    Um mich herum beobachte ich immer mehr Leute, die kontroversen Diskussionen/ Themen ausweichen oder diese sogar abbrechen und im nächsten Moment das Telefon in die Hand nehmen um in ihre „heile Welt“ oder zu den weniger anstrengenden „Freunden“ zu fliehen.

    Ich würde sogar so weit gehen, dass wichtige soziale Kompetenzen (z.B. Kritikfähigkeit, Einfühlungsvermögen) Schritt für Schritt verloren gehen bzw. gar nicht erst aufgebaut werden. Wozu brauche ich sie auch? Warum soll ich mich mit Dem/ Der rumschlagen, wenn ich jederzeit an jedem Ort auf 10+X andere Leute zurückgreifen kann.

    Dem Punkt, dass wir erst noch lernen und die Veränderung im Kommunikationsverhalten reflektieren müssen, stimme ich 100% zu. Das geht auch sicher nicht von heute auf morgen. Die spannende Frage ist, warum so viele vehement den zum Teil deutlichen Einfluss auf sie abstreiten.

  5. Hallo – Fr. Turkle bezieht sich scheinbar auf die Media Richness Theorie, in dessen Rahmen ich sie vor langer Zeit kennengelernt habe. Demnach übertragen – um nur EIN Beispiel zu nennen – Videokonferenzen nur einen Bruchteil der Informationen, die in einem persönlichen Gespräch ausgetauscht werden.
    Bei Konferenzen: eher Sachinformationen, Emotionen nicht so wichtig.
    Bei Familien: Interpretation kleinster Kommunikationselemente hinsichtlich der Emotion gelernt und anwendbar.

    Die meiste Kommunikation im Internet hat aber diese Merkmale nicht und ist deswegen “flach”. Schon eine digitale Telefonleitung (Voice over IP) hat eine deutlich geringere Bandbreite, als analoges Telefon und überträgt viele “reiche” Informationen nicht.

    Auf dieser Basis hat Fr. Türkle mehr als recht. Wenn man das Phänomen in der Praxis beobachtet, sieht man es überall. Versuchen Sie mal am Telefon mit einer fremden Person emotional zu sein, Face2Face geht das aber. Worte sind eben nur ein kleiner Teil der Kommunikation, ohne Interpretation sind sie nichts.

    • Danke für den Hinweis auf die Media-Richness-Theorie, das trifft es: Zum Informationsaustausch wie hier ist das Internet gut geeignet. Zum Emotionsaustausch nicht so gut.

      Simone Janson

  6. Quatsch! Von Hinten bis vorne Quatsch!

5 Pingbacks

  1. [...] Soziologie-Professorin Sherry Turkle befassen. Zum Beispiel, warum wir gemeinsam einsam sind. Teil II: Gemeinsam einsam? Die Replik von Leser und Gastautor Benjamin Wagener Bild: Jeremy Keith bei flickr.com (CC BY [...]

  2. [...] des anderen ausgesetzt sind.Wie Simone Janson richtig festgestellt hat, sind so halt manche «gemeinsam einsam». Aber vermutlich ist die Online-Kommunikation für etliche Menschen ein Zwischenschritt zur [...]

  3. [...] ist an der Verrohung der Kommunikationssitten – oder der User selbst. (Die Blogposts dazu hier, hier und hier.)Naja, erstmal ging es doch um die grundsätzlichere Frage: Hat sich die Kommunikation [...]

  4. [...] Überforderung und Stress durch das Internet und neue Technologien diskutiert (zum Beispiel hier, hier und hier).Die Vielzahl an Kommentaren und zum Teil heftigen Reaktionen zu den Artikeln zeigt, wie [...]

  5. […] Turkle hat einmal in einem Interview gesagt: “In einer Freundschaft von Angesicht zu Angesicht findet eher ein echter Austausch […]

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