Das digitale Zeitalter fordert von uns neue Fähigkeiten II/II:
Fehler machen, Spaß haben, abschalten!

Die Arbeitswelt verändert sich. Was bedeutet das für Unternehmen, was bedeutet das für jeden einzelnen von uns? Einige Gedanken dazu, welche Vorstellungen und Überzeugungen wir hinterfragen müssen.

Im ersten Teil des Beitrages habe ich darüber geschrieben, wie sehr das protestantische Arbeitethos unsere Arbeitsauffassung und damit auch unsere Arbeitsweise prägt – und dass ein Festhalten daran im digitalen Wandel gar nicht mehr zeitgemäß ist. Viel mehr ist ein Loslösen von den ungeschriebenen Dogmen des Industriezeitalters gefragt. Und dafür möchte ich nun einige konkrete Beispiele aufzeigen

Aus Fehlern lernen

Ein Beispiel ist unser Umgang mit Fehlern: Leistungen und Produkte müssen perfekt sein. Da jedoch jede Aussage unmittelbar durch das Internet verifizierbar ist, ist das kaum noch möglich. Google, eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen, geht einen anderen Weg: Neue Dienste werden als unfertige Beta-Versionen gelauncht und durch die User verbessert. Google steht zu Fehlern, probiert öffentlich im Trial-&-Error-Verfahren aus – und entwickelt genau deshalb innovative Produkte. Dieses Prinzip könnte das Leitbild einer digitalisierten Unternehmenskultur werden, die fehlgeschlagene Innovationen für Verbesserungen nutzt, statt diese anzuprangern.

Wenn man sich nicht ständig dem Druck aussetzt, etwas Perfektes zu schaffen, dann kann Arbeit sogar Spaß machen. Diese Idee scheint vielen Menschen geradezu ungeheuerlich. Doch Spaß an der Arbeit muss eigentlich auch sein, denn nur motivierte Mitarbeiter sind in der Lage, gute Ideen zu entwickeln und Innovationen zu schaffen (siehe auch den Artikel Laut lachen, produktiver arbeiten). Unternehmen wie Google haben das begriffen und bieten ihren Mitarbeitern auch allerlei Freizeit- und Sporträume an.

Spaß haben und abschalten

Den Spaß an ihrer Arbeit machen sich viele aber selbst kaputt: Darüber habe ich kürzlich am Beispiel von Miriam Meckel geschrieben: Im Bemühen, strebsam, fleißig uns leistungsbereit zu sein – also das Arbeitsethos zu erfüllen – machen sich viele zu Sklaven der Technik. Doch daran ist sie auch selbst schuld – und das ist ein Schicksal, dass sie mit vielen Menschen teilt. Denn viele glauben, nur leistungsbereit und fleißig zu sein, wenn sie auch stets erreichbar sind.

Wer hingegen klug ist, steigert mit gelegentlichen Phasen der Unerreichbarkeit sein Ansehen. Denn wenn alle jederzeit erreichbar sind, wird es zum seltenen Luxus, nicht ständig antworten zu müssen. Und wer sich den Luxus der kommunikativen Abwesenheit gestattet, zeigt damit: «Seht her, ich kann es mir leisten!» Abwesenheit als Statussymbol. Ein Beispiel: Wer heute als Manager seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen will, fährt 10 Wochen in Urlaub – und ist einfach nicht erreichbar! Abgesehen davon, dass das seiner eigenen Gesundheit und Leistungsfähigkeit zuträglich ist, zeigt er damit noch etwas ganz anderes.

Belohnung für’s nicht erreichbar sein

Nämlich dass er seinen Job versteht, weil er den Laden so gut organisiert hat, dass es auch ohne ihn geht, während er nicht nur entspannt, sondern auch gute Ideen für die Zukunft ausbrütet. Wohingegen einem Manager, der dauergestresst ständig abrufbereit ist, keine Zeit mehr für seine eigentliche Führungsaufgabe und innovatives Denken bleibt. Der Harvard-Business-Manager empfiehlt als Abschreckungsmaßnahme sogar: «Jedes Mal wenn ein Manager in dieser Zeit sein Büro anruft, sollte sein Jahresendbonus um 20 Prozent reduziert werden. Jedes Mal wenn ein Mitarbeiter den Manager anrufen muss, würden diesem 10 Prozent seines Bonus abgezogen.»

Das ständige Erreichbarkeit nicht Voraussetzung für den geschäftlichen Erfolg ist, zeigt auch Thomas Jakel: Der Startup-Gründer (unter anderem strandschicht.de) ist seit einiger Zeit unterwegs auf einer Fahrradtour von Berlin nach Indien. Wie er dabei sein Unternehmen leitet, beschreibt er bei netzwertig.com.

Sich auch mal Fehler gönnen und herumprobieren, Spaß haben an der Arbeit und auch immer wieder zur Regeneration abschalten  – das alles passt hilft uns, mit Leidenschaft und kreativ bei der Sache zu bleiben und innovative Ideen zu entwickeln.

Bild: Mike Gifford auf flickr.com (CC BY SA 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie ist Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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4 Kommentare

  1. Ich finde fehlerarme/fehlerlose Produkte klasse und würde mir wüschen das wieder mehr Firmen diese Philosophie in ihre Produktanforderung einbauen.

    Sind sie auch noch so Fehlertolerant wenn ein Klempner ihre Wohnung unter Wasser setzt oder bei Tempo 100 die Bordelektronik am Auto ausfällt?
    Oder ihre Webseite für einige Tage offline ist, oder wie aktuell bei Alice man mal 1 Woche keine Emails abrufen kann?

    Zur “Unterhaltung” oder aus Interesse probiere ich auch neue eventuell noch fehlerhafte Dinge aus. Aber für mittel- und langfristige Sachen setze ich auf solide Produkte. Leider werden die abgehangenen und weitgehend von Fehlern befreiten Produkte heute oftmals viel zu schnell vom Markt genommen.

    Menschen machen Fehler und ein hoffenerer Umgang damit ist wünschenswert, aber daraus zu schliessen man kann minderwertige Dienste oder Produkte liefern und trotzdem mittel- und langfristig seine Kunden behalten sehe ich nicht.
    Das Beispiel google hinkt an mehreren Stellen, zum einen sind grob geschätz vielleicht 10% ihrer “Versuche” erfolgreich wenn nicht sogar noch weniger. Die Resourcen mit so einer Quote zu überleben muss man erst einmal haben.
    Man sollte nicht vergessen das noch heute 90% des Umsatzes von google aus Werbung stammen. Ihre Innovative Form ist neben der Suchmaschine das erste was google überhaupt entwickelt hat. Diese heute als AdWords bekannt Form generiert auch über 10 Jahre später noch über Zwei Drittel des gesamten Umsatzes. Das zeigt die echten Innovationen müssen vom Unternehmen selber kommen, das nimmt einem der User nicht ab, der kann nur bei feinschliff helfen.

  2. Ich finde es völlig normal Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Ich würde es mir auch nie herausnehmen meine Mitarbeiter für Fehler zu bestrafen. Diese Methoden sind veraltet.
    Wenn meine Mitarbeiter Fehler stelle ich sie zur Rede und Frage zuerst was sie denken, hätten besser machen können. Denn darüber zu sprechen, bringt die besten Gedanken hervor. Meist beantwortet er sich die Frage schon selber und hat dann nicht das Gefühl, dass ich ihm gesagt hätte wie er zu handeln hätte. Dies gibt meinen Mitarbeitern mehr Kreativität und Sicherheit.

  3. Finde ich sehr gut. Es ist ganz natürlich das wir Fehler machen. Kein Mensch ist perfekt auch wenn es viele gern so hätten. Fehler machen uns einfach nur Menschlich und wie schon erwähnt, lernen wir aus Fehlern.

  4. Tja, ohne Fehler gehts nicht. Wer behauptet in seinem Job in der Nachbetrachtung keinen Fehler gemacht zu haben, der belügt sich selbst oder ist nicht fähig seine Handlungsweisen kritisch zu reflektieren. “Nur aus Fehlern lernt man” ist zwar ein relativ blöder Spruch, aber im Grunde stimmt es. Ich würde es aber so formulieren: Nur wer einmal einen Fehler gemacht hat, der stark kritisiert wurde, nur derjenige setzt sich mit dem Zustande gekommenen Entscheidungsprozess kritisch auseinander und versucht Handlungsweisen abzuleiten, die diese falsche Entscheidungsmatrix ausschließt.
    Viele Menschen versuchen aber eher verkrampft alle Fehler von sich abprallen zu lassen. Nach dem Motto: die anderen sind immer Schuld. Deshalb gibt es auch in vielen Firmen keine gute Arbeitsatmosphäre mehr. Leider.

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