Jobwechsel:
Das eigene Multipotential
richtig verkaufen

Wer häufig den Job wechselt, gilt als unsteter Jobhopper. Viele Leute interessieren sich im Verlauf ihres Beruflebens aber für verschiedene Dinge.

Vor einiger Zeit erklärte eine Neurowissenschaftlerin, es sei überhaupt nicht erstrebenswert, dass wir ein Leben lang den selben Job machten. Darauf sei unser Gehirn gar nicht ausgelegt. Ich habe mich über diesen Artikel gefreut, weil er mit einer in Deutschland sehr gängigen Meinung aufräumt: Dass wir vom Schulabbschluss bis zur Rente am besten immer den selben Job haben. In anderen Ländern ist das ganz anders, hier hat man bereits erkannt, wie wichtig berufliche Flexibilität in einer sich immer schneller verändernden Welt ist. Nur in Deutschland hält sich diese Vorstellung hartnäckig: Wer zu oft seinen Job wechselt, gilt als unstet und unzuverlässig.

Keine Möglichkeit zum Ausprobieren!

Das Ergebnis ist, dass Schulabgänger in Anbetracht der beruflichen Auswahlmöglichkeiten derat unter Druck geraten, dass sie in ein regelrechtes Trotz-Phlegma verfallen. Und dass es, sind wir mal ehrlich, ziemlich viele Junge Leute gibt, die nicht wissen, was sie machen wollen. Oder besser: Sie wissen schon was sie wollen. Nämlich einfach mal ein paar Sachen ausprobieren. Aber sie sehen keine Möglichkeit dazu.

Was tun, wenn man sich für vieles interessiert?

Umso wohltuender fand ich das Blog Puttylike, auf dem es um Menschen mit multiplen Interessen geht – und ihre Probleme. In seinem Blogbeitrag How to Get People to Take You and Your Interests Seriously befasst sich Alexander Heyne damit, wie man als jemand, der gerne mal von einem Job zum anderen springt, ernst genommen wird.  Alexander hat eine Menge ausprobiert und studiert: Meditation, Bogen-Machen, Überlebenstraining, Bloggen, Kampfsport, Klettern, Kalligraphie, chinesische Philosophie, Akupressur, Naturmedizin, Kochen und ein gutes Dutzend weiterer Interessen. Einen Satz, den Alexander sich dabei offenbar oft anhören musste: «Was machst du nur damit? Das ist doch zu überhaupt nichts Nütze.» Seine Tipps gegen solche Totschlagargumente lassen sich auf einen wichtigen Punkt herunterbrechen: Es kommt darauf an, wie man selbst zu der Sache steht und es verkauft:

5 Tipps für Multiinteressierte

  1. Ideen fokussieren: Um nicht sprunghaft zu erscheinen, macht sich Alexander eine Liste mit seinen nächsten Zielen. Andere können sehen, dass er es wirklich ernst meint und nicht nur spontan von einer Idee zur nächsten springt.
  2. Der Sache einen tieferen Sinn geben: Wer einfach nur von einer Idee zur nächsten oder von einem Job zun nächsten hüpft, gilt schnell als wankelmütig. Alexander schlägt vor, der Sache einen tieferen Sinn zu geben – z.B. dass man sucht, wofür man wirklich leidenschaftlich brennt.
  3. Einfach mal abwarten: Alexander hat festgestellt, dass anfängliche Begeisterung für eine Sache und dann das ebenso plötzliches Abflauen der Begeisterung verstörend auf andere wirkt. Daher hält er sich nun mit seiner Anfangsbegeisterung ein wenig zurück, bis er selbst weiß, ob er dauerhaft bei einer Sache bleiben möchte.
  4. Mut zum Wechseln: Oft genug, schreibt Alexander, hat er zu lange in Tätigkeiten ausgehalten, in denen er eigentlich schon genug gelernt hatte, weil andere das von ihm erwarten. Manchmal kann man woanders mehr lernen, das einen in Zukunft weiter bringt – und dann sollte man den Mut haben, zu wechseln.
  5. Selbstbewusstsein: Schließlich schlägt Aleaxander das vor, was er «Agieren wie Alexander der Große» nennt: Einfach selbstbewusst die eigene Richtung vertreten, statt beschämt herumzustottern.

Bild: Steven Depolo bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel, der bei mir eine offene Tür eintritt – Interessensgesteuertes Arbeiten versus Bindung. Gerne würde ich mehr dazu erfahren – von welcher Neurowissenschaftlerin die Rede ist?

    Es ist wohl so, dass sich jeder Mensch von Job zu Job “mitnimmt”. Das heißt als Individuum mit all seinen Stärken und Schwächen und diese in den verschiedenen Berufsfeldern / Interessensgebieten immer wieder zum Vorschein kommen.

    Ein unermüdlicher Wechsel von Stabilität – Veränderung als Übergang – Stabilität usw.

    Deshalb interessiert mich als Personaler – wenn ich einen Freigeist suche: Wer bist Du heute und wie kannst Du Dich am Besten, am Effektivsten bei uns einbringen und wo sind Deine Grenzen. Wenn das schlüssig rüber kommt, ist die Vergangenheit (nur) der Weg der die Person zu uns gebracht hat. Schulterblicke / Probearbeiten / Probezeit werden zeigen, ob der Job zur Leistung “passt”.

    In diesem Sinn viele Grüße,
    Eva Lutz

  2. Ist es wirklich so gut so viele Dinge zu probieren. Wenn man den Job oft Wechsel lernt man viel das mag sein aber lieber mach ich eine Sache ,die mir Spaß macht, richtig als mehrere Sachen schlecht. Interessen kann man auch neben den Job haben und diese nachgehen dafür muss ich doch nicht gleich den Beruf wechseln.

  3. Der erhebliche Exportanteil der deutschen Wirtschaft und der damit verbundene hohe Stellenwert des Themas “Weltmarktführerschaft” erfordern eine längerfristige Beschäftigung mit einem Thema, auch in einer sich schneller verändernden Welt. “Long term scientific commitment” hat schon Portugal im 15. und 16. Jahrhundert groß gemacht, im Prinzip gilt dies noch heute, wie Studien zum Vergleich erfolgreicher Unternehmen mit weniger erfolgreichen zeigen. Vom Schulabschluss bis zur Rente derselbe Job ist sicherlich übertrieben, aber einige Jahre sollte man schon bei der Sache bleiben, wenn man es auf einem Gebiet zur Exzellenz bringen will. So verkehrt ist die Erwartungshaltung des deutschen Arbeitsmarktes wohl nicht.

  4. Ich bin auch einer dieser Leute, die unterschiedliche und immer mal wieder wechselnde Interessen haben und auch in ihrem Berufsleben schon verschiedene Jobs ausprobiert haben. Und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, anders zu leben!

    Die Idee, mein Leben lang nur EINE Sache zu machen, und sei es noch so perfekt, finde ich einfach nur furchtbar. Furchtbar für mich – das muss aber nicht für jeden gelten. Für viele andere Menschen ist genau das die einzig richtige Art zu leben. Und wer das kann und auslebt, hat meinen vollen Respekt.

    Aber das ist eben nicht mein Weg. Und seit kurzem bin ich sicher, dass ich nicht der Einzige bin, dem das so geht. Seit ich mich nämlich mit dem Büchern von Barbara Sher befasst habe. Sie nennt solche Menschen wie mich “Scanner” – und hat etliche gute Ideen parat, wie man damit konstruktiv umgeht. Der wichtigste überhaupt: nicht dafür schämen, sich nicht verstecken – und Schluss mit der Tarnung! Sofort!

    Wer mehr dazu wissen will, sollte das lesen: Barbara Sher: Du musst Dich nicht entscheiden, wenn Du tausend Träume hast. (Kein Link, da es sich nicht um einen Blog, sondern um ein Buch handelt ;-)

  5. @Tilo Das ist sicher auch Geschmackssache – wenn man damit zufrieden ist, ist es ok. Es gibt aber auch viele Menschen, die unter der fehlenden Flexibilität einfach leiden. Und sich fragen, wie man das verknüpft. Gerade hatte ich im Seminar eine Teilnehmerin die Berufsberatung in der eigenen Kecksbäckerei anbietet…. es gibt die unglaublichsten Leute.

    @Jens Dementsprechend finde ich den Hinweis auf die unterschiedlichen Menschentypen super! Ich werde mir die Bücher von Barbara Sher mal anschauen!

    @Wolfgang Interessant, dass Sie den Ausgang des Mittelalters als Referenz anfügen, als es eine entscheidende historische Zäsur gab: Damals wurden mit der Erfindung des Buchdrucks, dem daraus resultierenden Erfolg der Reformation und dem damit verbundenen Aufkommen es protestantischen Arbeitsethos, das später vor allem auch die USA erobert hat, der Grundstock für unsere Kultur gelegt.
    Nun befinden wir uns mit der Erfindung des Internet wieder an einem genauso entscheidenden historischen Wendepunkt. Der Philosoph Marschal McLuhan hat hier sehr schön von der Rückkehr ins vorindustrielle globale Dorf gesprochen.
    Gunther Dueck hat das sehr schön erkannt und mehrfach über den Wandel der Arbeitswelt gesprochen. Fachwissen wird zunehmend ersetzbar, weil wir fakten jederzeit im Internet nachschauen können. Worauf es zunehmend ankommt, sind SoftSkills und geistige Flexibilität – dazu hat Thomas hier einen sehr schönen Beitrag geschrieben http://imgriff.com/2011/0…lich-lernen-muessen/

    Nur weil ein System 600 Jahre lang erfolgreich war, muss das nicht auch für die Zukunft gelten!

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