Der Arbeitsbienen-Mythos:
Warum sich abrackern schlecht
für die Karriere ist

Beruflicher Erfolg würde häufig mit langen Arbeitszeiten gleichgesetzt, hat Kollege Weigert gestern bei netzwertig.com geschrieben. Dabei übersehen wir häufig, was wirklich zählt.

Viele Menschen leisten in ihrem Job Unglaubliches, arbeiten bis zum Umfallen – und die Anerkennung bleibt aus. Im Gegenteil, wenn sie doch einmal einen Fehler machen, werden sie dafür umgehend kritisiert. Das liegt daran,  dass Chefs von ihnen eben keine Fehler gewohnt sind. Ungerecht, oder? Leider übersehen diese Arbeitsbienen einige entscheidenden Faktoren, die für die Karriere noch weitaus wichtiger sind als Leistung. Ein Überblick.

Karrierefaktor Selbstdarstellung

Da ist zunächst die Selbstdarstellung. Was bringen unglaublicher Arbeitsaufwand und Höchstleistungen, wenn der Chef es gar nicht mitbekommt oder sich mittlerweile sogar daran gewöhnt hat, dass du immer so gut bist? Daher solltest du nicht nur arbeiten bis zum Umfallen, sondern das auch entsprechend nach außen kommunizieren – wie ein Unternehmen, das ja auch nicht nur in die Entwicklung eines neuen Produktes investieren kann, in der Hoffnung, dieses verkaufe sich dann von alleine. Die Werbung ist mindestens genau so wichtig – auch wenn das gerade perfektionistischen Naturen nur schwer einleuchten mag.

Karrierefaktor Produktivität

Ein weiterer weit verbreiteter Irrtum vieler Perfektionisten: mehr Aufwand gleich mehr Produktivität. Mit ihren hohen Ansprüchen peitschen sich diese Menschen dann regelrecht zu Höchstleistungen. Das macht sie zunächst extrem produktiv und funktioniert vielleicht für einen begrenzten Zeitraum sogar. Stress macht jedoch nur körperlich leistungsfähiger, und das auch nur eine Zeit lang, während er klares Denken eher behindert. Dass aber gerade in stressigen Situationen viele Fehler passieren, kannst du wahrscheinlich aus dem eigenen Alltag bestätigen. Ist es dir nicht auch schon passiert, dass du wegen eines wichtigen Meetings oder einer Präsentation nervös warst – und prompt hast du dir Kaffee über die Hose geschüttet? Oder du musstest schnell etwas am Computer fertigstellen, drückst in der Eile auf die falsche Taste – und weg war die ganze Datei?

Karrierefaktor Führungsstärke

Wenn du aufsteigen willst, zählen nicht nur Fachwissen und Leistungsbereitschaft, sondern auch Führungsqualitäten. Zumindest muss der Chef, der dich befördern soll, davon überzeugt sein, dass du welche hast. Chefs sind davon in der Regel nicht überzeugt. Er bemerkt zwar, dass der Mitarbeiter viel leistet, aber auch, dass er dabei vor allem von der Furcht getrieben wird, einen Fehler zu machen. Der Antriebsmotor des Handelns ist nicht die Freude an der Arbeit, das positive, nach vorne gerichtete «Etwas-Schaffen-Wollen», sondern Druck und Angst. Das Problem ist jedoch, dass man ängstlichen Menschen weniger Kompetenzen zutraut, weniger Respekt vor ihnen hat und ihnen weniger Verantwortung zutraut – das ist auch der Grund dafür, warum solche Mitarbeiter oft bei einer Beförderung übergangen werden.

Karrierefaktor Kritikfähigkeit

Aber wie soll der Chef auch Respekt haben, wenn ein Mitarbeiter während eines Kritikgesprächs ängstlich im Stuhl vor ihm kauert und ihm so durch ihre Körpersprache förmlich demonstriert, dass sie für Führungsaufgaben nicht bereit ist? Viel besser ist es, wenn ein Mitarbeiter selbstbewusst und souverän mit Kritik umgeht und beim nächsten Mal zeigt, dass er daraus gelernt hat, wie er es besser machen kann. Doch gerade übereifrige, perfektionistische Naturen fürchten die Kritik, die sie treffen könnte, sobald sie etwas falsch machen, so sehr, dass sie alles daran setzen, auf keinen Fall Fehler zu machen. Nur lässt sich dieses hehre Ziel, in den seltensten Fällen verwirklichen.

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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3 Kommentare

  1. Nichts und niemand ist Perfekt. Mann sollte sich nicht zu sehr stressen da, wie schon herauszulesen ist, die Produktivität drastisch sinken kann.

  2. Das ist ein wichtiger Artikel. Ich kann das aus meiner eigenen Arbeit bestätigen. Ich denke auch, dass hinter den Arbeitsbienen oft eine Angst steht, die Angst, Fehler zu machen und nicht gut zu sein. Angst taugt aber nicht zur Motivation. Besser, als gut sein zu wollen, ist es, sich verbessern zu wollen. Denn dabei sieht man Fortschritte, während man beim Anspruch gut sein zu müssen, nur die eigenen Unzulänglichkeit sieht.

  3. Irgendwie vermischt die Autorin in dem Beitrag “Arbeitsbienen” und “Perfektionisten”, dabei sehe ich da durchaus Unterschiede.

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