Aussenwirkung und Authenzität:
Echt sein oder nur so wirken?

Stehen wir auf Facebook und Twitter nackt in der Öffentlichkeit? Oder sind Social Media-Auftritte reine Selbstinszenierungen?

Transparenz, Offenheit und Authenzität sind die Schlagworte der Internet- und Social-Media-Kommunikation. Denn da jeder kleine Fehler sofort entdeckt werden kann, bleibt einem gar nichts mehr anderes übrig, als offen und ehrlich mit den eigenen Schwächen umzugehen. Genau das aber stellt uns vor neue Herausforderungen: Denn wo früher die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Auftreten klar waren, verschwimmen diese heute immer mehr. So sagt etwa Robindro Ullah, bei der DB Services, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn AG, verantwortlich für den Bereich Zusatzservices, im Interview:

«Für mich stand schnell fest: Eine strikte Trennung zwischen beruflichen und privaten Themen ist gar nicht möglich. Im Gegenteil: Vermischung führt zu engeren sozialen Kontakten, stärkt das Netzwerk unter den Mitarbeitern.»

Authentisch heißt nicht hemmungslos ehrlich

Das Problem dabei: Mehr Offenheit und Transparenz bedeutet längst nicht, dass nun jeder nur noch so ist, wie er ist. Vielmehr werden die Grenzen nun nicht mehr durch gesellschaftliche Konventionen, sondern durch jeden selbst definiert. Und das bringt entsprechende Risiken mit sich, wie Managementberater Olaf Hinz warnt:

«…aber auch das Thema ‘authentisch’ wird oft übertrieben. Was es braucht ist ein stimmiges Auftreten bzw. eine stimmige Inzenierung. Und gerade Inszenierung hat auch die Rollenbilder / -erwartungen der Mitarbeiter, Kollegen oder des Publikums im Blick. Denn wer hoch persönlich authentisch und ‘ehrlich’ daher kommt, wird von seinem professionellen Umfeld schnell als ‘zu nah’ und ‘zu privat’ empfunden. Ich denke, es braucht ein professionelles Auftreten, dass durch das ‘Waage halten’ zwischen Authentizität und Rollenausübung weder angepasst noch zu privat daherkommt: eine stimmige Inszenierung eben….»

Gefakte Echtheit oder erlernte Überzeugungskraft?

Es geht also nicht einfach darum, ganz sich selbst zu sein, sondern einen authentischen Eindruck zu hinterlassen. Mit diesem Widerspruch der «gefakten» Echtheit haben viele Schwierigkeiten. So schreibt Berater Stephan Stockhausen:

«professionell authentisch wirken – O weiah, diese Wortkombination macht mir echte Bauchschmerzen. Entweder ich bin etwas oder ich wirke so..»

Dabei geht es laut Präsentations- und Wirkungsexperte Michael Moesslang, Autor des Buches «Professionelle Authentizität» gar nicht darum, sich zu verbiegen. Laut Moesslang ist vielmehr Glaubwürdigkeit das Ziel eines authentischen Auftretens:

«Je souveräner und selbstsicherer eine Person auftritt, desto stärker steigen Attribute wie Überzeugungskraft und Respekt – was beides viel miteinander zu tun hat… Echt zu sein ist alleine kein Grund als souverän und glaubwürdig zu gelten. Jemand, der immer schon mit hängenden Schultern oder ausweichendem Blickkontakt durchs Leben geht, ist auch echt.»

Authenzität – reine Übungssache?

Und Glaubwürdigkeit durch sicheres und souveränes Auftreten wird laut Moesslang eben nicht dadurch erreicht, dass man einfach sich selbst ist und bleibt – sondern viel mehr, indem man bereit ist, dazu zu lernen, sich zu verändern und weiterzuentwickeln – und indem man sein sicheres Auftreten auch übt und lernt. Genau die Widerstände, die dabei entstehen, müssen laut Moesslang überwunden werden.

Authenzität – am Ende des Tages also nur reine Übungssache?

Bild: borkur.net bei flickr.com (CC BY 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie ist Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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3 Kommentare

  1. Es wird seit längerem versucht, dieses Selbstdarstellungsproblem in *richtige Worte* zu fassen und ich glaube, dass ist der erste Post, den ich gelesen habe, der anfängt ein paar Nägel auf den Kopf zu treffen.

    *Authentisch heißt nicht hemmungslos ehrlich*
    *Gefakte Echtheit*

    Hört sich wunderbar an.

    Es gibt tatsächlich immer noch Menschen, die *Erotik* Bildchen als Profilbilder einstellen… Hallooo

    Freu mich schon, wenn dies mal eine Lektion in der Schule sein wird.

  2. Danke für die Blumen!
    Mit dem Thematisieren im Schulunterricht dauert es wohl noch etwas. Wobei: Ein anderes Thema von mir, Abwesenheit als Statussymbol, aus meinem Buch “Nackt im Netz” hat es kürzlich in ein Soziologiebuch geschafft. Vielleicht kann man hoffen, dass sich da auch schneller etwas tut!

  3. Mit regem Interesse hab ich auch das verlinkte Interview gelesen. Sehr aufschlussreich und wahr. Die Thematik “Privat” vs. “Beruf” fesselt mich, da ich auch selber betroffen bin – wie nicht fast Jeder? Dabei betrifft die in diesem Artikel angesprochene Authentizität beide Auftritte. Meiner Meinung nach gibt es durch unterschiedliche Online Persona bzw. unterschiedliche digitale Ichs auch unterschiedliche Authentizitäten, die wiederum Teil des Rollenkonfliktes sind, mit dem sich Jeder im Social Web auseinander setzen muss. Nun bleibt mir nur zu hoffen, dass dieser Rollenkonflikt und die dazugehörige Authentizität durch die angesprochene Übung wirklich gemeistert werden kann. Denn das Social Web ist voller Fallstricke und weicht Rollenbilder auf. So verbleibe ich in der Hoffnung meine “Social Media Schizophrenie” in den Griff zu bekommen und am Ende des Tages auch noch authentisch zu sein – in jeder Rolle.

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  1. [...] Denn nicht jede Form von Offenheit kommt auch gut an. Der Managementberater Olaf Hinz warnt sogar davor, es mit der Authentizität zu übertreiben:«Was es braucht ist ein stimmiges Auftreten bzw. eine [...]

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