Achtung, Manipulatoren am Werk:
Die Kommunikations-Tricks der Zeitfresser

Den eigenen Tagesplan abzuarbeiten wäre oft einfach – wenn da nicht die lieben Kollegen und Chefs wären. Nicht immer haben sie besten Absichten.

Vor einiger Zeit habe ich über Digitale Wichtigmacher geschrieben, die unsere Zeit fressen, weil sie uns suggerieren, Dinge dringend erledigen zu müssen. Ohnehin ist es ja geradezu en Vogue, auf das Internet als Zeitfresser zu schimpfen. Was dabei oft vergessen wird: Ob Internet oder nicht, die eigentlichen Zeitfresser sind die aus Fleisch und Blut, die uns mit allerlei Tricks dazu zwingen wollen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Und das mitunter kommunikativ sehr geschickt. Einige Beispiele:

Immer diese Wichtigtuer

Der Chef, der hektisch und mit lauter Stimme um die Erledigung eines Gefallens bittet, nutzt solche Manipulations-Mittel, um Dich dazu zu bringen, etwas für ihn zu tun. Denn manche Dinge erscheinen nur deshalb besonders dringend, weil der andere sie wichtig erscheinen lassen will, damit Du seinem Wunsch absolute Priorität einräumst. Eine andere Methode besteht darin, Dich mit Schmeicheleien dazu zu überreden, ihm einen Gefallen zu tun: «Sie kennen sich so gut aus – würden Sie mir helfen diese Informationen zu recherchieren?» Da es viele Menschen besonders freut, wenn sie für unersetzbar gehalten werden, helfen sie natürlich gern.

Versteckte Drohungen und andere Gemeinheiten

Aber auch versteckte Drohungen gehören zum Repertoire solcher «Manipulatoren», die genau wissen, wo sie treffen können. Aussagen wie «Geben Sie sich doch etwas mehr Mühe!» oder «Sie haben mich tief enttäuscht!» treffen wie die Faust aufs Auge, denn es wird nicht nur die sachliche Aussage («Sie haben einen Fehler gemacht.») transportiert, sondern sie wird mit einer Wertung verknüpft. Denn wenn Du nicht auf diese Kritik reagierst, hält der andere Dich, so lautet seine implizite Botschaft, automatisch für faul, unmoralisch oder einen schlechten Menschen. Manchmal werden Kritik und Forderungen auch in Sticheleien und kleine Gemeinheiten verpackt, um ihnen besonderen Nachdruck zu verleihen. «Ihr Verhalten ist doch nicht normal», «Sie sind der Erste, der mit meiner Bitte ein Problem hat» oder «Normalerweise macht man das aber anders».

Die Spitze steckt dabei in so unscheinbaren Worten wie «natürlich», «normal» oder «man», wie etwa in der Aussage «Man kann das ja kaum glauben!». Wichtiger ist jedoch das, was ungesagt bleibt, nämlich die implizite Meinung des Kollegen: «Nicht nur ich bin dieser Ansicht, sondern die Mehrheit – und wer die Ansicht nicht teilt, ist irgendwie komisch und hat unrecht.» Gerade Menschen, deren perfektionistisches Bestreben ohnehin darin besteht, Unannehmlichkeiten um jeden Preis zu vermeiden, trifft dieser implizite Vorwurf hart. Daher ist die Versuchung groß ist, sich der angeblichen Mehrheitsmeinung zu beugen, denn wer möchte schon gern als Sonderling gelten. Oft genug steht der soziale Konsens jedoch auf ziemlich wackeligen Beinen und es gehört nur etwas Mut dazu, die Aussage ganz trocken zu entkräften.

Moralische Erpressung

Es gibt noch weitere, unfeine Methoden: die moralische Erpressung. Man versucht, Dich zu etwas zu überreden, weil es angeblich Usus sei. Ein Chef, der zum Beispiel sagt: «Bitte geben Sie Ihren Bericht heute noch ab – alle anderen haben das schon gemacht!» lässt keine Chance mehr, Nein zu sagen. Denn Du willst ja nicht der Einzige sein, der aus der Reihe tanzt. Das funktioniert hervorragend, um Kritik noch zu verstärken: «Alle finden, dass Sie dieser Aufgabe nicht gewachsen sind» – Diese Aussage zieht einen angeblichen sozialen Konsens heran: Die Mehrheit hat immer recht – und wer bist Du denn, dass Du diese Meinung in Frage stellen könntest? Du kannst! Lass Dich nicht nötigen und gib den indirekten Vorwurf einfach zurück an den Absender:

  • «Geben Sie sich doch etwas mehr Mühe.» – Mögliche Antwort: «Geben Sie sich etwas mehr Mühe, mich zu unterstützen.»
  • «Tun Sie es mir zuliebe.» – Mögliche Antwort:«Verzichten Sie mir zuliebe auf Ihre Forderung.»
  • «Sie vertrauen mir wohl nicht.» – Mögliche Antwort: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»
  • «Dazu haben Sie kein Recht!» – Mögliche Antwort: «Manche Rechte muss man sich nehmen, sonst hat man sie nicht.»
  • «Sie haben mich sehr enttäuscht!» – Mögliche Antwort: «Ich fürchte,ich habe unter Ihren Erwartungen gelegen.»

Bild: jk5854 bei flickr.com (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie ist Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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8 Kommentare

  1. Die psychischen Tricks der Chefs und Kollegen sind hier hervorragend auf den Punkt gebracht! Da gab es für mich einige AHA-Effekte. Danke!

    Allerdings bin ich mit den “möglichen Antworten” am Ende des Artikels nicht einverstanden: Sie wirken für mich provokant und tragen vermutlich wenig zur Verbesserung der Situationen bei. Nach meiner Erfahrung wirken sachliche Erwiderungen nachhaltiger.
    Beispiele:

    «Geben Sie sich doch etwas mehr Mühe.»

    Vorschlag: “Ich denke nicht, dass es damit getan ist! Ich erwarte von Ihnen mehr Unterstützung bei der Bewältigung dieser Aufgabe. Ihr Verhalten demotiviert mich aber stattdessen. Wenn Sie die Aufgabe schnell erledigt haben wollen, brauche ich dafür … von Ihnen.”

    «Tun Sie es mir zuliebe.»

    Vorschlag: “Wir sind nicht verheiratet! Dies ist meine Arbeitsstelle und kein Liebesdienst. Bitte halten Sie sich an die vereinbarten Aufgaben, die mit meiner Stelle verbunden sind.”

    «Sie vertrauen mir wohl nicht.»

    Vorschlag: “Menschen machen Fehler oder schätzen Dinge falsch ein. Was Sie von mir fordern, scheint mir unrecht/gefährlich/unmoralisch. Ich brauche mehr Informationen, um selbst zu entscheiden, ob ich diese Aufgabe für Sie erledigen kann.”

    «Dazu haben Sie kein Recht!»

    Vorschlag: “Da bin ich entschieden anderen Meinung! Wir können dies aber gerne einer Schiedsstelle vortragen oder von einem Gericht überprüfen lassen.”

    «Sie haben mich sehr enttäuscht!»

    Vorschlag: “Ich denke, Sie verkennen die Situation. Die Aufgabe ist schief gegangen, weil Sie mir die erforderlichen Informationen vorenthalten haben/weil Sie mich mit anderen Aufgaben völlig eingeengt haben/weil Sie mal wieder vergessen haben, dass ich Ihnen nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehe…”

  2. Eine sehr schöne Auflistung.

    Wobei der Ratschlag, die indirekten Vorwürfe zurückzugeben natürlich völlig kontraproduktiv ist. Besser ist es, die indirekten Vorwürfe anzusprechen: “Meinen Sie, dass ich zu schlampig gearbeitet habe? Woran genau machen Sie das fest?” Oder: “Was lässt bei Ihnen den Eindruck entstehen, dass ich Ihnen nicht vertraue?”

    • @J. Gronmayer
      Danke für Ihre Alternativ-Vorschläge. Kompromisse zu finden ist immer gut und Sie haben recht, man sollte den Chef nicht unnötig provotzieren.
      Dementsprechend finde ich übrigens auch den im Einwand von Ralf Grabowski gemachten Vorschlag etwas zu provokativ.
      Allerings: Bei manchem Chef kommt man mit subtilen Äußerungen einfach nicht weiter, habe ich auch schon erlebt – der überhört das einfach. Denn: Nicht mit jedem Menschen kann man vernünftig reden!
      Da hilft dann nur noch der etwas direktere Weg – und ggf. die Trennung.

  3. Hallo Simone Janson,

    warum finden Sie meinen Einwand zu provokativ? Mit diesen Fragen versuche ich, auf den Inhalt der Äußerungen des Chefs einzugehen und die mitschwingende Herablassung und den Angriff eher beiseite zu lassen.
    Im Gegenteil, ich finde, die Vorschläge von J. Gronmayer sogar provokativer, weil er sofort mit Gegenangriffen kommt, anstatt erst mal zu ergründen, was der Chef überhaupt meint und will.

    Ich bin – ehrlich – etwas verwirrt.

    • Mit den gleichen Waffen zurückzuschlagen, halte ich auch für unproduktiv. Da schaukele ich mich gerne mal auch so richtig hoch – das muss einfach nicht sein…

      Möglichst alles auf die Sachschiene holen, was geht. Deshalb tendiere ich wie Ralf dazu, nachzufragen. Nicht mit exakt seinen Worten aber doch deutlich: “Was genau gefällt Ihnen daran nicht? Wo kann ich besser werden? Gibt es Aspekte, die besonders gut waren?” Klar kann ein Manipulator darauf sagen “Also, dass sie das nicht selber sehen… Das ist aber doch offensichtlich!” Trotzdem weiter ruhig auf der Sachebene bleiben.

      Allerdings ist es auch zu überdenken, ob man mit solchen Menschen zusammenarbeiten muss. Auch andere Firmen haben schöne Stellen.

  4. Hallo Ralf,
    ich hatte “meinen Sie, dass ich zu schlampig gearbeitet habe” falsch aufgefasst: Je na Tonfall kann man das nämlich auch als rhetorische Frage/beleidigte Rückfrage sehen, sorry.
    Daran sieht man auch, dass es eben nicht nur auf die Wortwahl ankommt, sondern auch auf Gestik/Mimik.
    Prinzipiell ist Rückfrage immer gut. Vermutlich hängt es aber auch sehr vom Adressat ab, was die richtige Methode ist.

    • Hallo Simone,
      ah, kapiert. Das kann man tatsächlich als beleidigend empfinden, wenn’s entsprechend rotzig rüberkommt.

      Meine Intention war auch, wie nebenbeistudent sagt, bei den Rückfragen und der eventuell folgenden Diskussion auf der Sachebene zu bleiben.

      Ich erinnere an das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun. Demnach können wir alles, was Leute zu uns sagen, auf vier verschiedene Weisen oder Ebenen hören: Auf der Sachebene, der Beziehungs- der Appell- und der Selbstoffenbarungseben (Wikipediaartikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell). Mit ein wenig Übung lassen sich auch in Stressmomenten Gespräche daraufhin abklopfen, und ich kann mich bewusst auf eine Ebene, in unserem Fall die Sachebene, zurückziehen.

  5. Die Kommunikation ist daran das Schwierigste. Aber wichtig ist zuerst zu erkennen, das man manipuliert werden soll. Dann sollte man erstmal tief Luft holen …
    Ich versuche mir in diesem Zusammenhang mit den Techniken der Gewaltfreien Kommunikation zu helfen. Aber das Bedarf auch einiger Übung.

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