Inbox Management:
E-Mails machen dumm –
aber was ist die Alternative?

Die Ratgeber zur E-Mail-Flut ist inzwischen fast gleich gross wie die Anzahl versendeter E-Mails. Pragmatisches Vorgehen ist gefragt.

@ Zeichen im Museum of Modern Art, New York

@ Zeichen im Museum of Modern Art, New York

E-Mails machen dumm, arm und krank (Affiliate-Link) ist ein Buch der österreichischen Digital-Therapeutin (!) Anitra Eggler. Eggler hat nach eigenen Angaben gefühlte 3’716’796 E-Mails bearbeitet, eineinhalb Lebensjahre vermailt und zweieinhalb Lebensjahre im Internet versurft. Und in ihrem Buch und ihren Vorträgen verrät sie, wie sie «vom Burnout-Boarderliner zur effizienten Digital-Domina mit XL-Freizeit und Privatleben wurde.»

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E-Mail macht dümmer als kiffen

Eggler berichtet darin von einer Studie des britischen King’s College, nach der bekiffte Menschen IQ-Tests besser lösen als Menschen, die durch E-Mails abgelenkt werden: E-Mails verminderten den gemessenen IQ-Wert um 10 % – doppelt so stark als bei den Kiffern. Oder dass 60 Prozent aller US-Amerikaner E-Mails via Handy morgens im Bett lesen und zehn Prozent rund um die Uhr. Und die New Yorker Beraterfirma Basex hat bereits 2008 herausgefunden, dass Angestellte durch Ablenkung im Schnitt 2,1 Arbeitsstunden am Tag verplempern – 28 Milliarden Arbeitsstunden im Jahr. Das wurde als gesamtwirtschaftlicher Schaden von 588 Milliarden US-Dollar beziffert.

Die Tipps, die Eggler dazu gibt, klingen soweit sehr vernünftig: Zum Beispiel, dass man den Tag offline beginnt und seine E-Mails nicht schon im Bett oder auf der Toilette checkt. Oder ein E-Mail-Budget für Unternehmen: Jeder Mitarbeiter darf am Tag nur 21 E-Mails senden. Drei fest definierte Internet-Surf-Zeiten pro Tag oder ein maximales Surf-Zeiten-Budget. Oder einfach aufzuhören, aus geistiger Erschöpfung, unersättlichem Recherche-Zwang, purer Langeweile oder innerer Leere zwanghaft Ablenkungsheil im Web zu suchen

Manche Tipps klingen vernünftig, vor allem, weil sie die eigenen Handlungen im Web bewusst machen. Die Zeit genau zu beschränken halte ich für nicht zielführend. Überhaupt ist vieles eine Frage der Betrachtungsweise: Natürlich macht man sich durch Smartphones und Co. allseits verfügbar – aber mir persönlich sparen sie auch eine Menge Zeit, weil ich in Leerzeiten unterwegs E-Mails und Tweets lesen und beantworten kann.

Eine Frage des richtigen Kanals

Interessanter finde ich die Idee, seine Kommunikationspartner auf bestimmte Kanäle zu beschränken, die für die jeweilige Kommunikation besser geeignet sind, wie IBM-Manager Luis Suarez das heute schon tut. Thomas hat in dem Beitrag sehr schön beschrieben, dass die Zukunft des Internet vermutlich nicht weg vom Internet sondern noch mehr ins Internet hinein führen wird – und auf entsprechend effizienteren Kanälen als E-Mail stattfinden wird.

Denn was beim Schimpfen auf die E-Mail-Flut gerne vergessen wird: Wie hat denn Kommunikation in der Vor-E-Mail-Zeit stattgefunden? Natürlich auch per Post, die aus Kostengründen sicher nicht in solchen Massen ins Haus kam wie E-Mails. Aber eben auch per Telefon. Wenn ich mir nur vorstelle, dass ich am Tag nur halb so viel Anrufe erhalte wie E-Mails – dann würde ich schier verrückt werden bei dem ständigen Geklingele. Interessant ist aber, dass es zahlreiche Studien zu Überforderung und Stress durch Soziale Netzwerke, E-Mails und Internet gibt – aber eben kaum zum Telefon.

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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4 Kommentare

  1. Danke für den Blogeintrag.
    Ich habe mir das Buch besorgt und bin “begeistert”, wie meine digitale Arbeitswelt – obwohl ich es wissen sollte – bloss gestellt wird. Das Buch will keine wissenschaftliche Darstellung sein, sondern führt, auch optisch sehr gut aufbereitet, einen vor. Manches an der Grenze zum Oberflächigen, aber notwendig. Ich sehe Meetings, Präsentationen und Mails nun anders.

    Gut gemacht, der Schreibstil, die Aufbereitung einfach erfrischend neu.

    PS: Dazu kann ich das Buch von Matthias Pöhm; Der Irrtum Powerpoint empfehlen.

  2. Danke für die Rezension und danke Robert, für den Kommentar. Du bringst auf den Punkt, was ich mit dem Buch erreichen wollte. Das freut mich sehr. Vielen Dank für die Wortspende! Ich kann zum Thema noch “Rework” von Jason Fried empfehlen.

  3. Selten so einen Quatsch gelesen!

    • Worauf beziehen sie “Selten” und “Quatsch” – Blog, Buch, Kommentare …

      Quạtsch der; -(e)s; nur Sg, gespr pej
      1. ≈ Unsinn
      2. (das ist doch) Quatsch (mit Soße)! das ist (absoluter) Unsinn, das ist (völlig) falsch

      Ja ehrlich, wissen tun wir es alle, die Sache mit dem Kampf gegen die Informationsflut. Dazu gibt es genügend Ratgeber. Frau Eggler hat das Thema für mich neu, erfrischend und für “einfache Leute wie mich die alles einer bunten Werbung glauben” auf den Punkt verständlich aufgegriffen und ich konnte KollegInnen in Gesprächen “begeistern” mit Auszügen aus dem Buch. Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen…

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  1. [...] habe ich in meinem Beitrag bei imgriff.com die Meinung der österreichischen Digital-Therapeuthin Anitra Eggler unter die Lupe genommen, [...]

  2. [...] habe ich in meinem Beitrag bei imgriff.com die Meinung der österreichischen Digital-Therapeuthin Anitra Eggler unter die Lupe genommen, die [...]

  3. [...] ab. Doch die E-Mail gerät immer mehr in den Verruf einerseits ein Produktivitätstöter (der sogar dumm machen soll) zu sein und sowieso bald von Instant-Messengern und Sozialen Netzwerken abgelöst zu [...]

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