Buchbesprechung:
Sind wir robust genug für
die Zukunft?

Weniger Grösse, weniger Schnelligkeit, weniger Stabilität, weniger Sicherheit, weniger Raum, weniger Essen: Wir stehen auf der Schwelle zum «Age of Less». Ein Grund zur Besorgnis, aber kein Grund für Kopflosigkeit, sagt David Bosshart.

Weniger wäre mehr.

Weniger wäre mehr.

Die Zeichen häufen sich, dass die Zeit des Wohlstandes, an den sich unsere westliche Welt gewöhnt hat, bald um ist. Ein rauer Wind bläst uns entgegen. Wir werden unseren hohen Lebensstandard, unsere Produktivität und Effizienz, unser rasantes Tempo nicht aufrechterhalten können.

Der Gedanke, dass wir entschleunigen und zurückstecken müssen, löst in vielen von uns Verunsicherung, gar Panik aus. Warum? Weil wir uns goldene Ketten angelegt haben, meint David Bosshart vom Gottlieb Duttweiler Institut. Wir haben uns in unserer Komfortzone eingerichtet, umgeben von geistigem wie materiellem Ballast. Das ist der Ausgangspunkt von Bossharts Buch The Age of Less. Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt (Affiliate-Link)

Inzwischen haben Viele «The Age of Less» gelesen und sich eine Meinung dazu gebildet; nicht selten kommt bei einer geselligen Runde das Gespräch auf das Buch. An Kritik mangelt es nicht: Das Buch pflücke Ideen, die andere längst gehabt hätten. Es komme zu wenig wissenschaftlich fundiert daher. Es benutze Unmengen von Anglizismen auch dort, wo sie nicht nötig seien. «Ein typisches Zeitgeist-Buch», findet einer, der es nur quergelesen hat.

Umsteige-Strategien für heute
Einige dieser kritischen Stimmen mögen Recht haben. Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen und sich seine eigenen Gedanken zu machen – denn wenn es «ein Zeitgeist-Buch» ist, dann erfasst es unsentimental und pragmatisch die Befindlichkeit unseres Zeitgeistes. Dass wir nicht wie bisher weiterfahren können, ist uns allen klar. Dass wir nicht aussteigen können, sehen die meisten ein. Wie aber umsteigen? Bosshart bekräftigt uns darin, dass einige Entwicklungen, die wir in letzter Zeit wahrnehmen, zukunftstauglich sind:

    • Globales Denken, lokales Handeln. Dieser Gedanke ist nicht neu; er wurde 1915 zum ersten Mal vom schottischen Städteplaner Patrick Geddes formuliert. Welche Bedeutung hat er fast 100 Jahre später? Im Zeitalter von Social Media kennen Communities keine räumlichen Grenzen mehr. In einer globalisierten Welt reicht ihre Macht, aber auch ihre Verantwortung weiter, als es je zuvor der Fall war. Gleichzeitig schafft eine Community Sinn für ihre Mitglieder, indem sie sich auf einen lokalen Kontext bezieht. Geteilte Werte und geteiltes Wissen schaffen eine Loyalität, die den grossen internationalen Gebilden längst abhanden gekommen ist. Je länger je mehr erkennen auch Firmen, dass der Grundsatz «Think global, act local» für sie überlebenswichtig ist.

 

    • «Teilen» heisst das Zauberwort. Warum braucht jeder Mensch oder jede Familie ein Auto, einen voll ausgerüsteten Arbeitsplatz, einen Computer mit Unmengen von Speicherplatz, eine Ferienwohnung? Im grösseren Massstab gilt dasselbe natürlich für Firmen. Es ist offensichtlich, dass dieser Lebensstil nicht nachhaltig ist und die Substanz unserer Ressourcen angreift. Das Wort «sozial» sollte von seinem angestaubten Image befreit werden: Der Mensch ist ein soziales Wesen, und wenn wir bereits in Netzwerken unser Wissen teilen, dann können wir dies auch mit materiellen Dingen tun. Noch nie waren die (technologischen) Voraussetzungen dafür so ideal.

 

    • Qualität statt Quantität. Eine etwas abgenutzte Redewendung. Aber in einer Zeit, die uns bald zu weniger Quantität zwingen wird, kann es sich lohnen, das Konzept nochmals zu überdenken. Bosshart erläutert es anhand der «Slow Food”-Bewegung». Ein Mensch empfindet mehr Genuss, wenn er qualitativ hochwertige Nahrungsmittel, deren Herkunft er kennt, zubereitet und in geselliger Runde verspeist. Dass er dafür kleinere Mengen und nicht ständig zwischen den Mahlzeiten isst, kann in einer Zeit des explodierenden BMI nicht schaden. Dieser Gedankengang lässt sich auch auf Mobilität, Ferienreisen, die Produktion verschiedenster Güter und nicht zuletzt auf die Qualität der Arbeit anwenden.

 

  • Der Arbeitnehmer als «Happiness Manager». Am Schluss seines Buches skizziert Bosshart sieben Arten, in der sich die Menschen den veränderten Bedingungen des «Age of Less» anpassen können. Einer der sieben Typen ist der Happiness Manager: Ein selbstbewusster, gut ausgebildeter Mensch, der sein Lebensglück ganzheitlich betrachtet. Zwar ist er leistungsbereit und engagiert, aber er setzt seine Grenzen klar. Ab einem bestimmten Punkt gilt für ihn nicht mehr «more is more». Die Arbeit ist nur einer von vielen Faktoren, die seine Lebensqualität beeinflussen. Da nimmt er gern eine Einbusse an Lohn und Ansehen in Kauf, wenn dafür das Gleichgewicht stimmt.

Robuster werden für die Zukunft
Ein Schlüsselwort in Bossharts Buch ist Robustheit. Robustheit bei Staaten, Unternehmen, bei der Weltwirtschaft und beim Menschen als Arbeitskraft. Systeme werden robuster – und steigern ihre Nachhaltigkeit – wenn sie sich nicht mehr auf einzelne Elemente konzentrieren, mit denen alles steht und fällt. Menschen werden robuster, indem sie sich den wandelnden Gegebenheiten anpassen, ihre Erwartungshaltung überdenken, gemeinsam mit einem weitverzweigten Netzwerk von Gleichgesinnten Verantwortung übernehmen und mit diesem Netzwerk auch ihre Ressourcen teilen. Robuster werden ist schon mal ein handfestes Etappenziel auf dem Weg zur Zukunftstauglichkeit.

The Age of Less – Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt (Affiliate-Link), von David Bosshart, erschienen im Murmann Verlag, September 2011

 

Sabine Gysi

Sabine Gysi ist die leitende Redakteurin von imgriff.com für Blogwerk AG.

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2 Kommentare

  1. Das mit Teilen überlege ich mir jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit fahre – warum können wir nicht alle in einem Auto sitzen?

    Wir machen für die 12 Kilometer sogar ein Fahrgemeinschaft, mit meinem Bruder und seiner Freundin.

    Lohnt sich – schont die Umwelt.

  2. Der Gedanke das es so nicht mehr weitergeht ist ja nicht neu, eher im Gegenteil. Das faszinierende daran ist, das es trotzdem immer so weiterging. Immer kamen rechtzeitig Entwicklungen, die das erlaubten. Vielleicht “muss” die Menschheit aufgrund ihrer Veranlagung an ihrer Leistungsgrenze fahren? Mit Leistungsgrenze meine ich natürlich auch die Belastung der Umwelt soweit, das ein Verhältnis aus Nachhaltigkeit und direktem Nutzen entsteht das optimal für die generelle Effizienz ist.
    Deswegen lassen mich Warnungen wie diese relativ kalt…

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