Geld oder Leben:
Wie man sich eine Weltreise finanziert

Drei Jahre Weltreise – «geht nicht!» wird wohl die Reaktion der meisten von uns sein. «Geht wohl», meinte Lisa Lubin.

Dass Reisen nicht nur eine schöne und bereichernde Erfahrung ist, sondern dass man dabei auch fürs Leben lernt, darüber habe ich bereits in diesem Beitrag berichtet. Die Sache mit dem Reisen stellt jedoch viele Menschen vor ein organisatorisches Dilemma dar: Die meisten, die in einen festen Arbeitsrhythmus eingebunden sind, verdienen zwar genügend Geld zum Reisen, haben dann aber häufig nicht die nötige Zeit. Menschen hingegen, die über genügend Zeit verfügen, z.B. weil sie Freelancer sind, haben wiederum das nötige Geld nicht. Übrigens ein Dilemma, dass ich in vielen Bereichen unserer Gesellschaft sehe: Die einen haben kein Geld, aber Zeit; die anderen Geld, aber keine Zeit.

Minimalisten wider das Dilemma

Was tun gegen dieses Dilemma? Die Antwort ist einfach: Mutig sein, eingefahrene Gewohnheiten überdenken, Neues wagen und kreative Ideen entwickeln. Ryan Klarhölter berichtet in seinem Artikel über Digitale Minimalisten und Tech Nomaden, die auf einen Großteil ihres Besitzes verzichten. Zum Teil verzichten sie dabei auch auf einen festen Wohnsitz und reisen um die Welt. Übrigens gibt es das nicht nur im Tech-Bereich: Im vergangenen Frühjahr traf ich in der Provence Ballonflieger Max, der temporär da arbeitet, wo der Wind in hinträgt.

Nun kann ich der Sache mit dem Minimalismus tatsächlich viel abgewinnen, er könnte sogar ein Zukunftstrend werden. Zukunftsforscher Matthias Horx prognostiziert ja schon lange, dass nach der «Konsumorientierten Industrialisierungs-Phase» eine Zeit kommt, wo wieder mehr innere Einkehr herrscht und Erlebnisse, Erfahrungen und auch persönlichen Dienstleistungen immer wichtiger werden und wir eher bereit sind, dafür Geld auszugeben als für materiellen Besitz.

Die Angst, loszulassen

Und dennoch: Der Gedanke, keinen festen Wohnsitz zu haben, macht vielen Menschen Angst. Dahinter steckt die Angst, Dinge loszulassen. Wohl auch völlig normal und menschlich. Und vielleicht doch mal überdenkenswert. Genau deshalb fand ich den Bericht der Medienschaffenden Lisa Lubin aus Chicago so spannend, die für ihre Weltreise ihren Job als TV-Producerin gekündigt hatte. Die Philosophie, die dahinter steht, beschreibt Lisa folgendermassen:

I’ve managed to avoid the other American dream – to be a sucker for marketing and feel the need to run out and buy the latest iPhone, Plasma screen TV, DVD or even the latest latte.  I am simply not much of a shopper…especially when it comes to clothes and shoes. I like cute stuff, but don’t need name brands and don’t need a million pairs of shoes.

In ihrem Blogpost How could you afford to travel around the world? beschreibt sie ziemlich detailliert, wie sie es geschafft hat, sich ihre dreijährige Weltreise zu finanzieren – ausgehend von der Frage, die ihr offenkundig sehr oft gestellt wurde: «Wie konntest du so einen Trip bezahlen. Bist du reich?» Und Lisa gibt interessante Antworten.

  1. Reisen spart Geld: Lisa hat bei ihrer Weltreise etwa 2000 Euro im Monat ausgegeben und sogar Geld gespart. Denn zu Hause in Chicago hätte sie Geld für Miete, Nebenkosten, und Auto ausgegeben, inkl. diverser Reparaturen und Kleinigkeiten des Alltags, etwa Toilettenpapier. Wobei ich sagen muss, einige der Kosten, die Lisa aufzählt, etwa Internet oder Versicherungen, hätte ich trotzdem. Aber dennoch eine interessante Überlegung.
  2. Sie musste sich nicht mit unnötigem Ballast rumschlagen und sparte auch Zeit, z.B. bei der Klamottenauswahl. Oder wie Lisa simple feststellt: «No stuff – no worries»
  3. Organisation ist alles: Lisa gibt zu, dass Reisen teuer sein kann – wenn man nicht entsprechend plant. Ohnehin sei der teuerste Teil der Reise der Transport und hier könne man manchmal richtig gute Deals und Ermässigungen finden.
  4. Geld auf dem Konto dient nur dem subjektiven Sicherheitsempfinden: Lisa hat, wie sie sagt, auch viel gearbeitet und Geld gespart. Das allerdings habe vor allem praktische Gründe gehabt – mit dem Geld hat sie sich subjektiv etwas sicherer gefühlt. Am Ende sagt sie: «So, don’t let anyone scare you.»

Artikelbild: Das undatierte Bild zeigt Passagiere im Club-Wagen von «Henry Flagler’s Florida Keys Over-Sea Railroad». Am 22. Januar 2012 wurde das hundertjährige Jubiläum der ersten Zugseinfahrt auf Key West, Florida, gefeiert. (AP Photo/Monroe County Library via the Florida Keys News Bureau)

 

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13 Kommentare

  1. Super Artikel. Kompliment! Finde es toll, dass ihr dieses Thema aufgegriffen habt, da es ja einen Trend darstellt. Ich selbst berate Leute, die in einer Festanstellung festsitzen und einfach mal ihr Ding machen wollen. Das Beste ist, es geht.

    Zu diesem Thema verweise ich auch immer gerne auf den Artikel von Meike Winnemuth unter http://sz-magazin.sueddeu…texte/anzeigen/36401. Vor allem auf den letzten Absatz:

    “Aber weißt Du, was das für mich Unfassbarste ist? Ich hätte die ganze Zeit tun können, was ich jetzt tue. Es kostet hier draußen nicht mehr Geld als zu Hause, oft weniger, und ich verdiene ja was. Ohne den Gewinn im Rücken hätte ich die Reise in meiner Betriebsblindheit nicht mal ansatzweise in Erwägung gezogen, und jetzt stelle ich fest: Ich hätte das Geld gar nicht gebraucht. Ich hätte jederzeit losziehen können, ich hatte es immer selbst in der Hand. Eine Lehre fürs Leben: sich mehr trauen. Es einfach machen, ohne viel nachzudenken – mit anderen Worten: ohne die üblichen Bedenken. “

  2. Danke – auch für das super-zitat – das wird gleich weiterverwendet.

  3. Die Angst, materielle Dinge loszulassen, ist überwindbar. Was mich aber wirklich an mein sesshaftes Leben bindet, sind Freunde und Familie. Mich eine Zeit lang von ihnen zu trennen, erscheint mir doch die viel grössere Hürde zu sein.

  4. Der Satz ist interessant: Die einen haben kein Geld, aber Zeit; die anderen Zeit, aber kein Geld.

  5. Hin- und hergerissen bin ich wegen diesem Artikel. Was ist denn nun gemeint? Zu reisen und unterwegs das dafür nötige Geld, mal hier, mal da, zu verdienen? Oder mit dem aktuellen Job einfach mehr zu reisen? Oder einen Job finden, den man von überall her ausüben kann?

    Ich habe Leute kennen gelernt, die sind fünf Jahre (!!) unterwegs gewesen und haben sich immer dann, wenn Sie kein Geld mehr hatten, zwei, drei Monate einen Job gesucht auf ‘ner Farm, in einer Werkstatt oder wo auch immer. Wenn sie 200 Dollar hatten, sind sie wieder weiter gezogen. Das ist durchaus machbar, aber nicht jedermanns Sache.

    Und für die meisten Berufstätigen gilt, dass während dem Urlaub >5 Wochen keine Kohle reinkommt. Dass das Leben ohne eigenes Heim günstiger ist, ok. Aber irgendwann ist das Geld weg, egal wie sparsam man da draussen lebt. Und dann?

    Ich vertrete sehr wohl auch die Meinung, dass man mehr Freizeit und weniger Arbeitszeit haben sollte. Und dass einem besser geht, wenn man weniger materiellen, dafür mehr sozialen und seelischen Wohlstand hat. Aber ich habe auch gemerkt, dass es Menschen gibt, die ihre Erfüllung tatsächlich in der Arbeit gefunden haben und die gar nicht mehr Ferien wollen.

    Dass die, die Geld haben, keine Zeit haben, ist falsch. Zeit haben wir alle genau gleich viel, nämlich 24 Stunden pro Tag. Aber wie wir sie verbringen, darin liegt der Unterschied. Und leider lässt sich ein Grossteil zu sehr diktieren, wie er oder sie seine/ihre Zeit zu verbringen hat.

    Jetzt habe ich etwa zehnmal so viel geschrieben, wie ich eigentlich wollte. Das heisst, eigentlich wollte ich gar nicht…

  6. @Caroline: Danke für diesen Wichtigen Einwand. Das wäre auch, das, was mich davon abhielte. Andererseits: Man kann Freunde und Familie vielleicht auch mitnehmen..

    @Paddy: Gemeint ist alles. Ideal ist natürlich, wenn man auch unterwegs arbeiten, bzw. das Reisen mit dem Beruf verknüpfen kann. Ich stimme zu, dass es da “Digitale Nomaden” und solche, die bei der Auswahl ihrer Jobs etwas flexibler sind, etwas einfacher haben. Normale Arbeitnehmer haben aber immerhin bezahlten Urlaub. Wohingegen Selbständige ihre Zeit frei einteilen können. Und da kenne ich auch jemanden, der sich so organisiert hat, dass der Betrieb im Büro weiterläuft.

    Und ich habe auch mal jemanden kennengelernt, der einen ganz normalen Job hatte und dann immer allen Urlaub und alle Überstunden auf drei Monate zusammengezogen hat, in denen er durch die Weltgeschichte tourte. Geht also auch.
    Und klar, wer gerne arbeitet und den Ruf der Ferne nicht spürt – jeder wie er glücklich ist.

    Was der Beitrag aber vor allem meint: Sich nicht von irgendwelchen vorgeschobenen Gründen davon abhalten lassen, wozu man Lust hat. Wie du sehr richtig schreibst: Zeit haben wir alle gleich viel, aber viele lassen sich leider vorschreiben, wie sie sie zu verbringen haben!
    Übrigens ein sehr aktueller Trend, zudem ich nochmal einen eigenen Beitrag machen werde.

  7. Hi Simone-
    Sorry…I do not speak German, but I am guessing you speak better English. :)
    I found that you quoted me/my blog here. Just wondering how you came across my travel blog?

    When I was traveling the world…I did try and get rid of nearly all expenses at “home”. The only thing I had to pay for was some travel insurance, a monthly storage locker ($50) and of course my credit card – but that was for paying for things during my trip. I even got rid of my cell phone. I simply did not need it. Now that I am back in Chicago, I still try to live more simply than I ever have and have cut back in buying and shopping except for food and some necessary items. Life is much easier this way!

    Thanks for the mention!
    Cheers,
    Lisa

  8. Hi Lisa,
    thanks for your comment – and your post. I found you in Twitter, somebody retweetet you and I found it quiet interesting. I totally agree your post, I like this way of simpler living. Actually I was wondering about some things like the health insurance which you didn’t mention in your post, which can be very expensive.
    Cheers
    Simone

  9. Hi Simone-
    I also wrote a couple other similar posts you may like:
    This one about buying less and simplifying
    And this one about how I am living now and still traveling.

    To answer your question about Health Insurance:
    When I was on my ‘around the world’ trip…I bought a travel policy that lasted 13 months for about $700 USD. When it ran out…I simply did not have insurance. Not the smartest thing, but I guess travel made me more relaxed!

    When I returned to the U.S., I procured an insurance policy that is mostly “emergency only” and thankfully part of Obama’s new plan includes free ‘preventative’ checks like mammograms and other annual tests. So I pay about $115/month for the current policy I have now. It’s actually fairly inexpensive for personal insurance for a freelancer (self-employed) person in the U.S.

  10. Es gibt ja auch interessante Zwischenmöglichkeiten. Ich habe kürzlich zwei Zwillinge interviewt, die mit dem Fahrrad von Berlin nach Shanghai unterwegs sind. Das spannende daran ist, dass sie ihre Reise zu 100 prozent durch Sponsoring eingeholt haben. Sie haben dazu sogenanntes Crowdfunding angewandt. Dabei geht es darum, dass man ein Projekt auf einer Webseite einstellt und wenn es den Leute gefällt, können sie etwas spenden. Wer also ein etwas aussergewöhnliches vor hat, muss gar nicht unbedingt zwischen Geld und Zeit entscheiden, sondern kann das gewissermassen verbinden. Und die im Fundraising gewonnen Erfahrungen sind auf im Berufsalltag dann wieder nützlich.

    Hier das Interview:
    http://weltreiseforum.com…erlin-nach-shanghai/

  11. Schöner Artikel, aber die Rechnung finde ich ehrlich gesagt dann schon etwas daneben. Bei 2000 Euro im Monat für drei Jahre sind das in Summe 72.000 Euro. Selbst wenn du dann auf Weltreise arbeitest bezahlt man dich nicht nach europäischen bzw. amerikanischen Stundenlohn. Und als TV-Producerin gehört sie sicherlich nich zu den Geringverdienern.

  12. Das ist mal eine andere Sicht auf eine Weltreise-Finanzierung. Tatsächlich ist das Langzeitreisen eine andere Art zu leben. Ich war eineinhalb Jahre unterwegs und bereue keinen einzigen Tag, aber heute würde ich trotzdem nicht wieder los, heute möchte ich wieder zurück in den goldenen Käfig der Sicherheit. Aber bei mir ist es, weil sich ein neuer Wunsch in mir breit gemacht hat, der nach einer eigenen Familie. Und mit einem Kind durch die Welt… Dazu bin ich dann glaub ich doch zu „normal“.
    ;-)
    Bjorn

6 Pingbacks

  1. [...] das Rad zurückkehren, dann bewusst und ohne Murren.(An der Stelle Danke an imgriff-Leser Lars Zapf für den Hinweis auf das tolle Zitat).Artikelbild: Stephanie bei flickr.com (CC BY 2.0) Twittern [...]

  2. [...] Artikel, in dem es um die Finanzierung einer Weltreise geht. Imgriff-Leser-Paddy zum Beispiel schreibt sehr passend: „Zeit haben wir alle genau gleich viel, nämlich 24 Stunden pro Tag. Aber wie wir sie [...]

  3. [...] sagt, kostet das nicht wesentlich mehr Geld, als zu Hause zu bleiben. Wie das geht, dazu habe ich einen Artikel bei imgriff.com [...]

  4. [...] ist nur einer von vielen Faktoren, die seine Lebensqualität beeinflussen. Da nimmt er gern eine Einbusse an Lohn und Ansehen in Kauf, wenn dafür das Gleichgewicht stimmt.Robuster werden für die Zukunft Ein [...]

  5. [...] sagt, kostet das nicht wesentlich mehr Geld, als zu Hause zu bleiben. Wie das geht, dazu habe ich einen Artikel bei imgriff.com [...]

  6. [...] sagt, kostet das nicht wesentlich mehr Geld, als zu Hause zu bleiben. Wie das geht, dazu habe ich einen Artikel bei imgriff.com [...]

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