Wissenschaftliche Arbeiten planen III/IV:
Der Entwurf

Das eigentliche Schreiben der wissenschaftlichen Arbeit muss keine Blackbox sein, aus der am Ende ein fertiger Text rausfällt. Vielmehr ist es in verdaubare Schritte unterteilbarer Prozess.

Die ersten beiden Teile der Serie rund um wissenschaftliche Arbeiten behandelten das Finden einer Themenidee, die Literaturbeschaffung und die Arbeitsplanung. In diesem dritten Teil steht der eigentliche Schreibprozess im Vordergrund.

Technologie im Griff

Können wir jetzt endlich loslegen mit dem Schreiben? Im Prinzip ja. Uneigentlich sind einige technische Vorbereitungen sinnvoll. Einiges davon wird gerne dem «Finish» zugeordnet, ist aber meines Erachtens sinnvoller in der Vorbereitungsphase, spätestens am Beginn der Schreibphase zu erledigen.

So habe ich zum Beispiel viel zu oft gesehen, dass Studierende erst den Text schrieben, dann jede einzelne Überschrift mit der Maus markierten und die Formatierung neu zusammen klickten und sie eventuell sogar noch manuell nummerierten. Ganz davon abgesehen, dass auch die Länge in Seiten von der Formatierung abhängt: Gerade wenn man damit noch nicht so vertraut ist, gehen solche Arbeiten unter Zeitdruck gerne schief. Eine konsequent angewendete Formatvorlage lässt sich dagegen, sollte das nötig werden, mit wenigen Mausklicks auch kurz vor der Fertigstellung noch umgestalten. Solche Arbeiten umfassen:

  • Formatvorlagen in der Textverarbeitung erzeugen (am besten bereits konform zu Instituts-, Fachbereichs- oder Dozentenvorgaben), sich angewöhnen, sie von Anfang an einzusetzen,
  • ggf. eine Zitierrichtlinie im Bibliographieprogramm einrichten,
  • alle benötigte Software anzuschaffen und einzurichten.

Zur Vorbereitung gehört auch, sich mit der benötigten Software vertraut zu machen. Viele werden zuerst an die Textverarbeitung denken (auch dort macht man sich das Leben leichter, wenn man Grundfunktionen «aus dem Rückenmark» beherrscht und mit fortgeschrittenen Funktionen vertraut ist), doch auch eventuell eingesetzte Bibliographiesoftware
und Wissensmanagement sollten nicht vergessen werden.

Je nach Fach fallen noch weitere Anwendungen an, die um so weniger mit dem Schreibprozess interferieren, je vertrauter man mit ihnen ist und je reibungsloser man mit ihnen arbeiten kann: Psychologen und Sozialwissenschaftler kommen nur selten ohne Statistiksoftware wie SSPS oder R aus, als Musikwissenschaftlerin brauche ich immer wieder Notensatz-Software. Bildbearbeitung und Tabellenkalkulation werden öfter benötigt, als man auf den ersten Blick denken sollte.

Zur technischen Vorbereitung hat Ryan einige Tipps gegeben: Werde Super-User! Und nicht zu vergessen: Mindestens tägliche Backups sind Pflicht, am besten als automatisierte Lösung, die man im Zweifelsfall nicht vergessen kann. Die schlechte Nachricht: diese Vorbereitung ist ein prima Zeitfresser und – mal wieder – eine Prokrastinationfalle. Die gute Nachricht: Meist reicht es, diese Vorarbeit als einmaliges «Setup» zu leisten. Zumindest sind viele Einzelheiten «wiederverwendbar», hat man erst einmal eine funktionierende Grundlage. Der Zeitaufwand für solche Einrichtungsarbeiten sinkt mit der Übung und Anzahl der Arbeiten.

Das Material auswerten und strukturieren

Nun kann es endlich an die eigentliche Arbeit gehen: das Auswerten des Materials, das Strukturieren und das Schreiben des ersten Entwurfs.
Idealerweise lässt sich aus der Fragestellung und der Methodik, die im Verlauf der Themenfindung herausgearbeitet wurden, bereits eine grobe Struktur ableiten.

Wie viel Struktur man benötigt, lässt sich so pauschal nicht sagen: Ich bin ProfessorInnen begegnet, die mir über ihr Schreiben verrieten, dass sie es ablehnten, im Vorhinein eine Gliederung zu erstellen und die sich statt dessen ganz auf den Textfluss verliessen. Ich hingegen kann nur selten einen Text produzieren, ohne vorher wenigstens eine vorläufige und grobe inhaltliche Struktur zu entwerfen. Hier gilt es, Erfahrungen zu sammeln, zu experimentieren und seine eigenen Präferenzen zu erkunden, sozusagen also etwas schreib-bezogene Selbsterfahrung zu betreiben.

Ich selbst komme mit Mindmapping zu sehr detaillierten Textideen. Über die Umwandlung einer Mindmap in einen Fliesstext habe ich hier bereits geschrieben.

Strukturprinzipien, oder: nach welchen Prinzipien kann man ordnen?

Beim Schreiben stellt sich oft die Frage, wie eine Menge Material an Ideen, Zitaten, Positionen, Exzerpten in eine sinnvolle Ordnung gebracht werden kann. Nicht immer muss man hier inhaltliche Genialität walten lassen, um elegant von einem Aspekt zum anderen eines Themas zu kommen. Manchmal gibt es bereits durch die Struktur einer Arbeit festgelegte Grob-Strukturen (etwa: erst ein Methodenteil, in dem das Vorgehen erläutert wird, dann die Präsentation von Daten, dann Analyse und Schlussfolgerungen). Diese Strukturen sind fachspezifisch. In literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die z.B. mehrere Werke behandeln/vergleichen, kann ich chronologisch vorgehen oder aber nach thematisch-inhaltlichen Gesichtspunkten.

Technische Helfer zum Strukturieren von Inhalten

Technische Werkzeuge wie etwa Zettelkastensysteme oder Wissensmanagement-Module von Bibliographiewerkzeugen können beim Strukturieren von Inhalten und beim Finden von Zusammenhängen helfen, vorausgesetzt man erfasst bereits die Einträge (die z.B. aus Exzerpten oder Ideen bestehen können) jeweils sauber mit Schlagworten oder Tags. Plattformübergreifende Anwendungen zu diesem Zweck sind z.B. der Zettelkasten von Daniel Lüdecke und synapsen. Für Mac-User finden sich in diesem Artikel von Moritz Fürst über seinen akademischen Workflow reichlich Anregungen.

Rohfassung des Textes verfassen

Ist das Material gegliedert und ausgewertet, kann es daran gehen, das, was bisher wahrscheinlich in Stichpunkten, in Mindmaps oder einer Gliederung vorliegt, in einen Fliesstext in ganze Sätzen zu verwandeln. Spätestens hier schlägt gerne die Schreibblockade zu: Ich sitze in diesem Stadium oft da, fange an, einen Absatz zu schreiben, denke mir «Ach, das kann man so nicht stehen lassen» oder «ist doch trivial, das brauche ich gar nicht zu erwähnen» und eine halbe Stunde später bin ich immer noch nicht vorangekommen.

Gegen diese Blockaden hilft es, bereits gut vorstrukturiertes Material zu haben, an dem man sich «entlang hangeln» kann. Um das, was ich «den inneren Zensor» nenne, auszutricksen, helfen mir des weiteren zwei Prinzipien: Zum einen Zeitbeschränkung – unter Zeitdruck fällt es leichter, den Perfektionismus zu reduzieren und Ideen zuzulassen – und zum anderen, vorläufig die Beurteilung von dem, was ich schreibe, auszuschalten, das Bewerten, Editieren und «schön machen» auf später zu verschieben, sowie temporär Quantität vor  Qualität zu setzen. Werkzeuge dazu sind:

    • «Freischreiben» – für eine festgesetzte (kurze!) Zeitspanne – wenige Minuten bis eine Viertelstunde – ohne Absetzen und ohne Pause schreiben, was einem gerade in den Sinn kommt. (vgl. von Werder 1992, S. 22). Auch wenn das Ziel bei von Werder eigentlich ist, Schreibblockaden zu überwinden: Diese Art von Textproduktion taugt auch dazu, schnell viel Rohmaterial zu produzieren. In wenigen Minuten lässt sich mit dieser Art von Schreiben eine Menge Text fabrizieren.
    • Ganz bewusst «schlechten» Text produzieren. Egal, ob eine Idee, so wie man sie jetzt gerade verbalisieren kann, «unwissenschaftlich» ist, «blöd klingt», «doch trivial ist»: Raus damit. Wenn die Aussage stimmt, lässt sich später immer noch eine wissenschaftlichere Formulierung finden.
    • Handschriftlich arbeiten – das macht das Editieren und «schön machen» schwerer.

Damit man sich traut, derart unzensiert mit dem eigenen Text umzugehen und Schamgefühle über das, was man da produziert hat, vermeidet, ist es wichtig, dass dieses Stadium niemand zu Gesicht bekommt. Rohe Textentwürfe sollten ähnlich gehandhabt werden wie intime Tagebucheinträge – niemand ausser einem selbst bekommt sie zu zu Gesicht.

Wann soll man mit dem Schreiben anfangen?

Eine Frage, vor der ich immer wieder stand, war: Wann ist der beste Zeitpunkt, um mit dem Schreiben anzufangen? Ohne inhaltliches Material schreibt es sich schlecht, und dieses inhaltliche Material sind in der Wissenschaft entweder Positionen aus der Sekundärliteratur oder Daten aus Experimenten und Fragebögen. Dieses Material muss erst einmal gewonnen sein.

Das entgegengesetzte Extrem gibt es aber auch: So lange zu recherchieren, bis man eine Menge Material im Kopf und im Zettelkasten hat, das man nicht mehr strukturiert bekommt und das eventuell sogar den Rahmen der Arbeit sprengt.
Helga Esselborn-Krumbiegel schlägt vor, Tendenzen in die eine oder andere Richtung kompensierend entgegenzuwirken:

Mit dem Schreiben der Rohfassung […] sollten Sie beginnen, sobald Sie recherchiert, die wesentliche Forschung gelesen, vorläufige Hypothesen aufgestellt und eine Arbeitsgliederung entworfen haben. (Esselborn-Krumbiegel 2002, S. 23)

Wer dazu neigt, zu wenig zu lesen und zu früh schreiben, sollte sich ihr zufolge lieber ein wenig mehr Zeit zum Auswerten des Materials lassen, um die Arbeit nicht mehrmals umschreiben zu müssen; wer erfahrungsgemäss zum «Über-Recherchieren» neigt, sollte lieber etwas eher mit dem Schreiben beginnen. (ebd.)

Wieviel Zeit soll man für den Entwurf einkalkulieren?

Materialauswertung, Strukturieren und den ersten Entwurf schreiben sind in meinen Augen das Herzstück des Schreibens von wissenschaftlichen Arbeiten. Ohne brauchbares Rohmaterial kann man schwer etwas in eine gute Form bringen. Hinterher mit viel nicht so tollem Text dazustehen und keine Zeit mehr zu haben, ihn in eine zur Veröffentlichung taugliche Form zu bringen, ist allerdings auch nicht so erstrebenswert.

Für die Entwurfsphase sollte man sich daher reichlich Zeit freihalten. Kruse empfiehlt knapp 20% der Gesamtzeit für das Strukturieren des Materials und knapp 20% für das Schreiben der Rohfassung (Kruse 1994, S. 208).
Hat man dann erst einmal einen holprigen und sprachlich noch alles andere als brillanten, aber immerhin zusammenhängenden Fliesstext vor sich, der wahrscheinlich einiges länger ist, als es die fertige Arbeit einmal werden soll, kann es an die nächsten Schritte gehen: das Überarbeiten und das Finish. Um diese Schritte soll es im nächsten Teil der Serie gehen.

Literatur

Esselborn-Krumbiegel, Helga: Von der Idee zum Text: eine Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben. (Affiliate-Link) Stuttgart: UTB 2002.
Kruse, Otto: Keine Angst vor dem leeren Blatt: ohne Schreibblockaden durchs Studium. (Affiliate-Link) Frankfurt/Main ; New York: Campus-Verlag 1994.
Werder, Lutz von: Kreatives Schreiben von Diplom- und Doktorarbeiten (Affiliate-Link) Berlin ; Milow: Schibri-Verlag 1992

(Artikelbild: Anne-Lise Heinrichs bei flickr.com, CC BY 2.0)

 

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Ein Kommentar

  1. Dem Artikel kann ich als studentische Schreibberaterin voll zustimmen: Viele Studierende unterschätzen, dass Schreiben ein Prozess ist. Und zwar (meistens) kein geradliniger und darüber hinaus immer ein sehr individueller.
    Ich bin nur anderer Meinung bei der Aussage zu den rohen Textentwürfen (“behandeln wie Tagebucheinträge”). Ich finde natürlich auch, dass der Schreiber das Recht dazu hat, sie niemandem zu zeigen. Wir in der Schreibberatung ermuntern die Leute aber oft, uns oder Freunden auch diesen unfertigen Text mal zu zeigen. Denn erstens ist der Text oft gar nicht so “schlecht” (weder inhaltlich noch sprachlich), wie der Schreiber es empfindet. Zweitens kann man die enthaltenen Ideen wunderbar bereits anhand einer ersten Textskizze diskutieren und auf Dinge aufmerksam werden, die beim Vervollständigen der Rohfassung oder bei einer ersten Überarbeitung berücksichtigt werden können. Es ist immer wieder überraschend, aber Reden über sein eigenes Schreiben hilft! (nämlich dabei Gedanken zu sortieren, Prozessschritte zu reflektieren, gute Rückmeldung und damit Motivation zu bekommen, …)

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