Arbeitswelt:
Fünf Trends der Zukunft –
die Gegenrede

Gestern hat Thomas an dieser Stelle Kevin Wheelers Fünf Trends der Zukunft vorgestellt. Bei den meisten Punkten muss ich Widerspruch erheben.

Als imgriff.com-Autor beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich und meine Leser produktiv sein können. Als Geschäftsführer mehrerer Unternehmen will ich die Arbeitsumgebung meiner Kollegen so gestalten, dass sie produktiv und motiviert sind. Diese Erfahrungen bringen mich dazu, Kevins Thesen zu hinterfragen.

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Social Business

Dank digitalen sozialen Netzwerken können wir uns vernetzen. Adressdaten pflegen sich von selbst und wir sehen, was die anderen tun und wer wen kennt. Richtige Beziehungen ersetzen sie aber nicht; dazu solltest Du Dein Gegenüber anrufen oder – noch viel besser – gemeinsam saufen gehen. Soziale Netzwerke bringen aber auch Nachteile mit sich: Sie überfordern die Leute mit ständigen Benachrichtigungen, zwingen zum Multitasking und machen uns weniger produktiv. Bis diese Effekte unsere künftige Arbeitswelt positiv beeinflussen, müssen sich die sozialen Netzwerke irgendwie auf dramatische Art und Weise verändern.

Anders gefragt: ist bei XING außer Flirten schon mal irgendjemandem irgendwas Konstruktives passiert?

Social Leadership

Ich bin Geschäftsführer und ich gebe mir große Mühe, auf die Ideen meiner Mitarbeiter zu hören. Für mich zählt die Qualität der Idee, nicht die Hierarchie oder Erfahrung oder der Doktortitel. Wenn Du eine gute Idee hast, sie gut rüberbringst und einen plausiblen Umsetzungsplan vorlegst, hören das Team und ich zu. Ist Deine Idee Mist, oder willst Du nicht über gute Ideen nachdenken, nützt Dir keine Erfahrung, keine Hierarchie und kein Doktortitel – dann hört Dir niemand zu.

In einzelnen Situationen, z.B. in einer Krise oder wenn es um das finale Designkonzept geht, kann es sinnvoll sein, wenn eine einzelne oder wenige Personen entscheiden. Apple bzw. Steve Jobs hat jahrelang so funktioniert.

Ich bezweifle darüber hinaus, dass selbst Kevin Wheeler viel von diesem Ansatz hält, sobald sich sein Job wandelt, z.B. indem er auf einmal an der Spitze eines großen Unternehmens steht. Viele Leute träumen seit Menschengedenken von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sobald einige von uns es bis ganz nach oben schaffen, entscheiden sie sich dann doch für klare Entscheidungs-Strukturen und Top-Down-Ansätze. Wenn uns etwas nicht gehört, wollen wir teilen und träumen von der sozialen Gemeinschaft. Wenn es uns dann gehört, wollen wir es für uns behalten. Das ist mit Geld, Häusern und Autos ebenso wie mit der Macht. Ist das toll? Keine Ahnung. Aber es wird immer so sein, glaube ich. Und manchmal ist es, was die Macht und das Entscheiden angeht, gut so, siehe Apple.

Das Konzept des Angestellten neu denken

Angestellte werden in Zukunft nicht mehr nur für ein Unternehmen arbeiten, sondern als Co-Creatoren in Teilselbständigkeit zwischen mehreren Unternehmen floaten. Das ist eine sehr oft propagierte Idee, aber sie kommt von Leuten, die bereits heute so leben – die Digital Boheme. Einige Probleme, die ich dabei sehe:

Was ist mit dem wie auch immer berechtigten Anspruch von Unternehmen auf Schutz ihres geistigen Eigentums? Davon kann man halten, was man will – ich bin auch der Meinung, dass Ideen nicht geschützt werden können. Denn Diebstahl hat immer mit Eigentumstransfer zu tun: Ich klaue Dir Dein Frühstücksei, dann hast Du es nicht mehr. Bei Ideen ist das anders: ich klaue Dir Deine Idee und Du hast sie immer noch. Trotzdem: Sehr viele Unternehmen sehen das nicht so entkrampft. Die bestehen darauf, dass ihr geistiges Eigentum gewahrt bleibt. Und wie vereinbart sich das mit Mitarbeitern, die mal hier, mal dort auftauchen und arbeiten?

Was ist mit Menschen, die in kleineren Gemeinden leben? Wechseln die auch von Firma zu Firma, obwohl es in Dörfern und Kleinstädten weniger potenzielle Auftraggeber gibt? Ich vermute, die sollen alle online tätig sein und ihre Arbeitskraft virtuell darbieten. Nun, zum einen gibt es haufenweise Arbeitsplätze, die virtuell gar nicht funktionieren, angefangen bei Putzfrau und Hausmeister – zum anderen hat virtuelles Arbeiten nicht nur Vorteile.

Virtuell miteinander arbeiten, ohne uns gegenüber zu sitzen, führt dazu, dass wir keine Beziehung zu unseren Kollegen aufbauen. Jedenfalls keine belastbare. Ich kenne einige Leute, die so arbeiten und sich darüber beschweren, dass sie einsam sind. Zuhause arbeiten schaffen nicht viele:

  • Du wirst viel leichter vom Arbeiten abgelenkt.
  • Du kommst nie raus.
  • Du siehst niemals jemand anderen.
  • Wenn Du abschalten willst, erinnert Dich vieles an die Arbeit.
Einige Digital Bohemians, die ich kenne, mieten sich Büroräume in der Nähe ihrer Wohnung an, um in einem Gemeinschaftsbüro andere zu sehen und nicht abgelenkt zu werden. Mal abgesehen davon, dass sie dann auch gleich ins Unternehmen gehen können, beklagen sie sich, dass sie zwar andere Leute sehen, aber nicht im Team arbeiten.

Und das Hauptproblem: Nicht jeder von uns ist gut darin, sich selber ständig mit neuen Aufträgen zu versorgen. Wenn Du Dein eigener Chef bist, musst Du folgende Sachen immer und immer wieder draufhaben und durchführen:

  • Einnahmen- und Ausgaben abrechnen
  • Steuern zahlen
  • Marketing und Vertrieb machen
  • Angebote schreiben
  • Daten sichern
  • Ausgaben planen und durchführen
  • Rücklagen für Krankheit und Urlaub schaffen
  • Außenauftritt pflegen
Abgesehen davon, dass nicht alle von uns dazu immer Bock haben – einige sind einfach schlichtweg nicht in der Lage, das koordiniert und nachhaltig durchzuziehen.

Wissen, Daten und Menschen zusammenführen

Hier träumt Kevin Wheeler davon, dass wir online ständig lernen, uns vernetzen, fantastische Lernmaschinen werden und gigantische Wissensnetzwerke aufbauen. Eins meiner Unternehmen beschäftigt sich mit mobilem eLearning; ich hoffe also, dass das eintritt. Aber mal ehrlich: Lernt ihr online? Recherchiert Ihr ernsthaft, wenn ihr online nach Wissen sucht, oder nur oberflächlich auf der oberen Hälfte der ersten Google-Seite? Schürfen Blogs nach Wissen oder schreiben viele nur voneinander ab? Ist alles auf Wikipedia wahr – oder manches doch recht einfach gehaltene Banal-Information, zudem teilweise falsch und irreführend?

Meine Vermutung: Das Internet ist in seiner derzeitigen Form nicht in der Lage, uns beim Lernen zu unterstützen. Der größte Vorteil: Alle Informationen sind frei. Der größte Nachteil: Deswegen verdient niemand Geld damit, weswegen es kaum jemand ernsthaft pflegt. Viele Klicks und Werbeeinnahmen stehen im Vordergrund. Wie kriegt man viele Klicks? Indem man die Leute ständig animiert. Das führt zu Ablenkung und Multitasking, das macht unproduktiv und stört die Konzentration.

Gerade beim Lernen will ich mich aber konzentrieren.

Fazit

Von Wheelers fünf Punkten lasse ich nur einen unkommentiert: Transparenz und Privatsphäre. Für alle anderen sehe ich haufenweise Probleme, die unser Arbeitsleben jedenfalls nicht besser machen. Dazu kommt, dass fast alle gewerblichen Arbeitskräfte von diesen fünf Trends ausgeklammert sind, weil sie eben so kaum stattfinden können. Bleibt der Rest, von dem aber auch wieder viele wegfallen wegen oben genannter Gründe. Letzten Endes glaube ich, dass die Arbeitswelt, wie sie Kevin Wheeler beschreibt, die der Digital Boheme ist. Die lebt aber bereits heute so.

 

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6 Kommentare

  1. Danke für diese wertvollen Entgegnungen zu Wheelers “Fünf Trends der Zukunft”.
    Wer wird richtig liegen? Das wissen wir alle nicht. Und doch finde ich wichtig, die Dinge, wie in diesem Fall, auch radikal und anders zu denken. So kommt eine so wertvolle Diskussion heraus wie jetzt.

    Hier werden nun mögliche Arbeitswelten gedacht und beschrieben. Mich würde auch interessieren, wie der Einzelne dazu denkt. Wie wünsche ich mir den Arbeitsplatz der Zukunft? Was kann und will ich dazu beitragen? Anstelle von: “Was kann der Chef für mich tun?” könnte ich fragen: “Was kann ich für die anderen tun?” Oder “Was haben andere davon, dass es mich gibt?”

    Vielleicht minimal am Thema vorbei, jedoch aus meiner Sicht im Zusammenhang stehend.

  2. ist bei XING außer Flirten schon mal irgendjemandem irgendwas Konstruktives passiert?

    also ich habe meinen neuen Job über Xing gefunden.

  3. Bei aller Social-Media-Euphorie sind diese Gegenthesen mal ein guter Anstoß, einige der in den letzten Jahren propagierten Scheinselbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

    Fragwürdig ist aus meiner Sicht v.a., ob sich durch technologische Entwicklungen (auf denen der Großteil von Wheelers Thesen basiert) allgemeine menschliche Konstitutionen, Bedürfnisse und Einstellungen ändern.

    Für manche ist die Möglichkeit in virtuellen Teams weitgehend unabhängig zu arbeiten ideal, andere werden auch weiterhin nicht das geringste Interesse daran haben, da für sie beständige Strukturen einfach angenehmer sind.

    Insofern stellt sich oft einfach Frage, was der Einzelne mit den neuen Möglichkeiten überhaupt anfangen will, und welche Persönlichkeitstypen diese nutzen wollen.

    “Social Leadership” schlägt da in die gleiche Kerbe: Einbezogen werden in Entscheidungsprozesse möchten sicher viele, und warum soll man dies nicht auch machen und fördern? Ob aber nun genauso viele auch Entscheidungen treffen möchten, um dann für die Konsequenzen verantwortlich zu sein, sei mal dahingestellt.

  4. Xing ist eigentlich so ziemlich die einzige Community, die wirklich was Sinnvolles bringt bzw. bringen kann. Weil da vergleichsweise wenig pubertierende Pfosten rumlaufen.

    Jaja ich weiß FB, Twitter und überhaupt sind alle voll super und toll. Aber darüber mal (zahlende!) Kunden zu finden – viel Erfolg ;)

    Ich finde das Konzept der Gegenüberstellung übrigens ziemlich gut. Damit wird es etwas differenzierter. Dürft ihr gerne öfter machen.

  5. Ich kann Herrn Gross nur gratulieren. Ich denke genau so. Bücher und Kurse (e-Learning) werden im Internet kaum gratis angeboten, und das tägliche Austauschen von facebook – Belanglosigkeiten lenkt nur immer ab. Diejenigen, die z.B. bei einem Lebens-Problem wirklich helfen wollen, sind nicht die 150 “Friends”, sondern nur ein paar Wenige, die haben aber eine starke Beziehung zur Hilfe suchenden Person, und dazu braucht es facebook nicht.
    Soziale Vernetzung gibt es schon seit es Menschen gibt, und die Regeln der Vernetzung haben sich nie geändert (siehe Milgram und Buch “Connected”).

  6. Was das Online Lernen betrifft, bin ich der Meinung, dass Communities wie z.B. Busuu.com fürs Sprachenlernen durchaus von großem Nutzen sind. Was aber das Lernen ausserhalb solcher fokussierten Angebote angeht, sehe ich auch eher schwarz, da das Ablenkungspotential durch Werbung etc. einfach viel zu groß ist. Insgesamt halte ich das Thema Ablenkung für das absolut größte Problem in allen angesprochenen Bereichen

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