Produktives Arbeiten mit Social Media I/II:
Macht Internet ineffizient?

Die Versprechen der Informationstechnologie waren schon immer gross: Sie sollten uns die Arbeit abnehmen oder zumindest einfacher machen. Ein Realitätscheck.

Nachdem ich gerade mehrere Tage lang mein eigenes Blog mit einem neuen Theme versehen und umfassend überarbeitet habe, ist mir mal wieder klar geworden, wie viel Zeit das Internet und Social Media fressen können. Gründe gibt es viele: Weil die Technik dann doch nicht so funktioniert – vor allem in Zusammenhang mit Facebook fällt mir das immer wieder auf! Weil die Vielfalt an Möglichkeiten im Netz schier unendlich ist, dass es auch ersteinmal unendlich viel Zeit kostet, die Passenden zu finden.

Denn herauszufinden, welche der kleinen Software-Helfer sich möglichst nahtlos in den eigenen Workflow einschmiegen und uns so die Arbeit erleichtern, gleicht der Nadelsuche in einem stachligen Heuhaufen. Oder aber andersherum, man verliert Zeit, gerade weil es funktioniert und man so begeistert von seinen eigenen Erfolgen ist, dass man immer noch mehr will – jedenfalls ging es mir mit meinem Blog so.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen

Johnny Häusler hat das auch auf Spreeblick sehr treffend beschrieben:

Habe die Recherche für ein tolles Thema bei Google angefangen. Bin nach vier Stunden beim dritten Link, über den ich einen Experten gefunden habe, mit dem ich ein Telefon-Interview vereinbaren will, finde aber seine E-Mail-Adresse auf der Seite nicht, in seiner Linkliste verweist er dafür auf ein völlig irres Forum, Wahnsinn, hab’s sofort den anderen Autoren gemailt, wir beschließen eine ganze Artikel-Serie, das gibt Stoff für drei Wochen! Erstmal muss ich aber den anderen Artikel weitertippen, den ich angefangen habe. Wo hatte ich den gespeichert? Ich sollte mir eine To-Do-Liste zulegen, kann man doch prima auf dem Rechner erledigen, gleich mit Erinnerungsfunktion. Wäre cool, wenn man so eine Liste auch mobil immer dabei hätte, sollte ja mit iPhone kein Problem sein. Tatsächlich: 15 verschiedene Listenprogramme zeigt der AppStore, gleich mal testen. Ok … dieses hier lässt sich nicht mit dem Desktop-Rechner synchronisieren, aber jenes schon, man muss sich nur kurz auf der dazugehörigen Website registrieren, kein Problem, schon erledigt. Nur noch auf die Bestätigungsmail warten. Währenddessen teste ich mal noch eine weitere Liste, die auch viel netter gestaltet ist. Jau, so macht das Arbeiten Spaß! Die benutze ich ab jetzt … ach Mist, die lässt sich ja wieder nicht synchronisieren.

Das Dilemma der unendlichen Auswahl

Das Dilemma mit den vielen Tools ist schlicht: Unternehmen wollen nunmal leider Geld mit ihrer Software verdienen: Oft stellen Sie daher kostenlose Beta- oder Basisversionen zum kostenlosen Testen zur Verfügung. Die haben aber entweder (noch) nicht den vollen Funktionsumfang oder weisen schlicht Fehler auf, die viel Zeit und Nerven kosten. Wenn sich der User dann freudig an die Funktionalität des Programms gewöhnt hat, ist der Umfang plötzlich kostenpflichtig. So geschehen bei Hoot Suite, einem Client zum verwalten und versenden von Twitter und anderen Social-Media-Anwendungen. Als Nutzer muss man dann entweder zahlen oder sich nache einer Alternative umsehen.

Oder das Unternehmen ist pleite oder wird verkauft. So geschehen bei Delicious, das als Pionier der Social-Bookmarking-Anwendungen. 2005 erwarb Yahoo Delicious. Als Yahoo im Dezember 2010 ankündigte, Delicious verkaufen, je gegebenenfalls sogar schließen zu wollen, ging ein Aufschrei durch die Sozialen Netzwerke, der zeigt, wie abhängig User von ihren gewohnten, aber meist kostenlos genutzten Tools sind.

Mittlerweile wird Delicious übrigens von Chad Hurley und Steve Chen betrieben, die ironischerweise ihre ebenfalls sehr erfolgreiche Gründung YouTube 2006 an Google verkauft hatten. Das Roulette dreht sich ständig weiter. Kein Wunder also, dass sich selbst auf Internetkonferenzen fast der ganze Saal meldet, wenn die Frage lautet, ob die eigene Produktivität unter dem ständigen Kommunikationszwang im Internet leidet.

E-Mail – tot oder lebendig?

Ein Tool, das übrigens von eingefleischten Social-Media-Nutzern seit einiger Zeit totgesagt wird, ist die E-Mail. Und tatsächlich, seit ich die Kürze von 140-Zeichen-Nachrichten bei Twitter kennengelernt habe, finde auch ich E-Mails zunehmend nervig.Allerdings zeigt eine Studie von Nielsen Research: Je länger sich Menschen in Sozialen Netzwerken aufhalten, desto mehr Zeit verbringen sie auch mit dem E-Mail-Management. Grund: Wer sich in einem Social Network wie Facebook anmeldet, erhält häufig sogenannte Freundschaftsanfragen, Social Media Mails, Event-Einladungen usw. Zudem vergrößert sich durch Social Media der eigene Bekanntenkreis, wodurch auch ingesamt mehr kommuniziert. Und auch wer bloggt, bekommt die Kommentare zu seinen Texten sehr häufig ebenfalls via E-Mail. 

Die E-Mail, die viele schon längst als antiquierte Kommunikationsmethode abgestempelt hatten, ist also noch höchst lebendig und wird das wohl noch eine Weile bleiben.

(Bild: Casey Fleser bei flickr.com, CC BY 2.0)

 

Mehr lesen

Cloze: Nachrichten von wichtigen Personen priorisieren

22.3.2013, 2 KommentareCloze:
Nachrichten von wichtigen Personen priorisieren

Nachdem wir letzte Woche mit Mailstrom eine Sortierhilfe für die Inbox vorgestellt haben, ist heute Cloze an der Reihe: Cloze verwendet einen Algorithmus, um E-Mails und Interaktionen auf Social Networks zu analysieren und in einem intelligenten Feed darzustellen. Was die App alles ermittelt, ist faszinierend - und erschreckend zugleich.

Mailstrom: Sortierhilfe für übervolle Inboxen

15.3.2013, 4 KommentareMailstrom:
Sortierhilfe für übervolle Inboxen

Inbox Zero ist für Viele ein unerreichbares Ziel. Andere argumentieren, dass es in Zeiten von fast unlimitiertem Speicherplatz und intelligenten Suchfunktionen keinen Grund gibt, überhaupt irgendeine E-Mail zu löschen. Viele haben aber auch einfach schlicht vor ihrer eigenen Inbox kapituliert. Mailstrom macht es sich zur Mission, diesen Mailchaoten eine Sortierhilfe zu bieten.

Inbox Management: E-Mails machen dumm -  aber was ist die Alternative?

7.2.2012, 9 KommentareInbox Management:
E-Mails machen dumm - aber was ist die Alternative?

Die Ratgeber zur E-Mail-Flut ist inzwischen fast gleich gross wie die Anzahl versendeter E-Mails. Pragmatisches Vorgehen ist gefragt.

Wie uns gesellschaftliche Konventionen beeinflussen: Facebook und andere Zwänge

13.5.2013, 0 KommentareWie uns gesellschaftliche Konventionen beeinflussen:
Facebook und andere Zwänge

Dass wir uns im Beruf so oft unter Druck gesetzt fühlen, liegt auch daran, dass wir in vielen Fällen impliziten gesellschaftlichen Erwartungshaltungen genügen wollen – obwohl wir selbst vielleicht anderer Meinung sind. Das zeigt sich nicht zuletzt bei der Social-Media-Nutzung im Job.

Cloze: Nachrichten von wichtigen Personen priorisieren

22.3.2013, 2 KommentareCloze:
Nachrichten von wichtigen Personen priorisieren

Nachdem wir letzte Woche mit Mailstrom eine Sortierhilfe für die Inbox vorgestellt haben, ist heute Cloze an der Reihe: Cloze verwendet einen Algorithmus, um E-Mails und Interaktionen auf Social Networks zu analysieren und in einem intelligenten Feed darzustellen. Was die App alles ermittelt, ist faszinierend - und erschreckend zugleich.

Das Internet und unser Image I/II: Sind Internetnutzer Idioten?

21.1.2013, 2 KommentareDas Internet und unser Image I/II:
Sind Internetnutzer Idioten?

Sollen Internetnutzer das Private streng vom Öffentlichen trennen, oder sollen sie im Gegenteil ihr Innerstes nach aussen kehren? Keins von beidem ist ideal. Das Erfolgsmodell heisst: Vergiss die unbedarfte «Authentizität» - kultiviere die Inszenierung.

DropTask statt To-Do-Liste: Aufgaben visuell verwalten

8.3.2013, 2 KommentareDropTask statt To-Do-Liste:
Aufgaben visuell verwalten

Die Suche nach der perfekten To-Do-Liste ist immer wieder ein Thema hier auf imgriff.com. So unterschiedlich die Bedürfnisse im privaten und geschäftlichen Alltag, so unterschiedlich sind die Tools. Wie der Name aber sagt, sind fast alle Tools eines - nämlich Listen. DropTask bietet vom Funktionsumfang nichts Überraschendes, überzeugt aber mit einer grafisch ansprechenden Darstellung, die an eine Mindmap erinnert.

Aufgabenverwaltung: Mit dem arbeiten, was da ist

22.10.2012, 24 KommentareAufgabenverwaltung:
Mit dem arbeiten, was da ist

Tools zur Aufgabenverwaltung sind toll - können aber selbst zum Zeitfresser werden: Zuviele Features, zu komplizierter Aufbau. Selbst ist die Frau: Karin Friedli hat sich ein System für die To Do's gebaut - im E-Mail-Programm.

Aufgabenmanagement: Von Eisenhower lernen, heisst delegieren lernen

13.1.2012, 18 KommentareAufgabenmanagement:
Von Eisenhower lernen, heisst delegieren lernen

Die bekannte Eisenhower-Methode schlägt kleine Fragen vor, um die eigene Aufgabenliste zu sortieren: Was ist wichtig? Was ist dringend? Uns würde noch interessieren: Wo ist die App dazu?

5 Kommentare

  1. Ja wer kennt das nicht. Vielfalt lenkt vom eigentlichen Thema ab – und irgendwann wundern wir uns dann eben, wieso wir keine Zeit mehr haben… ;)

    Ich stimme übrigens überhaupt nicht zu, dass eine 140-Zeichen-Nachricht eine Mail ersetzen kann. SMS hat Telefonieren auch nicht abgelöst. Es nur eine weitere Verwendungsmöglichkeit der Technik. Oder anders ausgedrückt: Noch ein bisschen mehr Vielfalt.

  2. Genau, ein schöner Artikel!

    Aus diesem Grund versuche ich, auf die meisten Spezialanwendungen zu verzichten. Besonders dann, wenn es um Daten geht, die ich auch langfristig nutzen will. So toll ich beispielsweise die ganzen Tools und Dienste finde, um meine Finanzen zu verwalten, bleibe ich doch bei einer “normalen” Tabellenkalkulation – will ich doch in 10 Jahren auch noch alle Daten zur Hand und möglich so haben, dass ich Vergleiche ziehen kann.

    Ganz geht das natürlich nicht: So bin ich auf fleissiger Nutzer von Hootsuite, pinboard.in etc.

    Schlussendlich gilt wie immer: Kein Tool, kein Dienst macht effizienter, sondern die Art der Anwendung davon. Will heissen: Gehirnschmalz und ein bewusster Umgang ist die Voraussetzung für jedes Tool, will man tatsächlich produktiver sein.

  3. A propos Hootsuite: Du schreibst:

    Als Nutzer muss man dann entweder zahlen oder sich nach einer Alternative umsehen.

    Hootsuite ist doch nach wie vor gratis? Oder war früher einiges, was jetzt im Pro-Account ist, kostenlos?

  4. @Mirko: Das ist vermutlich rein subjektiv und Geschmackssache: Es gibt viele Kommunikationen, die würden schneller und effizienter ablaufen, wenn man sich das Vorgeplänkel sparen würde. Ich gehe bei etwas besser bekannten Geschäftspartnern auch dazu über, bei der 5. E-Mail oder so die Anrede wegzulassen. Bei DMs kommt man aber in diese Verlegenheit gar nicht.

    @Ivan: Danke für die Ausführungen. Genau, bei Hootsuite waren vorher einige Sachen nicht-Premium. Ich habe dann aufgehört, es zu nutzen.

  5. Zur Minimierung des Facebook- und Twitter-Email-Flows finde ich NutshellMail ganz gut. Da bekommt man dann genau eine Email pro Tag (bzw. zu festgelegten Intervallen) und die wird dann bei meinem Thunderbird auch automatisch in den Folder “Newsletter” gefiltert und nach 7 Tagen automatisch gelöscht.

3 Pingbacks

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder