Wissenschaftliche Hausarbeiten planen II/IV:
Einige irregeleitete Annahmen
über Planung

Die Planung der eigenen Arbeit ist ein Thema voll Mythen. Oft bremsen wir uns durch unrealistische Vorsätze und irrige Annahmen derart aus, dass die wichtigen Dinge liegen bleiben.

Planen war lange ein rotes Tuch für mich. Eine unsortierte To-Do-Liste war ungefähr das Strukturierteste, was ich ertrug. Von allem Strukturierteren oder Festgelegteren fühlte ich mich eingeengt und unter Druck gesetzt. Irgendwann fand ich heraus, dass das an einigen Fehlannahmen über Planung lag.

Ein einmal aufgestellter Plan muss unbedingt durchgezogen werden!

Menschen sind verschieden, was den Umgang mit Plänen angeht. Manche können gut einen einmal im Vorhinein gestellten Plan abarbeiten. Anderen fühlen sich von zu starrer Planung eingeengt, und manche fahren mit bewusst vorläufiger Planung, die dann abschnittsweise angepasst wird, besser. Es gilt ausserdem immer die alte Weisheit:

Kein Plan überlebt den ersten Kontakt mit der Realität!

Planung ist nichts, was man am Beginn der Arbeit einmal und dann nicht wieder macht, sondern ein Geschehen, das die ganze Arbeit begleitet. Wie iterativ die Planung ausfällt, hängt sicher von der monochronen oder polychronen Veranlagung ab. Stärker monochron veranlagten Menschen wird es leichter fallen, einen Plan «durchzuziehen», während eher polychrone Menschen mit bewusst vorläufiger, immer wieder angepasster Planung besser fahren werden.

In jedem Fall gilt: Ein Plan, der nicht mit dem tatsächlichen Fortschritt abgeglichen wird, ist wertlos.

Wenn ich den Plan nicht einhalte, habe ich versagt!

Aus dem vorhergehenden Punkt folgt eigentlich schon, dass es kein Zeichen von Versagen ist, wenn man einen Plan modifizieren muss. Gerade im Studium häufen sich die Unwägbarkeiten: Ist alle Literatur verfügbar? Brauche ich für ein Exzerpt eventuell länger als ursprünglich veranschlagt? Muss ich einen Text noch einmal lesen, weil sich im Lauf des Schreibens unvorhergesehene Fragen ergeben haben (wissenschaftlich ein höchst spannender Moment)?

Planung an den tatsächlichen Fortschritt anzupassen, ist kein Zeichen von Versagen, sondern erhält das bewusste Steuern des Schreibprozesses.

Alles muss ganz genau geplant werden!

Ein detaillierter Plan ist nicht notwendigerweise einer, der auch gelingt. In maximaler Detailtiefe zu planen, ist eine Prokrastinationfalle. Damit kann man viel Zeit mit Arbeit verbringen, die hinterher nutzlos war. Besonders wer eher nicht dazu neigt, einen einmal gesetzten Plan getreulich abzuarbeiten, tut sich eher einen Gefallen damit, schrittweise zu planen, also nur die Einzelheiten der gerade anstehenden Arbeitsphase festzulegen, maximal noch den ersten Schritt der folgenden Phase.

Jede Minute muss geplant sein!

Das war schliesslich die schlimmste Falle für mich und zugleich die, in die ich am hartnäckigsten tappte: Zu gross war der Druck, jede verfügbare Minute mit irgendetwas scheinbar Nützlichem zu verplanen. Letzten Endes war es dieses Fehlen von Pufferzeiten, das dazu führte, dass ich nie einen Plan einhielt. Nicht umsonst raten Zeitmanagement-Ratgeber dazu, nicht mehr als die Hälfte bis maximal 60% der verfügbaren Zeit zu verplanen. Irgendwo gab es immer einen Bus, den ich verpasste, eine Bibliothek, deren Öffnungszeiten ich falsch in Erinnerung hatte, oder ich stand länger an einer Kasse als veranschlagt. Oder aber ich unterschätzte die Zeit, die Lebensnotwendigkeiten wie Essen, Duschen und Einkaufen in Anspruch nahmen.

Überdies setzte ich mich mit dieser viel zu voll gepackten Agenda entsetzlich unter Druck und rebellierte dann dagegen, indem ich mich selbst sabotierte und jegliche genauere Planung mit «ach, das halte ich doch eh wieder nicht ein» von mir wies.

Planung fing in dem Moment an, für mich zu funktionieren, als ich mir zu gestand, wie wenig reine Arbeitszeit mir objektiv zur Verfügung stand, und begann, von dieser Arbeitszeit nicht jede Minute zu verplanen.

Ich muss wie besessen arbeiten, Pausen sind Luxus! Andere Lebensinhalte darf es nicht geben!

Life-Work-Balance ist kein Luxus, sondern erhält die intellektuelle und körperliche Leistungsfähigkeit. Jede Arbeit wird wohl in der Abschlussphase an Intensität zunehmen. Wenn intensives Arbeiten jedoch in Besessenheit umschlägt, geht damit ein gehöriges Risiko einher, den Überblick über eine Arbeit zu verlieren und betriebsblind, unfokussiert und ineffektiv zu werden. So dauert die Arbeit am Ende länger, als wenn man sie fokussiert und mit Pausen angeht. Intensiv arbeiten und Pausen machen schliessen einander nicht aus.

Wie man beim Planen einer Arbeit sinnvoll(er) vorgehen kann

  • Die Planung einplanen. In einer Lernphase auf eine meiner beiden Abschlussklausuren plante ich etwa einen wöchentlichen «Uhrenabgleich» ein, bei dem ich meinen Lernplan und meine To-Do-Listen auf den aktuellen Stand brachte. Das war in etwa einer Stunde zu schaffen. Analog ist es sinnvoll, beim Schreiben einer Arbeit den bisherigen Zeitplan prüfen: Bin ich im Zeitplan? Was dauert länger als erwartet? Womit bin ich schneller fertig geworden? Wie muss ich den Arbeitsplan eventuell ändern?
  • Zeit budgetieren. Dass Arbeitszeit im Studium eine endliche Ressource ist und nicht beliebig ausgedehnt werden kann, muss man anerkennen, will man überhaupt sinnvoll planen. Dominik hat hier etwas zum Thema «Zeitbudget» geschrieben.
  • Pufferzeiten lassen. In meiner Studienabschlusszeit liess ich z.B. den Sonntag stets unverplant, was nicht hiess, dass er auch immer frei war: Er diente mir oft dazu, “Überhang” aus der Woche abzufangen.

Mit diesem Verständnis von Planung gelang es mir wesentlich besser, den Überblick über meine Zeit zu behalten; eine Fähigkeit, die gerade in der Phase des eigentlichen Schreibens ausgesprochen nützlich ist. Um diese Phase soll es im nächsten Teil der Serie gehen.

(Bild: Kim Navarre bei flickr.com, CC BY-SA 2.0)

 

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