Ideen finden:
Einfach loslegen

Probleme sind eine tolle Sache. Sie sind häufig Auslöser dafür, dass wir nach neuen, unkonventionellen Lösungen suchen – und sie finden.

Gute Ideen kommen offenbar vielen Leuten unter der Dusche. Dafür gibt es spezielle, wasserfeste Notizblöcke. Oder im Bett. Wie bei dem Starfotografen Russel James, der nie ohne Zettel und Stift neben sich ruht – damit er gleich aufschreiben kann, was ihm nachts um drei im Traum eingefallen ist. Es gibt Ideenfabriken wie die Magdeburger Firma Zephram, die mittels Perspektivwechsel eingetretene Pfade verlässt und so Rohideen liefert – u.a. für Kunden wie BMW oder Microsoft. In Unternehmen gibt das Ideenmanagement, auch betriebliches Vorschlagswesen genannt, in dem Unternehmen Verbesserungsvorschläge sammeln und manchmal sogar umsetzen. Und es existieren jede Menge Kreativitätstechniken wie Brainstorming, Mind-Mapping, das Sechs-Hut-Denken oder die Methode 635 – einfach mal hier im Blog nach «Kreativität» oder «Ideen» suchen.

Ideen als Problemlösung

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir fallen die besten Ideen ein, wenn ich direkt mit einem Problem konfrontiert bin. Ganz konkret. Ohne Kreise malen, Hüte aufsetzten usw. Gut, Visualisierung mag bei der Ideenfindung helfen. Aber der Auslöser ist meist, dass ich eine Lösung für ein ganz spezielles Thema suche. Und dann darüber nachdenke. Allerdings nicht, um dann stundenlang die Gedanken im Kopf hin- und herzuwälzen. Die Devise lautet vielmehr: Einfach anfangen. Trial und Error sozusagen.

Zum Beispiel beim Texte schreiben. Ich verstehe nicht, wie die Leute früher ohne Computer auskamen: Wenn ich an einem Text arbeite, ist es am besten, einfach loszulegen. Und hinterher noch umzustellen, Details herausarbeiten, vertiefen, kürzen. Dabei fallen mir in der Regel noch haufenweise neue Ideen ein. Und: Sowas geht eben nur am Computer, weil es auf dem Papier schnell unübersichtlich würde. So gesehen auch eine Fom der Visualisierung. Aber eine ganz konkrete. Und eine, die mehr mit dem altertümlich anmutenden betrieblichen Vorschlagswesen zu tun hat, denn auch da geht es in der Regel um die Lösung ganz konkreter Probleme.

Viele Geschäftsideen sind auf diesem Weg entstanden

Viele geniale Geschäftsideen sind auf diese Art entstanden: Der Suchmaschinenenriese Google etwa, weil Harvard-Student Sergej Brin für ein Statikprojekt das gesamte Internet herunterladen wollte. Oder Facebook, weil Zuckerberg eigentlich Mädchen kennenlernen wollte. Google hat «Loslegen» sogar zum Unternehmsprinzip erklärt und lässt neue Produkte regelmäßig und höchst erfolgreich in der Betaphase von der Community testen.

Auch so eine Losleg-Idee: Die Agloves, Handschuhe für Touchscreens. Die Idee dazu kam Jean Spencer, die ich Anfang September auf der IFA traf, während eines Schneesturms in Washington DC. Sie wollte einen Blick auf ihre E-Mails auf ihrem iPhone werfen – aber das ging mit ihren Handschuhen nicht. Und sie hatte nur eine Wahl: Entweder sich schnell der wärmendenen Überzieher zu entledigen – oder alle Nachrichten verlieren. Jean aber dachte sich: Wenn Menschen in der Lage sind, iPhones zu erfinden, dann muss es auch eine Möglichkeit geben, diese auch mit Handschuhen zu nutzen. Und Sie begann, gemeinsam mit ihrer Mutter Jennifer Spencer, verschiedene Materialien zu testen – obwohl die beiden keinerlei Erfahrung in der Textilindustrie hatten. Heute, gut 70.000 verkaufte Handschuhe später, sind sie offizieller Ausrüster der amerikanischen Ski-Nationalmanschaft.

Und auch die fünf Letten, die vor kurzem das erste Coworking-Space in ihrer Hauptstadt Riga eröffnet haben: Zwar ist Coworking mittlerweile ein in Europa weit verbreitetes Phänomen. Die Letten allerdings seien auch sehr pragmatisch und sparsam, wie mir Mitbegründer Marcis Rubenis erzählt: «Zwar finden viele die Idee gut, aber 200 Euro und mehr im Monat zahlt hier einfach niemand für einen Arbeitsplatz.» Rubenis besuchte daher Coworking-Spaces in ganz Europa und suchte nach einer Idee, den Leuten ihren Schreibtisch möglichst preiswert zur Verfügung stelllen. Schließlich fand er die Lösung: «Wir gehen dahin, wo die Leute die Leute ohnehin schon arbeiten. zum Beispiel in ein Café mit Buchhandlung. Die Leute zahlen dann ein paar Euro, um einen besseren Service zu bekommen und arbeiten zu dürfen», erklärt Rubenis. Das Ergbnis ist ein deutlich preiswerter Arbeitsplatz für 9 Euro in der Woche oder 30 Euro im Monat, was sich fast jeder leisten kann.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Solche Ideen haben aber eines gemein: Man muss einfach loslegen. Genau daran hapert es in Deutschland oft, das zeigt auch eine Studie – gerade im Bezug auf Geschäftsideen. Der Global Entrepreneurship Monitor, eine Studie, die jährlich die Gründungsbedingungen in 42 Ländern weltweit untersucht, hat für 2009 erfasst, dass nur 22 Prozent der befragten 18 bis 24 jährigen gute Business-Chancen überhaupt wahrnehmen. Ganze 37 Prozent haben hingegen Angst vor dem Scheitern – und lassen es daher lieber ganz sein.

Also doch nix mit Trial und Error? Wie findet Ihr Eure besten Ideen?

(Bild: I have an idea @ home, Julian Santacruz, flickr.com, CY BB 2.0)

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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  1. Liebe Simone, danke für Deinen aufschlussreichen Artikel. Ich stimme ganz überein, dass man für die Ideenfindung einfach loslegen muss. Ich habe immer wieder festgestellt, dass Innovationen aus ungewöhnlichen Rekombinationen bestehen. Um Dein Beispiel aufzugreifen: Handschuhe + Sensitive Oberfläche = Touchscreen-fähig

    Um ungewöhnliche Kombinationen zu finden, stolte man multidisziplinär denken…

    Um einfach loszulegen hat mir das Konzept Effectuation sehr geholfen. Effectuation stellt einen Leitfaden wie man Ideen entwickelt und diese mit Menschen gemeinsam umsetzt. Ich habe kürzlich dazu einen Artikel geschrieben:

    Effectuation

    Nochmals danke für Deinen Artikel über Ideen-Findung!

  2. Also, wer Ideenmanagement und Betriebliches Vorschlagswesen gleichsetzt, hat weder den verlinkten Wikipedia-Artikel gelesen, noch Ahnung von dem Thema, sorry.

  3. Der beste Trick den ich bisher mitgenommen habe ist der, die Ideensammlung von der Ideen(aus)sortierung strickt zu trennen. Wer direkt Gegenargumente sucht zerstört sich selbst die kreative Phase. (Unter anderem weil wahrscheinlich für beide Aufgaben verschiedene Gehirnhälften zuständig sind.) Also lieber eine verrückte Idee erst mal aufschreiben und später noch mal darüber nachdenken.
    In diese kreative Phase hinein zu kommen ist dann natürlich wieder ein völlig anderes Problem. Diese Tricks mit Zetteln unter der Dusche und neben dem Bett – allgemein natürlich am besten überall, deswegen mag ich auch physikalische Notizbücher – sind eine mögliche Methode um sie zu nutzen wenn sie zufällig auftritt. Für ein konkretes Problem kann es aber meiner Meinung nach manchmal unerlässlich sein eine richtige “Sitzung” zu machen (vielleicht auch nur mit sich alleine) in der man einfach alles aufschreibt was einem in den Sinn kommt. Wenn es “schlecht” ist: egal! Es kommt darauf an sich selbst zum Denken über den Tellerrand zu stimulieren. Sortieren kommt dann wie gesagt später. Genau für diese Sitzungen gibt es dann ja die genannten Techniken. (Und das Know-How einer Firma wie Zephram besteht vor allem aus dem Wissen, welche dieser Techniken für welchen Zweck die besten Ergebnisse bringen.)

  4. Hallo Martin & Thomas,
    danke für Eure Einblicke in die systematische Ideenfindung. Das bietet auf jeden Fall auch potential für weitere Artikel.
    Pee Wee: Danke, dass Sie meine These belegen und als Freund des betrieblichen Ideenmanagements offenbar keine kreativen Ideen zu dieser Diskussion beizutragen haben!

  5. @Simone:
    Weshalb verschweigen Sie denn weiterhin, dass BWV und Ideenmanagement nicht identisch sind? Oder sehen Sie das nach wie vor nicht ein..?

  6. Liebe Simone,
    danke für Deine Rückmeldung. Zum Thema Effectuation gebe ich gerne interessante Quellen aus. Kürzlich habe ich zu dem Thema meine Abschluss-Thesis geschrieben. Bei Bedarf einfach eine kurze E-Mail schreiben. Viele Grüße Thomas

  7. Hallo Pee Wee,
    schade dass Sie uns nichtmal Ihren Namen verraten – geschweige denn den so wichtigen Unterschied, auf dem Sie ja nun die ganze Zeit herumreiten. Und vielleicht warum Ihnen das so wichtig ist.
    Bis dahin muss sich einfach jeder selbst ein Urteil bilden.

    @Thomas Klimt: Danke der Rückmeldung – ich melde mich ma!

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