Probleme lösen:
Einfach nicht mehr darüber nachdenken. Sagt die Wissenschaft.

Viel hilft nicht immer viel: Beim Problemlösen lohnt es sich, ab und zu durchzuatmen und einfach nichts zu tun.

Thomas hat vor einiger Zeit einen Artikel darüber geschrieben, wie schlafen einem hilft, wichtige Entscheidungen zu fällen: Beim Ruhen werden nämlich unbewusst Informationen verarbeitet. Das zumindest haben wissenschaftliche Studien gezeigt. Aber die Wissenschaft sagt noch mehr: Nicht nur schlafen hilft dabei, Probleme zu lösen. Sondern einfach mal abschalten!

Je mehr wir nachdenken, desto schlimmer wird es
Die Psychologen Neil Roese & Jeff Kuban führten an der Universität von Illinois eine interessante experimentelle Studie mit 200 Studenten durch. Sie ließen ihre Probanden Matheaufgaben rechnen und maßen dabei die Gehirnaktivität. In einem ersten Durchgang gaben sie pro Aufgabe die realistische Zeitvorgabe von 15 Minuten. In einem zweiten Durchgang ließen sie pro Aufgabe, die wieder den gleiche Schwierigkeitsgrad besaßen, 30 Minuten Zeit, mit der Vorgabe, die Zeit voll auszunutzen. Eventuelle Rechenfehler sollten im Detail ausgemerzt werden.

Das Ergebnis: Durch die zusätzliche Zeit verbesserten sich die Rechenresultate im Vergleich zum ersten Durchgang nicht signifikant. Allerdings hatten die Forscher beobachtet, dass die Gehirne der Studenten umso hochtouriger fuhren, desto länger sich diese mit einer Aufgabe beschäftigten. Zudem gaben fast alle Studenten im Nachhinein an, dass sie die Aufgaben im zweiten Durchgang schwerer fanden. Roese und Kuban schlussfolgerten, dass Menschen Aufgaben als grundsätzlich schwieriger wahrnehmen, je länger sie sich mit diesen beschäftigen. Sprich: Weniger ist mehr! Das bedeutet also:

Je länger und ausführlicher wir über ein Problem nachgrübeln, desto schwieriger erscheint am Ende eine Lösung des Problems. Das führt dazu, dass wir uns die Konsequenzen unseres Handelns viel schlimmer ausmalen, als sie sind – wir «katastrophieren». Panik entsteht. Wir haben Angst, uns falsch zu entscheiden, das Falsche zu tun. Und dann begehen wir oft den gleiche Fehler: Statt einfach aufzuhören und uns mit etwas anderem zu beschäftigen, grübeln wir noch mehr: Wir wollen versuchen, doch noch schnell eine Lösung zu finden. Allerdings wird die Sache so meist noch schlimmer, wir drehen uns im Kreis, können keinen klaren Gedanken mehr fassen, bekommen noch mehr Angst und Panik – ein Teufelskreis.

Die Lösung: Einfach aufhören!
Was hilft? Einfach mal tief durchatmen. Sich klar machen, dass das Problem vielleicht gar nicht so schlimm ist, wie gedacht. Das Gehirn überlisten. Hinterfragen wo man jetzt genau das Problem sieht. Weniger Schwarz-Weiß-Denken. Den Problemberg, den man vielleicht vor sich sieht, aufteilen. Dadurch wird das Problem kleiner, man entkatastrophiert.

Sich klar machen, dass die Sache vielleicht nicht so schlimm ist wie gedacht. Zum Beispiel auch sprachlich: Man neigt ja zu Übertreibungen wie «das ist alles total furchtbar». Weil unser Gehirn aus Bequemlichkeit schnell mal eben kategorisiert, um neue Dinge schneller verarbeiten zu können. Solche Übertreibungen stressen uns zusätzlich.

Man muss sich klar machen, dass es nicht so schlimm ist, wenn man mal einen Fehler macht. Dass 80% häufig auch schon gut genug sind. Und: Wenn man sich rational klar macht, dass es nicht zwangsläufig zu einem besseren Ergebnis führt, sich mehr anzustrengen, kann man es auch sein lassen.

Da das nicht so einfach ist, kann Bewegung helfen, einfach mal abzuschalten: Sport machen, der einen körperlich auspowert. Entspannungsübungen oder Yoga. Damit man seine Stresshormone wieder ins Gleichgewicht bringt. Auf alle Fälle das Gehirn durchlüften.

Man kann sich diesen Mechanismus auch mit einem einfachen Signal klar machen – jedes mal, wenn man anfängt zu Grübeln, laut «Stopp!» sagen. Oder ein Gummibändchen am Handgelenk befestigen und daran ziehen. Häufig reicht es schon, sich diesen Mechanismus bewusst zu machen.

 

Simone Janson

Simone Janson ist Kolumnistin für DIE WELT und betreibt mit über 100 Fachleuten das Blog http://berufebilder.de, laut ZEIT ONLINE eines der meistgelesenen Blogs für Beruf, Bildung und Karriere in Deutschland. Sie Kooperationspartner des F.A.Z.-Instituts, Beraterin und Referentin für Agenturen und Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Bundeswehr, Ärzteverbände oder diverse Hochschulen.

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8 Kommentare

  1. Diesen Effekt kenne ich noch aus meinen Zeiten als Klausuraufsicht an der Uni:

    Einige von denen, die durchgefallen sind oder nur knapp bestanden haben, waren nicht schlecht vorbereitet oder gar dumm: sie konnten nicht loslassen!
    Sie fingen an mit der Aufgabe, die sie am besten konnten (eigentlich eine gute Strategie), dann aber hingen sie plötzlich, z.B. weil es noch einen kleinen Haken an der Aufgabe gab und sie doch nicht so einfach war, wie sie zunächst schien.
    Hier hätten sie loslassen müssen und sich einer anderen Aufgabe widmen. Stattdessen haben die meisten dieser Studenten sich an der Aufgabe festgebissen und über die Hälfte der Klausurzeit an einer Aufgabe gearbeitet, die 20% der Punkte brachte.

    Manchmal muss man einfach loslassen. Während man dann an einer anderen Aufgabe arbeitet, kommt oft genug die rettende Idee für die unterbrochene Aufgabe und wenn nicht: es gibt noch andere Aufgaben…

  2. Ich kann sowohl den Effekt als auch die Lösungsvorschläge voll und ganz bestätigen.

    Wenn ich merke, dass ich mich in einem Thema verrenne, mache ich wann immer möglich (sprich wenn ich den Abgabetermin dadurch nicht überziehe) für den Tag Schluss mit dem Thema und gehe nach der Arbeit laufen.

    Nach ca. 30 Minuten gefühlter geistiger Abwesenheit präsentiert mir mein Gehirn völlig selbständig neue Ansatzpunkte, die ich den restlichen Lauf dann bewusst andenke und am nächsten Tag (fast immer erfolgreich) verwende.

    Durch abendliches autogenes Training sorge ich dafür, dass mich die stressigen Themen nicht im Schlaf belästigen.

  3. In seinem Buch Outliers berichtet Malcolm Gladwell aber über einen Effekt, der diesem Ansatz hier etwas widerspricht, wie ich finde.

    Gladwell schaut sich die Pisa-Ergebnisse an und fragt sich, wie diese zustande kommen. Was schnell auffällt: asiatische Länder haben mehr Unterricht, bis zu 700 Stunden mehr pro Jahr. Dann aber berichtet Gladwell über ein Experiment, bei dem Schüler unlösbare Aufgaben vorgelegt bekommen: es wird die Zeit gestoppt, bis die Probanden aufhören, sich mit der Aufgabe zu beschäftigen.

    Und jetzt kommt’s: wenn ich mich richtig erinnere, entsprach die Tabelle dieses Experiments, sortiert nach Ländern, exakt der PISA-Tabelle in Mathematik. Oder anders formuliert: je ausdauernder sich Kinder mit der Lösung einer eigentlich unlösbaren Aufgabe befassen, umso besser sind sie in Mathematik, so Gladwell.

    Die Behauptung, man sei mathematisch talentiert oder nicht, setzt Gladwell nur mit dieser einen Fähigkeit gleich: man sei hartnäckig und diszipliniert – oder nicht. Von daher würde ich fast sagen: weniger ist nicht mehr.

  4. Genialer Artikel. Finde ich wirklich toll , mit nützlichen Informationen. Habe euch direkt bei mir im Blog verlinkt .

  5. Ich hätte mal gerne den Link zur Studie!

  6. Bei Helmut Kohl haben wir noch alle gelacht, er und sein Aussitzen. Etwas mehr Gelassenheit würde uns, aber auch Politikern und Managern gut tun. Nicht jede News verändert die Welt. Reflektieren schadet nicht.

  7. Das Innehalten, Ablenken und Nicht-an-Eisbären-denken ;-) hervorragende Ideen sind um unkompliziert zu einer guten Lösung zu kommen kann ich ebenfalls bestätigen (einer meiner Favoriten ist sportliche Aktivität).
    Die Herausforderung ist: In einer Stress-Situation (selbst) zu erkennen, dass mehr Druck und noch angestrengteres Denken nicht mehr helfen. Dann noch das “richtige” Werkzeug aus dem Kreativitäts- oder Problemlösungswerkzeugkasten herausholen und anwenden – wohlgemerkt in der besagten Stress-Situation: Das ist beinahe Meisterschaft.

  8. @ Simone: Habe mich diese Woche ebenfalls mit dem Thema Probleme lösen beschäftigt und meine Gedanken im Artikel “Bist du ein Teil der Lösung oder ein Teil des Problems?” zusammengetragen. Vielleicht können einige Ideen als Ergänzung zum deinem Artikel dienen …

    http://businesslifehack.d…teil-des-problems-1/

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