Aufmerksamkeit:
Wie man mit digitalen Wichtigmachern fertig wird

Aufmerksamkeit ist ein begrenztes und deshalb hart umkämpftes Gut: Verführer lauern hinter jedem Tweet. Ideen zum ökonomischen Umgang mit einer unserer wertvollsten Ressource.

Vorgestern in der U-Bahn, zurück vom Sport, las ich Twitter auf dem Smartphone. Leerzeiten effektiv nutzen und so! Mit der Entspannung war es schnell vorbei: Ich hatte gleich sieben Artikel entdeckt, die ich lesen oder bookmarken wollte. Als ich nun da saß, mit sieben Browserfenstern, und noch schnell meine E-Mails abgerufen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich leide an einer digitalen Aufmerksamkeitsstörung!

Digitale Aufmerksamkeitsstörung
Bis vor wenigen Tagen wusste ich noch nicht mal, dass es so eine «Krankheit». Barbara Haag hat mich dann eines Besseren belehrt. Nun bin ich kein Freund solcher Klassifizierungen – schon über die «analoge»Aufmerksamketsstörung kann man trefflich streiten, wie dieser Beitrag in der FAZ zeigt.

Wahr ist bei dem Thema allerdings eines: Im Internet kann man schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen: Hier noch eine Nachricht, da noch ein Klick und schon ist eine Stunde rum. Über das wie und warum kann man hunderte von Artikeln schreiben und Thomas hat sich ja gerade des wichtigen Themas E-Mail angenommen. Mir geht es hier um einen ganz bestimmten Aspekt: Was verleitet uns, immer weiter zu klicken? Und wie schaffen wir es, damit aufzuhören?

Aufpeitscher und Wichtigmacher identifizieren
Die Lösung ist in der Theorie ganz einfach: Wir müssen die Aufpeitscher und Wichtigmacher Im Netz identifizieren – und uns von ihnen nicht verführen lassen. Das ist nämlich das Problem in der Praxis: Dass in der Regel Texte so gestaltet werden, dass sie genau das machen: Uns verführen. Jedenfalls, wenn die Texter ihr Handwerk verstehen. Das ist mir vorgestern abend bei Twitter sehr aufgefallen: In der 140-Zeichen-Vorschau klangen die Texte allesamt superinteressant. Nun, beim Überfliegen am heimischen Bildschirm war nicht mal die Hälfte lesenswert.

Twitter-Virtuosen spielen gekonnt mit dem Neugiertrieb ihrer Leser. Zum Beispiel, wenn sie solche Vorankündigungen schreiben: «Ich weiß, dass ich diese App nie nutzen werde, aber ich muss sie mir trotzdem kaufen!» Und natürlich will jeder wissen, warum jemand Geld ausgeben will, für etwas, von dem er bereits im Vorfeld weiß, dass es unnötig ist. Hätte der betreffende einfach nur getwittert: «Das könnte eine wirklich spannende App sein!» – der Effekt wäre nicht derselbe gewesen.

Hauptsache populistisch!
Medien funktionieren genau so. Sascha Lob hat vergangene Woche selbstkritisch den im Internet herrschenden Populismus beklagt und den Dadaisten Hugo Ball zitiert:

«Als deutscher Prophet muß man laut schreien und deutlich reden. Denn das Volk ist schwerhörig. Unendliche Wiederholungen weniger Gedanken verfehlen schließlich ihre Wirkung nicht.»

Das gilt längst nicht nur für Twitter: Es wird etwas spannend, wichtig und dringend gemacht, es werden Begehrlichkeiten geweckt, eine bestimmte Information jetzt unbedingt anklicken zu müssen, die dann in Wahrheit doch nicht so interessant ist. Oder die man nicht lesen muss, weil man den Inhalt in anderer Form schon oft gelesen oder gehört hat.

Unser Gehirn ist schuld daran, dass wir immer wieder in die gleiche Falle tappen: Es will möglichst ökonomisch agieren und die Vielzahl von Informationen, die täglich auf uns einstürmen, so schnell wie möglich einsortieren oder verwerfen. Daher nehmen wir nur sehr selektiv wahr. Starke Reize, die Gefühle auslösen, werden schneller und besser verarbeitet als Informationen, an denen man nicht emotional beteiligt ist. Und daher reagieren wir auf spannungsheischende Meldungen viel eher als auf langweilige Botschafen – die vielleicht die interessantere Information enthalten.

Einfach nicht anklicken
Die Lösung? Vor allem, dass wir uns diesen Mechanismus bewusst machen. Und weniger auf solche Tweets oder Artikel klicken. Wenn der Erfolg ausbleibt, werden die Texter uns vielleicht weniger mit solchen Meldungen nerven. Vielleicht eine idealistische Annahme. Vielleicht aber auch gar nicht weit hergeholt, wenn man sich diesen Beitrag von Gunter Dueck anschaut, in dem es um Dringendmacher geht – und wie man mit ihnen fertig wird:

«Wir müssen der Welt beibringen, eigene Handlungen auf Zeitnoterzeugung bei anderen abzuchecken. Die Welt ist nicht naturgegeben hektisch.»

In  diesem Sinne: Einfach nicht anklicken!

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4 Kommentare

  1. WolfsPAD
    schrieb am 4. Juli 2011 um 09:02 Uhr (#)

    Guten Morgen,
    genau mein Thema. Ich versuche mich auch zu trainieren, immer besser die für mich wichtigen Themen zu entdecken. Eine doch recht schwierige Aufgabe. Seit ca. 14 Tagen bin ich bei Twitter und hab damit wieder einen Zeitfresser mehr. Aber eben auch, wie zum Beispiel diesen Artikel, wertvolle Informationen mehr. Eine echte Zwickmühle. Und nun denke ich noch darüber nach, den Links in dem Artikel zu folgen!

    Gruß
    WolfsPAD

  2. Simone Janson
    schrieb am 4. Juli 2011 um 16:14 Uhr (#)

    quod erat demonstrandum… womit ja meine These bewiesen wäre ;-)

  3. Sigi
    schrieb am 5. Juli 2011 um 00:20 Uhr (#)

    Das (der?) Guillemet wird im Deutschen »so« verwendet, nicht «so».

    1. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Mauch
      schrieb am 5. Juli 2011 um 12:02 Uhr (#)

      Hallo Sigi

      Danke für den Hinweis. Hier handelt es sich um eine kleine Liebhaberei: In der Schweiz wird auch für das Deutsche die in den romanischen Sprachen übliche Schreibweise «» genutzt – wir finden, es sieht ein wenig hübscher aus, das ist der einzige Grund :-)

      Viele Grüsse, Thomas

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