Lose Enden:
Chaotisches Zeitmanagement
im Selbsttest

Die dringenden Sachen abarbeiten, alles andere liegen lassen und schauen, was passiert. Chaotisches Zeitmanagement und die Realität.

Vor einiger Zeit habe ich einen Beitrag bei karrierebibel.de gelesen. Das Thema: Chaotisches Zeitmanagement. «So ein Quatsch», dachte ich. Aber der Gedanke hat mich als zum Perfektionistin, die zum Anti-Perfektionismus strebt, seitdem nicht mehr losgelassen. Denn diese Sätze können ein ganzes Weltbild verändern:

Man muss warten und verzichten können. Warten Sie ab, bis sich etwas von selbst erledigt hat. Wenn nicht, laufen Sie zur persönlichen Hochform auf und bekommen es schnell noch hin. Warten Sie, bis es ein Anderer erledigt hat. Die Arbeit geht schließlich dorthin, wo sie getan wird. Verzichten Sie möglichst darauf, dort zu sein.

Verzichten Sie auf Planung, es kommt immer anders, als man denkt. Warten Sie lieber, wie es tatsächlich kommt. Dann improvisieren Sie, und garantiert werden Sie es irgendwie hinbekommen. So trainieren Sie gleichzeitig Ihre Überraschungskompetenz und bald kann Sie gar nichts mehr erschrecken.

Bleiben Sie unterorganisiert und verzichten Sie auf so sinnlose Aktivitäten wie Schreibtisch aufräumen und Ablegen. Sie haben mehr Zeit gespart, als Sie jemals für das Suchen benötigen. Verzichten Sie auf den Unfug, Wichtiges künstlich dringend zu machen, wie es die Geplanten tun.


Sollte man mal ausprobieren
Nun bin ich kein Fan festgefügter Zeitmanagement-Pläne – ich sehe so etwas eher als Orientierungshilfe denn als «Must-do!». Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Daher ist ein starres Planungskorsett meiner Erfahrung nach eher hinderlich. Allerdings: Gar nicht planen genau so. Denn was man plant beziehungsweise sich vornimmt, zieht man auch eher durch.

Aber, die Idee, sich nicht an starre Planungslisten zu halten, fand ich durchaus attraktiv. Und so habe ich einen Selbsttest gestartet: Die dringenden Sachen abarbeiten, alles andere liegen lassen und schauen, was passiert.

Alles auf den letzten Drücker?
Da ist zunächst die Idee, alles bis auf den letzten Drücker rauszuschieben. Sie kommt der Tendenz entgegen, dass die meisten von uns unter Stress und Druck meinen, effektiver zu sein. Zudem können wir gerade bei wichtigen Dingen prima prokrastinieren – zum Beispiel weil man eigentlich Angst vor der Aufgabe hat oder nur einen Berg von Arbeit sieht und nicht weiß, wo anfangen.

Ehrlich gesagt halte ich das für ziemlich gewagt. Man erinnere sich an die Geschichten von Freunden, denen einen Tag vor Abgabe der Magisterarbeit die Festplatte abgeschmirrt ist oder ähnliches. Daher… klar, manche Sachen erledigen sich wirklich von selbst: Ich wollte kürzlich meinen Ex-Gasanbieter anrufen, wusste aber, dass mich das unendlich viel Zeit in der Warteschleife kosten würde. Dann habe ich via Twitter erfahren, dass er pleite ist. Den Anruf konnte ich mir schenken! ;-)

Aber das wichtigste Argument: Wer hat denn die Nerven, eine wichtige Aufgabe bis zum Ende hinauszuzögern und dabei ruhig und entspannt zu bleiben?  Wirklich entspannt ist man doch in der Regel erst, wenn man die Sache erledigt hat. Oder bin ich die Einzige, der das so geht? Also mein Tipp: Die Sache besser gleich erledigen, dann kann man ruhiger weiterarbeiten.

Die Sache mit den losen Enden
Das ist auch meine Hauptkritik am chaotischen Zeitmanagement: So wie in dem Artikel beschrieben, bleiben zu viele lose Enden liegen. In meinem Selbsttest habe ich mich in den vergangenen Wochen auf eine wichtige Sache konzentriert: Mein neues Buch, das im September erscheinen wird. Mit Tunnelblick und Scheuklappen habe ich wirklich viel bewerkstelligen können. Allerdings türmten sich links und rechts die Papierberge. Schlimmer waren noch die gedachten losen Enden im Kopf. Ich wusste, dass da vieles liegen bleibt und hatte ständig ein schlechtes Gewissen.

Ich musste deshalb eine Pause einlegen, um alles abzuarbeiten und wegzusortieren. Und siehe da: Jetzt geht es mir besser. Aber entspannend war das nicht gerade. Eine ausgewogene Mischung zwischen Hauptaufgabe und Nebenaufgaben wäre sicher besser gewesen.

Das Experiment «Chaotisches Zeitmanagement» ist für mich gescheitert. Vielleicht beim nächsten Mal doch wieder To-Do-Listen machen? Oder bekommt man das mit dem ausgewogenen Arbeiten einfach nicht hin, weil es zwischendurch immer mal wieder stressige Hoch-Produktiv-Phasen gibt? Wie sieht das bei Euch aus?

Vielleicht ist das ja die wichtigste Erkenntnis bei der ganzen Sache: Dass es die eine Zeitmanagement-Methode nicht gibt. Weil jeder ganz anders funktioniert.

(Bild: Grace Kat bei flickr.com)

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6 Kommentare

  1. Gudrun Sonnenberg
    schrieb am 28. Juni 2011 um 07:51 Uhr (#)

    Ich glaube, der letzte Satz stimmt:

    Vielleicht ist das ja die wichtigste Erkenntnis bei der ganzen Sache: Dass es die eine Zeitmanagement-Methode nicht gibt. Weil jeder ganz anders funktioniert.

    Arbeitstypen sind einfach unterschiedlich. Manche tun sich schwer mit der Regelmäßigkeit. Mich lenkt Aufräumen eher ab wenn ich ein Buch schreibe, ich komme dann nicht mehr ins Schreiben rein. Also schreibe ich das Buch und lasse die anderen Sachen liegen, bis ich mit dem Buch so viel weiter gekommen bin, dass ich wieder frei bin für was anderes.
    Was mich noch interessiert: Wieso will eine Perfektionistin zur Anti-Perfektionistin werden? Es ist doch toll, wenn man alles erledigt? ;-)

    Gudrun

  2. Tanja Handl
    schrieb am 28. Juni 2011 um 10:09 Uhr (#)

    Chaotisches Zeitmanagement birgt einfach einen enormen Stressfaktor… Auch wenn Pläne sich nie 100 %-ig umsetzen lassen, sie bieten doch halt und geben unserem Handeln eine Richtung.

    Ich kann also gut verstehen, dass der Ausflug gescheitert ist, für mich wäre das auch nichts.

  3. Caroline Simoné
    schrieb am 28. Juni 2011 um 11:55 Uhr (#)

    Die Gefahr einer festen Planung mit vielen Do´s besteht darin, dass man irgendwann mehr Aufgaben hat als man bewältigen kann. Es kann durchaus sehr sinnvoll sein, einfach einige Punkte zu streichen.
    In der heutigen Zeit ist es leider usus, keine Schwäche zu zeigen und alles schaffen zu können. Mitunter artet es sogar in Freizeitstress aus
    Das Nichterledigen sehe ich als Selbstschutz und kann oft sehr hilfreich sein.

  4. Simone Janson
    schrieb am 29. Juni 2011 um 12:41 Uhr (#)

    @Gudrun Sonnenberg: Genau so habe ich das mit dem Buch gemacht – und das war das Ergebnis. Beim nächsten mall besser mehr verteilen.
    Warum es nicht erstrebenswert ist, Perfektionist zu sein – dazu habe ich ein ganzes Buch geschrieben. In dieser Artikel-Serie finden Sie meine wichtigsten Thesen: http://berufebilder.de/se…ionist-und-karriere/

    @Tanja Handel & Caroline Simone: ich stimme Ihnen voll zu. Besonders der Aspekt, keine Schwäche zu zeigen, ist bedenkenswert. Auch ein Fall von Perfektionismus, was ja paradoxerweise eher zum Gegenteil führt!

  5. Someintphia
    schrieb am 30. Juni 2011 um 09:34 Uhr (#)

    .. “Warten Sie, bis es ein Anderer erledigt hat. Die Arbeit geht schließlich dorthin, wo sie getan wird.” .. und schlussendlich wird man gar nicht mehr gebraucht, denn es geht auch ohne einem!

    Dann doch lieber den Tag oder die Tätigkeit durchorganisiert belassen.

  6. Tanja Handl
    schrieb am 30. Juni 2011 um 10:34 Uhr (#)

    @ Caroline & Simone: Sehe ich genauso. Prioritisieren ist sehr wichtig, und manche Dinge (z.B. Alltägliches) gehören einfach erst gar nicht auf To-Do-Listen. Und wenn mal nicht 100 % abgehakt sind – Kopf hoch! Im Rückblick war vielleicht auch gar nicht alles Geplante wirklich notwendig.

    @ Someintphia: Für wichtige Aufgaben gilt das sicher, aber bei unwichtigen Dingen, die nicht dringend sind, macht es schon Sinn, sie zu delegieren oder liegen zu lassen, bis sie sich vielleicht von selbst erledigen.

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