Weniger ist mehr:
Arbeit ohne Grenzen

Devisen wie «Less is more» oder der «Cult of Minimalism» sind Trends und Moden. Aber auch Ausdruck einer längerfristigen Entwicklung, die unsere Arbeitswelt prägt: Wir müssen lernen, uns selbst zu begrenzen.

Freizeit, Konsumaktivitäten oder eben auch Berufstätigkeit: Wir müssen lernen «nein» und «genug» zu sagen, meint Prof. Günter Voss, Soziologe von der TU Chemnitz. Voss ist Autor einer Wissenschaftsserie zum Thema Arbeit und Psychische Belastung auf SWR 2. Er zitiert zahlreiche Studien, nach denen die psychische Belastung am Arbeitsplatz ständig steigt – parallel zur Abnahme von körperlichen Berufskrankheiten wie Rückenschmerzen.

Eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeige, so Voss, dass objektiv in der modernen Arbeitswelt ein hohes Risiko besteht, psychisch zu erkranken. Der Wandel zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft spiegelt sich auch in den Krankheitsbildern wider.

Prekäre Freiheit
In seiner Sendung zum Thema Burnout führt Voss diveres Gründe an, weshalb dieser Anstieg zu verzeichnen ist. Die Arbeitsoziologie beschäftigt sich auch mit dem Wandel des Arbeitsverhältnisses und sieht eine neue «prekäre Freiheit» entstehen: Mehr Spielraum, um die Arbeit zu gestalten und gleichzeitig ein immer grösser werdender Erfolgsdruck. Das Ganze verbunden mit einem «Ende des Normalarbeitsverhältnisses»: Abbau gewohnter Regulierungen und Stabilität, Wegfall von festen Arbeitszeiten oder erhöhte Anforderungen an die Mobilität.

Leben ohne Grenzen
Die Soziologie spricht deshalb von einer zunehmenden Entgrenzung: Strukturen und damit Sicherheit und Orientierung fallen weg, Grenzen für die Anforderungen bestehen nicht mehr. Arbeit ohne Ende mit steigender Unsicherheit. Arbeitnehmer sind gefordert, sich selbst zu organisieren und sich selber zu managen. Selbstverantwortlichkeit kann auch Druck und Überlastung erzeugen. Less is more ist deshalb eine Forderung von Voss. Lernen, sich selbst zu begrenzen und wissen, was wichtig für einem selbst ist.

Umgang mit sich selber
Dem würde ich noch hinzufügen, lernen mit sich selber umzugehen. Es ist die Realität heute, dass wir die Verantwortung für uns und unsere berufliche Tätigkeit selber übernehmen müssen. Das ist eine wünschenswerte Freiheit, die auch Pflichten mit sich bringt: Erstens müssen wir diese Verantwortung wahrnehmen und uns Gedanken machen, was unsere Ziele, Wünsche und Prioritäten sind.

Im Driver Seat
Und als zweites müssen wir uns die Skills aneignen, uns selber zu organisieren. Das beginnt bei der Fähigkeit, über sich und seine Tätigkeit nachzudenken und zu reflektieren, sich selbst Ziele zu setzen und diese zu verfolgen. Und das kann damit aufhören, mit dem Pomodoro-Timer effizienter zu werden – kleine Tools, die uns unterstützen. Dabei gilt aber zu beachten: Wir sollten den Pomodoro Timer einsetzen, damit er uns hilft. Und nicht, damit er uns antreibt. Oder wie es bei Berater-Sprech heissen würde: Wir sind im Driver Seat.

» Burnout: Arbeiten bis zum Umfallen. Die Sendung auf SWR2 zum nachhören.

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5 Kommentare

  1. Tanja Handl
    schrieb am 2. Mai 2011 um 10:54 Uhr (#)

    Wie heißt es so schön: “work to live or live to work?” Ein gesunder Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit ist einfach wichtig.

    Auch wenn es sehr viele Vorteile bringt, dass man seinen Arbeitsalltag heutzutage so gestalten kann wie man mag (Gleitzeit, ortsunabhängiges Arbeiten, etc) – Pausen und Freizeit dürfen nicht vergessen werden. Zwischendurch muss man auch einmal abschalten.

  2. Maik
    schrieb am 2. Mai 2011 um 13:31 Uhr (#)

    Ja die Sache mit dem gesunden Work-Life-Balance ist gar nicht mal so einfach. Ein gesundes Maß ist schwer zu finden, ohne dabei vielleicht zu wenig für die Arbeit zu tuen. Also letztendlich sind da ja Dinge die gemacht werden müssen… Alles gar nicht so einfach. Die Erwartungshaltung des Arbeitgebers zu erfüllen und gleichzeitig auf die eigene Gesundheit und den Ausgleich zu achten…

  3. dasWiesel
    schrieb am 2. Mai 2011 um 19:44 Uhr (#)

    Es ist immer die gleiche Geschichte. Das gesunde Mass zu finden oder wie Maik sagt die richtige Work-Life-Balance. Mein Lehrer hat uns einmal gesagt. Trennt Arbeit und Freizeit strikt voneinander. Wenn ihr in der Freizeit seid redet nicht über den Beruf sondern gewinnt Abstand dazu und umgekehrt. Zu dieser Zeit war einem vermutlich nicht bewusst wieso dieser Punkt so wichtig ist heute dafür umso mehr.

    Der springende Punkt ist halt einfach dass die Leute nicht mehr lernen klar von Freizeit und Arbeit zu unterscheiden. Da ist es nicht verwunderlich wenn sich die Grenze von Arbeit und Vergnügen immer mehr vermischt und zwar zugunsten der Arbeit.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Mauch
      schrieb am 2. Mai 2011 um 21:51 Uhr (#)

      Ich glaube auch, dass sich diese beiden Bereiche immer weiter vermischen – der Trend läuft eindeutig in diese Richtung. Meine Frage wäre, ob das a priori schlecht ist. Oder ob wir uns beibringen müssen, damit eigenverantwortlich umzugehen. Die Arbeitswelt übernimmt diese Verantwortung nicht mehr für uns. Damit umgehen zu lernen kann m.E. auch heissen, neue Freiheiten zu gewinnen.

  4. dasWiesel
    schrieb am 3. Mai 2011 um 16:19 Uhr (#)

    Die Schwierigkeit an der ganzen Thematik ist dass es einerseits Leute gibt die mit dieser neuen Eigenverantwortung durchaus umzugehen wissen. Andererseits wird es aber auch Leute geben welche es nicht schaffen.

    Für die einen die damit klarkommen ist es natürlich, wie du sagst,ein unglaublicher Mehrwert an Lebensqualität und Freiheit. Die Frage ist nun was macht mit dem kleinen Prozensatz (oder ist es vielleicht ein grosser?) Benötigt es eine gewisse Zeit bis sich die Menschen darauf eingestellt haben?

    Viele Fragen und wenig Antworten. In einigen Jahren, wenn sich diese Art des Arbeitens auf breiter Basis durchgesetzt hat, werden wir mehr wissen.

    Eigentlich war die ganze Sache als Antwort auf den Kommentar von Thomas Mauch gedacht. Halb so schlimm solange der Kommentar ersichtlich ist.

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