Flexible Arbeitszeitmodelle:
Die Realität dazu

Paradox: Alle wollen flexible Arbeitszeitmodelle. Viele Unternehmen bieten sie an. Niemand tut es.

Alle wollen, niemand tut es
94% der weiblichen und 78% der männlichen topqualifizierten Arbeitskräfte in Deutschland wünschen sich flexible Arbeitszeitmodelle. Die Unternehmensberatung Bain & Company ist dieser Frage nachgegangen. Viele Unternehmen bieten deshalb auch verschiedene Formen dieser Zeitmodelle an. Das Erstaunliche: Nur ganz wenige nehmen die neuen Möglichkeiten wahr. Bloss die Hälfte der befragten weiblichen Spitzenkräfte nutzen diese Modelle, bei den Männern sind es knappe 25%.

Der Karriere-Killer
«Angst vor dem Karriere-Aus» vermutet Bain als Grund für dieses Phänomen. «Kollegen könnten denken, man wolle sich vor der Arbeit drücken», wie ein jüngerer Studienteilnehmer anführte. Dabei glaubt Bain den Nutzen von flexiblen Arbeitszeitmodellen nachweisen zu können. Werden gut umgesetzte Arbeitszeitmodelle akzeptiert, steige die Loyalität und die Arbeitszufriedenheit deutlich.

Fehlende Vorbilder
Grund sei häufig die fehlende Unterstützung durch das Top-Management eines Unternehmens. Die obersten Führungskräfte müssten deutlich hinter diesen Modellen stehen oder sie sogar vorleben. Nur dann würde sich die Akzeptanz einstellen.

Fromme Wünsche
Bis dahin dürfte es wohl noch ein weiter Weg sein. Häufig habe ich den Eindruck, dass ständige Bereitschaft und Verfügbarkeit Voraussetzung für die Karriere sind. Eine Teilzeitanstellung wird in vielen Unternehmen als Leistungsverweigerung interpretiert. Man fällt aus den High Potential-Pools raus und wird auch bei Beförderungen und Gehaltserhöhungen hintenan gestellt. Das lässt die Forderung von Bain & Company ein wenig unrealistisch erscheinen: Die Führungskräfte, die Teil des Problems sind, sollen nun der Lösung den Weg bereiten.

» Studie zu flexiblen Arbeitszeitmodellen von Bain & Company

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4 Kommentare

  1. tina
    schrieb am 11. Februar 2011 um 10:49 Uhr (#)

    Danke für diesen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Wie Sie schon sagen, Herr Mauch, die Voraussetzung für Karriere scheinen ständige Bereitschaft und Verfügbarkeit zu sein. Genau da sehe ich auch den Schwachpunkt. In deutschen Büros wird Quantität (=Anwesenheit) mit Qualität (=Arbeitsergebnisse) verwechselt. Nur weil ich lange im Büro bin, muss ich noch nicht viel geschafft haben – hier ein Schwätzchen mit den Kollegen, da im Internet nach News geschaut, bei Facebook mal eben kurz reingeschaut, privat telefoniert, gedanklich weit weg gebeamt… Diese Liste ließe sich beliebig erweitern. Und doch ist sie Realität. Gehe ich pünktlich, wird mir unterstellt, ich sei wohl nicht so fleißig und ambitioniert. Dabei teile ich mir meine Aufgaben ein und schaffe mehr als meine Kollegen. Das ich dann zum Feierabend im Kopf völlig fertig bin und gar nicht mehr aufnahmebereit, sieht man von außen leider nicht. Das Problem letztlich ist wie schon gesagt, dass eine lange Anwesenheit damit gleichgesetzt wird, dass man viel arbeitet und viel schafft.

  2. Christian
    schrieb am 11. Februar 2011 um 17:59 Uhr (#)

    @ tina – Da kann ich mich dir nur anschließen. So lange die Führungskräfte das auch so vorleben wird sich nichts ändern, oder sie müssen ein Klima schaffen in dem es Akzeptiert wird, aber das sehe ich nicht.
    Stay Focused.

  3. Patrick
    schrieb am 16. Februar 2011 um 15:25 Uhr (#)

    Die Krux an der ganzen Geschichte ist wahrscheinlich die, dass alle diese Führungskräfte selber auch mal unten angefangen haben und als Bürosklaven brav ihre Stunden absitzen mussten. Dass diese das selbe nun von ihren “Untertanen” erwarten ist die logische Schlussfolgerung, wie sollten sie es besser wissen? Frei nach dem Motto “da musste ich auch durch, also müsst ihr auch”.
    Aber es gibt ja durchaus Firmen, welche die neuen Modelle anwenden. Warum nicht über solche “best practices” berichten?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Mauch
      schrieb am 16. Februar 2011 um 15:44 Uhr (#)

      Danke für die Anregung – nehmen wir gerne auf.

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