Geld oder Leben:
Logisch, oder?

Ein Zwischenruf: Sylvia Frey Werlen, unsere Gastautorin, denkt über den Wert von Zeit und Geld nach.

Manchmal sage ich zu meinem Bruder, der Ökonom ist: «Deine Manager sind unlogisch. Sie haben zu viel Geld und zu wenig Zeit. Ich dachte, ein Homo Oeconomicus merkt, wenn er zu viel von einem Gut hat und zu wenig vom andern. Und rare Güter wie die Zeit sollten doch im Wert steigen. Dazu kommt, wie deine Untersuchungen zeigen, dass mehr Lohn noch lange nicht mehr Glück bringt. Sobald jemand mehr verdient, steigen automatisch die Ansprüche, die eigenen und die der Umgebung.»

Ich habe das selbst erlebt: Wenn ich früher eingeladen war, konnte ich für wenig Geld vom Blumenfeld einen prächtigen Strauss mitbringen. Als ich eine sehr gut bezahlte Stelle hatte, dachte ich: «Na es sollte schon ein Arrangement von einem eleganten Blumenladen sein.» Hatte ich vorher mein Essen mit Sachen der Billiglinie ergänzt, so griff ich nun automatisch zu den Selection-Produkten. Wo war am Ende des Monats nur mein Geld geblieben?

Vor Jahren habe ich realisiert, dass ich, wenn ich mein Auto verkaufe und es bei Bedarf bei der Nachbarin oder beim Carsharing-Dienst ausleihe, beträchtlich Geld sparen kann, im Monat etwa 500 Franken. Und ich habe gemerkt, dass mein Leben etwas ruhiger geworden ist. Bin ich vorher – zack – ins Auto gesessen, um am anderen Ende der Stadt rasch noch etwas zu holen vor dem Ladenschluss – und bin ich dann im Feierabendstau eingeklemmt gewesen, so kann ich das nun eh vergessen und mich in Ruhe aufs Sofa legen und die Zeitung lesen. Und ich merke: Ich bin ja morgen in der Nähe des Ladens.

Und wenn ich die nach dem Auszug der Kinder frei gewordenen zwei Mansarden untervermiete, dann gibt mir das pro Monat 1000 Franken. Und es bringt mir nun seit zehn Jahren spannende Kontakte mit jungen Leuten aus aller Welt. Und wenn ich meinen neuen schweren Spiegel aufhängen will, so ist jemand im Haus, der mir dabei helfen kann.

Ich habe herausgefunden, dass das ja geht: Meine Räume, das Auto, den Garten teilen. Dadurch kann ich mir eine Teilzeitstelle leisten. Zu erwachen und einen runden freien Tag vor mir zu haben – was für ein königliches Gut!

Logisch, oder?

Sylvia Frey Werlen lebt in Basel in der Schweiz und ist Autorin, Erwachsenenbildnerin und begleitet Menschen in Übergängen. Ihre Bücher publiziert sie im Karpfenverlag.

 

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4 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel. Außer den Wirtschaftswissenschaftlern glaubt doch eh keiner mehr an die Existenz des Homo oeconomicus, oder? Die Annahme vom Menschen als vernunftgesteuertes Wesen wird seit über 30 Jahren immer wieder wissenschaftlich widerlegt – nur die BWLer kriegen es nicht mit.

  2. Ein interessanter Beitrag von Frau Frey Werlen, danke. Leider ist es in unserer leistungsbezogenen Gesellschaft so, dass Zufriedenheit in der Regel immer eine Wechselwirkung mit Geld hat und es sehr schwer ist, aus diesem “Teufelskreis” auszubrechen. Und ein solches gelingt wohl nur aus einer gegebenen finanziellen Sicherheit heraus.

  3. Heinrich Böll hat einmal eine Geschichte über einen Manager beschrieben,dem sein Arzt dringend empfahl, für einige Wochen ans Meer zu fahren, auszuspannen und absolut nichts, aber auch nichts zu tun.
    Und genau diese Geschichte trifft wohl den Kern des Beitrages von Frau Frey Werlen über die Frage nach Zeit und Geld.
    Ich gebe diese Geschichte hier gerne einmal in Kurzform ein:
    Der Manager befolgte sein Rat, fuhr an Meer und mietete sich ein kleines Haus. Er schaffte es auch, für ein oder zwei Tage auszuspannen und sich nur mit der Ruhe zu beschäftigen, doch dann wurde er wieder so unruhig, dass er sein Haus verließ, er wollte irgend etwas tun. Als er nun zum Strand kam, sah er dort einen Fischer, der neben seinem Boot im Sand lag, sich von der Sonne streicheln ließ und die Augen geschlossen hatte. Er schien recht glücklich zu sein.
    Da sprach ihn der Manager an und sagte zu ihm: “Warum bist du heute Morgen nicht mit den anderen Fischern auf das Meer gefahren?” Der Fischer antwortete und es begann ein Gespräch: “Ich war schon draußen, habe zwei Fische geangelt und sie auf dem Markt verkauft.” “Nur zwei Fische?” “Ja, das genügt mir, mehr brauche ich nicht zum Leben.” Ja aber du könntest doch vielmehr Fische fangen, wenn du den ganzen Tag auf dem Meer bliebst.”
    Da wurde der Fischer nachdenklich und fragte den Manager: “Ja, aber was soll ich mit so vielen Fischen?”
    Im Kopf des Managers baute sich eine wunderbare Welt auf und es schien, als ob er wieder zu Hause wäre.
    “Ich werde es dir jetzt einmal erklären”, sagte er. “wenn du einige Jahre von Morgens bis Abends auf dem Meer bliebst, könntest du so viele Fische auf dem Markt verkaufen, dass du dir ein viel größeres und besseres Boot kaufen könntest. Und dann könntest du auch noch Nachts auf das Meer fahren und noch mehr Fische fangen. Dann hast du irgendwann einmal so viele Boote, die dir so viele Fische bringen, dass du in zehn oder zwanzig Jahren sehr reich bist. Und wenn du dies geschafft hast, dann könntest du den ganzen Tag am Strand liegen bleiben, nichts tun, und in der Sonne liegen”.
    Der Fischer schien ihn aber gar nicht begriffen zu haben. Er schaute ihn nachdenklich an und antwortete:
    “Aber das tue ich doch jetzt schon”.

  4. Leider hat die Autorin recht. In unserer Leistungsgesellschaft, in der Wohlstand am Wachstum des Bruttosozialoprodukts gemessen wird, haben Begriffe wie Freizeit, gesunde Umwelt und Freude an immateriellen Dingen scheinbar keinen Stellenwert mehr.

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