OhLife:
Ein Tagebuch, das funktioniert

OhLife ist ein webbasiertes Tagebuch, das ich nach einem Monat noch immer täglich nachführe: Es funktioniert!

OhLife

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OhLife ist simpel: Ich habe mich registriert und dafür E-Mail-Adresse und Passwort eingegeben. Anschliessend ist das erste E-Mail eingetroffen: Die Aufforderung, meine Gedanken zum Tag als Antwort-E-Mail zurückzuschicken. Abschicken und der erste Tagebucheintrag war drin.

Seither erhalte ich jeden Tag um acht Uhr abends ein E-Mail von OhLife mit der Bitte, das Mail zu beantworten. Jedes dieser E-Mail erhält ausserdem noch einen älteren Beitrag von mir – zur Erinnerung, sozusagen.

Einträge per E-Mail
Meine E-Mails – manche nur ein Wort lang, andere eher gegen eine A4-Seite Text – generieren mein Tagebuch auf OhLife. Chronologisch geordnet kann ich dort alle meine Tagebucheinträge ansehen und allenfalls editieren. Habe ich meinem E-Mail ein Foto angehängt, erscheint das Bild ebenfalls im entsprechenden Tageseintrag.

Kein Facebook, kein Twitter
Mein Tagebuch auf OhLife ist extrem unsozial: Ich kann die Einträge mit niemandem teilen, kein Facebook-Button und kein Tweet-Generator. Ich kann niemandem Zugang zu meinem Tagebuch gewähren und es auch nicht via eine iPhone App betrachten. Privacy wird hier hochgehalten. Die Website von OhLife selbst ist Abbild des simplen Ansatz: schön und minimalistisch gestaltet. Es gibt dort nur meine Tagebucheinträge.

Wieso es funktioniert
Ich würde seit Jahren gerne Tagebuch führen beziehungsweise einfach regelmässig ein paar Gedanken aufschreiben. Aber ich gebe zu: Länger als zwei Tage habe ich es selten geschafft. Mit OhLife bin ich jetzt seit einem Monat regelmässig dran – ohne Probleme. Ich vermute, es sind zwei Gründe, die den Unterschied machen:

  1. Die täglichen E-Mails sind «kleine Anstösse», meine Entscheidungen in die gewünschte Richtung zu lenken. Allerdings ohne mich zu bevormunden: Ich entscheide selbst, ob ich das E-Mail beantworte oder nicht. OhLife könnte also ein Hinweis sein, dass das von Richard Thaler und Cass Sunstein formulierte Prinzip der Nudges bzw. des Libertarian Paternalism funktioniert.
  2. Es ist mir freigelassen, wie lange meine Antwort ausfällt. Und ich habe mich schon dabei ertappt, dass ich lieber nur ein Wort reinschreibe als das E-Mail gar nicht beantworte. Das macht es mir sehr leicht, das Tagebuchführen zu einer regelmässigen Gewohnheit bzw. Routine zu machen.

Ebenfalls als wertvoll empfinde ich nach einem Monat das Feature, mit dem mir frühere Beiträge zum Lesen vorgelegt werden. Es hilft mir, mich an einzelne Dinge zu erinnern oder sogar Vorsätze wieder mal vor Augen zu führen. Ein täglicher Moment der Reflexion über Dinge, die mich vor einiger Zeit beschäftigt haben.

Privacy ernstgenommen
OhLife ist im Moment noch ein kostenloser webbasierter Dienst. Das heisst, es gelten die üblichen Einschränkungen. Die Privacy Policy von OhLife ist kurz und verständlich und sehr klar. Lösche ich mein Account, steht dort, würden auch alle Einträge dauerhaft gelöscht. Aber natürlich: Meine Daten liegen irgendwo auf einem Server unter der Kontrolle von irgendjemandem. Sollte man nicht vergessen.

Beschränkter Export
Die Einträge von OhLife lassen sich exportieren. Die Funktion generiert ein simples Textdokument im Rich Text-Format mit allen Einträgen. Weitergehende Features, etwa das Ausgabeformat zu wählen oder den zu exportierenden Zeitraum einzuschränken, gibt es nicht. Bilder werden auch nicht exportiert.

Zwei Seriengründer
OhLife ist ein Projekt von Reman Child und Shawn Gupta. Die beiden Gründer sind schon seit einigen Jahren im Geschäft und haben unter anderem die Webservices Expensr und Meetingmix aufgebaut. OhLife ist wie erwähnt kostenlos, allerdings können sich die Beiden auch vorstellen, bei entsprechender Nachfrage ein Freemium-Modell zu realisieren.

Ein Versuch wert
Die Einfachheit von OhLife hebt den Webservice wohltuend von vielen anderen Startups ab. Das Prinzip ist simpel, aber für mich sehr effektiv. OhLife hat geschafft, was ich bisher noch nicht hingekriegt habe. Es bleibt der Wermutstropfen, den viele Webservices mtibringen: Privacy, Datenhoheit und Fortführung des Services bleiben für mich immer etwas unklar. Insgesamt würde ich sagen: Wer bisher mit seinen Tagebuch-Vorhaben scheiterte, aber es noch nicht aufgeben will, sollte OhLife mal ausprobieren.

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Thomas Mauch

Thomas Mauch ist Mitglied der Geschäftsleitung des neuerdings.com-Verlags Blogwerk AG und interessiert sich für Gadgets. Oder so.

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22 Kommentare

  1. Hier wurde tatsächlich ein Dienst vorgestellt, der so ein Tagebuchführen auf einfache Art fordert. Buchschmerzen hätte ich nur bei der Frage, wie sich dieser Dienst finanziert? Aber auf kleiner Flamme gekocht wird das kein Problem sein.

    Allerdings würde ich davon träumen, die Infrastruktur zwar beizubehalten, die Datenablage aber auf einem meiner Computer vorzuhalten: Die Erinnerungsmails sind gut, die Maileditor-Variante und die einfache Möglichkeit, Bilder anzuhängen auch.

    Nehmen wir nun an, ich hätte statt die Daten im Internet abzulegen auf meinem PC ein Programm mit konfiguriertem eigenem Mailclient, dann wäre es möglich, Daten lokal zu halten, aber das Internet dennoch als Infrastruktur zu nutzen.

    Wie auch immer … eine gute Idee. Ich selbst bin allerdings kein Tagebuchschreiber, will auch keiner werden. Ich finde den Ansatz nur wirklich gut.

  2. Ich benutze dafür schon seit längerem 750words.com von Buster Benson, dem Macher von “Healthmonth”. Ähnlich simpel, aber über die wunderschön erstellten Statistiken, wenn man möchte, auch mit erhöhtem Mehrwert.

  3. “Mein Tagebuch auf OhLife ist extrem unsozial”
    Find ich gut :) Die Vorstellung der Seite liest sich ganz gut. Danke für den Hinweis.

  4. Mit 5 Zeilen Code koennte ich mir jeden Tag eine E-Mail zukommen lassen, welche mich erinnert und die Antwort landet auch direkt in meinem Postfach und kann gefiltert werden.
    Das Backup wird mit dem meiner normalen E-Mails erledigt und ich kann alles prima durchsuchen.
    Die Privatsphaerefrage beschraenkt sich dann nur noch auf meinen Mail-Anbieter, dem ich auch alle anderen Geheimnisse anvertraue.

    Zu einfach?

    • Überhaupt nicht zu einfach. Im Gegenteil, tönt spannend.

    • @loci: Wenn ich mir das so überlege: Wäre spannend, wenn wir diese 5 Codezeilen allen imgriff.com-Leserinnen und Lesern zur Verfügung stellen könnten. Was meinst Du?

    • Wirklich eine klasse Idee! Und um die technische Hürde zu senken, ließe sich das auch mit Nudgemail realisieren. Einfach die eigene Erinnerungsmail an daily@nudgemail.com senden, und schon bekommt man sie täglich zugestellt. Einziger Nachteil: Man kann dabei nicht einfach auf die Mail antworten, aber das lässt sich ja mit einem Link in der Mail lösen.

      Bis denn,
      Sven

  5. Die Applikation sollte es als Open Source zum selbst am Server installieren geben. Sie gefällt mir sehr gut. Einfach, simpel, nützlich, aber man weiss nei ob der Service nicht mal eingestellt wird, aus diesem Grund wäre ein Modell ala WordPress besser.

  6. Habe soeben 5’565 Zeichen in OhLife reingehämmert. Am ersten Tag also komplett overachieved, wenn ich das Wort hier so brauchen darf.

    Ich mag das unaufgeregte Konzept und die doch recht hübsche Darstellung. Gerade der Gedanke, dass meine Worte da irgendwo reinfliessen und (zwar automatisch) aufbereitet werden, gefällt mir. Darum wäre die E-Mail-Lösung nichts für mich. Das Anschauen des Geschriebenen auf der Website ist die kleine Belohnung, die ich brauche, damit es funktioniert. So vermute ich zumindest.

  7. Volltreffer. Wenn überhaupt, dann könnte es bei mir mit diesem Tool endlich mal mit dem Tagebuchschreiben klappen. Danke für den Tipp!

  8. Probiert mal http://www.penzu.com aus. Da gibts mehr Funktionen und eine ordentliche Verschlüsselung.

  9. Hab’s ausprobiert – ein sinnloses Spielzeug mehr. That’s all.

  10. Schön schlicht und gut anzusehen. Probiere ich auch aus. Und wenn es nur ein paar Zeilen pro Tag sind, das ist immer noch besser als nichts.

    Die 5 Zeilen Code von @loci fände ich allerdings auch prima. Oder die Idee, OhLife als Open Source auf dem eigenen Server zu haben. Man sieht ja an Diensten wie drop.io, wie schnell ein nützlicher Service verschwinden kann.

  11. Für ordnungsliebende Menschen finde ich das OhLife “Tagebuch” praktisch. Aber für mich geht dabei die Faszination eines wirklichen Tagebuchs verloren. Und ein solches sollte mit Hand geschrieben werden und das noch nach Möglichkeit in “schöner” und “sauberer” Schrift. Vielleicht gehöre ich aber auch zu den ganz konversativen Menschen.

    • für einen “ganz konservativen [sic!] Menschen” hast Du aber einen ganz schön provokativen nick … ;-)

  12. Ich werde es unbedingt ausprobieren. Erstens, weil ich bereits seit langem ein Tagebuch schreiben wollte, zweitens, weil Tools mit geschmackvollem Design einfach meine Schwäche sind. Vor Kurzem habe ich Paprika entdeckt , seitdem nutze ich es täglich für meine To-Do-Listen…

  13. Danke für diesen wirklich supertollen Tipp!
    So viele wie noch nie bisher in meinem vergangenen Leben, nämlich 67 aufeinanderfolgende Einträge, lese ich für mich heute in meiner heimlichen Tagebuch-Ecke.

    Jeden Tag begeistert mich die Aufforderungs-Mail
    It’s Saturday, Feb 26 – How did your day go?
    mit einem Zufallseintrag aus meinen Einträgen:
    Ich bin jedesmal erstaunt und erfreut über das, was ich so alles erleben durfte und dazu verzapft habe.
    Heute bekomme zum Beispiel ich die kryptische Nachricht:
    Festung mit Frau Försch auf kalten Füßen mit erhabenem Blick
    und lasse meine Erinnerungen tanzen bevor ich mich meinem Heute widme.

    • Hi Camille. Danke für das Feedback, das freut mich. Und ja, ich bin erstaunlicherweise auch immer noch dran. Viele Grüsse und schönes Wochenende, Thomas

  14. Falls einer an Ohlife Interesse hat und mir die Möglichkeit ermöglichen will auch Fotos hochzuladen, bitte hier entlang: http://ohlife.com/r/55w7v5g

    Vielen Dank.

  15. Ein wirklich klasse Tool.
    Mit dieser taeglichen E-Mail wird der innere Schweinehund bekämpft,der sich sonst schon nach ein paar Tagen einstellt. Gemeint ist die Trödelei, und Faulheit.
    Hoffe nur, dass die mühsam verfassten Texte nicht irgendwann im Nirwana des Webs verschwinden, und mache mir deshalb Kopien der Seiten.

  16. …es heißt “DIE Email”

  17. Ich fühle mich beachtet, so als ob jemand sich wirklich für mich interessiert, was bei mir passiert. Ich weiß zwar, daß es automatisiert ist aber das ist mir egal. Mir reicht es, wenn jeden Tag jemand (oder etwas, eine Maschine) fragt, wie es mir geht.

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  2. [...] täglichen Mail warten will.The Birdy nutzt den gleichen Mechanismus wie das Tagebuch von OhLife. OhLife nutze ich immer noch einigermassen diszipliniert, ich bin gespannt, wie sich mein [...]

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