Kreativität:
Was Kopfarbeiter von Songwritern lernen können

Jedes Jahr im Februar tun sich Musiker aus aller Welt zu einem wahnwitzigen Unterfangen zusammen: Jeder von ihnen schreibt innerhalb des Monats Februar 14 Songs. Können Kopfarbeiter, die keine Künstler sind, sich von ihnen etwas abschauen?

February Album Writing Month, kurz «FAWM», heißt das Projekt, das seit 2005 stattfindet, und bei dem die Musiker in nur vier Wochen so viele Songs schreiben, wie ein durchschnittliches Album enthält. Dieses Jahr haben drei meiner musizierenden Freunde am FAWM teilgenommen und mich mit den Entwürfen, die sie in dieser kurzen Zeit veröffentlichten, überrascht. Ein ähnliches Projekt, der NaNoWriMo – kurz für «National Novel Writing Month», findet seit 1999 immer im November statt und hatte letztes Jahr 170.000 Teilnehmer. Sein Ziel ist ähnlich gelagert wie das des FAWM: Jeder Teilnehmer schreibt innerhalb des Monats November einen Roman, der mindestens 50.000 Worte lang ist.

Warum setzt sich ein geistig gesunder Mensch diesem extremen Zeitdruck aus – wo doch der gewöhnlichen Erfahrung zufolge (Zeit-)Druck eher Gift für die Kreativität ist? Auf der Homepage des NaNoWriMo findet sich dafür eine, wie ich meine, gute Erklärung:

«Dank des begrenzten Zeitfensters ist bei NaNoWriMo NUR die täglich geschriebene Menge wichtig. Hier geht es um Quantität statt Qualität. Der selbstmordverdächtige Ansatz zwingt Sie, Ihre Erwartungen zu verringern, Risiken einzugehen und wie im Flug zu schreiben.
Missverstehen Sie hier nichts: Sie werden viel Mist schreiben. Und das ist gut so. Indem Sie sich dazu zwingen, derart intensiv zu schreiben, erlauben Sie sich Fehler. Sie erlauben sich, auf das Herumpuzzeln und Überarbeiten zu verzichten und einfach nur einen Text zu erschaffen. Zu errichten, ohne zu zerstören.» (Von der Unterseite «Was ist NaNoWriMo»)

Zu diesem Zeitdruck, dem bewussten Ausschalten der Selbstzensur und dem Mut zum Unperfekten kommt beim FAWM eine ausgesprochene Kultur der kreativen Zusammenarbeit. Schreiben etwa zwei Musiker zusammen einen Song, «zählt» er bei beiden; Texte von anderen Teilnehmern (auch bereits vertonte) zu vertonen oder Motive von anderen aufzugreifen, ist erwünscht.

Was können Kopfarbeiter sich von NaNoWriMo und FAWM abschauen?

Können Wissensarbeiter, die im gewöhnlichen Büro- und Unternehmensumfeld tätig sind, von diesen beiden künstlerischen Wettbewerben etwas lernen? Ich meine: Zumindest für das Brainstorming stecken im NaNoWriMo und mehr noch im FAWM einige Mechanismen, die wir uns zu eigen machen können.

  • Zeitdruck als Hilfsmittel, um den Perfektionsanspruch im Stadium des Rohmaterial-Produzierens auszuschalten. (Auch wenn Jochen Mai der Ansicht ist, dass Brainstormings nicht zu kurz gewählt werden sollten: Gute Ideen tauchten erst nach einer gewissen Zeit des Warmlaufens auf.)
  • Zusammenarbeit – mit wertschätzender Haltung und gegenseitiger Ermutigung.
  • Das Bewerten von Ideen auf später verschieben. In den FAWM-FAQ wird geraten, besser einen Song, den man nicht so toll findet, einfach so unperfekt, wie er ist, auf der Homepage zu veröffentlichen und mit der nächsten Idee weiterzumachen – es findet sich darin später vielleicht etwas, was man weiterverwenden will. Das heißt auch: Risiken eingehen, Fehler erlauben, sich erlauben, dass man auch unbrauchbare Ideen produziert – nur auf diese Weise kommt man zu neuartigen Ideen.
  • Die Masse macht’s: Viel Rohmaterial produzieren. Das ermöglicht (unter anderem), einen Flow-Zustand erreichen, in dem man «wie im Flug» und ohne Selbstzensur Ideen produziert.
  • Ideen von anderen aufgreifen und weiterspinnen (siehe oben).
  • Anstöße geben und suchen: Bei FAWM gibt es wöchentliche «Challenges», Vorgaben, die einen anregen, bestimmte musikalische Mittel (z.B. einen 5/4-Takt, Taktwechsel, eine besondere Instrumentierung) zu verwenden, einen Song über ein bestimmtes Thema zu schreiben (dieses Jahr etwa «Berufe» oder «unbelebte Objekte») oder rhetorische Stilmittel zu gebrauchen (z.B. Metonymie). Alle diese «Challenges» sind freiwillg.
  • Das «Rohmaterial» als etwas unfertiges wahrnehmen, das erst in weiteren Arbeitsschritten zum fertigen Produkt verarbeitet wird. So soll beim FAWM kein fertig produziertes Album entstehen, sondern «rohe», schnell aufgenommene Demos; was zählt, ist nicht die Umsetzung (auch nicht virtuose Gitarrenkünste), sondern die Idee.

Rohmaterial muss verarbeitet werden

Die obige Liste befasst sich nur mit einer bestimmten Phase des Schaffensprozesses, dem Sammeln von Ideen und dem Erzeugen von Rohmaterial. Der «Trick» an FAWM und NaNoWriMo ist meines Erachtens die Sicherheit, dass man das «wie im Flug», unter zeitweisem Ausschalten des inneren Kritikers Produzierte hinterher nicht als fertiges Werk präsentieren muss, dass man es vielleicht gar nicht weiterverwendet; und wenn es verwendet wird, überarbeitet man es garantiert.

Nach der Phase des Brainstormings sollte sich eine Phase anschließen, in der das Material bearbeitet wird: sei das, wie im Fall des Romanautors beim NaNoWriMo, dass man sich konzentriert dem notwendigen, aber aufgeschobenen In-Form-Feilen und Glätten widmet, sei es, dass man als Musiker ins Studio geht und die während des FAWM hingeworfenen Songideen zu fertigen Stücken arrangiert, oder dass man als Büroarbeiter am Ende des Brainstormings mit den Kollegen die entstandenen Ideen bewertet, sie auf Umsetzbarkeit prüft und festlegt, wer als nächstes welchen Schritt erledigt.

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1 Kommentar

  1. Tino
    schrieb am 28. März 2010 um 16:44 Uhr (#)

    Ein interessanter Gedanke. In der Tat ist die Ausgangssituation vergleichbar mit dem Alltag in vielen Unternehmen, nämlich eine Aufgabe bzw. ein Problem unter hohem Zeitdruck zu lösen, und noch keine Ahnung zu haben wie. Grundsätzlich gilt meiner Meinung nach : “Je mehr Zeit du hast, desto mehr brauchst du auch”. Wenn man daher eine Organisation weiterbringen will ist daher ein gewisses Maß an Zeitdruck sinnvoll. Die geschilderte Vorgehensweise hat ein großes Erfolgspotential. Ich habe erlebt, dass ähnliche Ansätze bei Projekten mit knappen Zeitfenster durchaus vernünftige Lösungen ergaben. Wichtige Voraussetzung ist dabei allerdings der 2.te Punkt:
    “Gute Zusammenarbeit bei gegenseitiger Wertschätzung und Ermutigung.”

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