Kreativität:
Stolpersteine auf dem Weg
zu neuen Ideen

Kreativität ist lernbar, sagt der Kreativitätstrainer und Innovationsberater Jiri Scherer. Trotzdem halten sich viele Leute für unkreativ. Jiri erklärt die häufigsten Kreativitätsbarrieren, die er in der Praxis sieht. Außerdem: Eine Fotostrecke zeigt, was passiert, wenn man alltägliche Dinge neu denkt.

Jiri, was ist Kreativität für Dich?
Kreativität kann man sehr unterschiedlich verstehen. Es gibt die künstlerische Kreativität: Ein Maler, der ein Bild malt oder ein Bildhauer, der etwas aus einem Granitblock rausmeisselt. Auf der anderen Seite gibt es die Business-Kreativität. Da geht es darum, mit unterschiedlichen Methoden Ideen für neue Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse zu finden. Wir beschäftigen uns ausschliesslich mit Business-Kreativität.

Viele Leute finden es schwierig, kreative Lösungen zu produzieren. Was sind die häufigsten Kreativitätsbarrieren, die Du antriffst?
Ich sehe vor allem drei Barrieren, die uns hindern, auf kreative Lösungen zu kommen:

  1. Die erste ist die Suche nach einer Lösung. Die meisten Menschen hören auf zu suchen, sobald sie eine gangbare Lösung gefunden haben. Dabei gibt es meist mehrere Wege, etwas zu tun.
  2. Die zweite Barriere ist Angst. Angst, etwas Neues zu wagen oder schlichtweg Angst vor Ablehnung.
  3. Als dritte Barriere sehe ich die Selbstwahrnehmung vieler Leute. Sie denken, sie seien nicht kreativ, dass Kreativität etwas Gottgegebenes und nicht lernbar sei. Da bin ich ganz anderer Meinung!

‚Ich bin nicht kreativ‘ ist ein häufig anzutreffender Glaubenssatz. Was steckt dahinter?
Viele denken, dass nur bestimmte Berufsgruppen kreativ sind. Es stimmt, es gibt kreativere und weniger kreative Menschen. Man kann aber die kreative Denkfertigkeit lernen und verbessern. Fast jede Fähigkeit ist lern- und verbesserbar. Auch das kreative Denken!

Was passiert, wenn man alltägliche Dinge neu betrachtet? ‚Umdenken’ war die Maxime eines Projekts des Schweizer atelier v., bei dem so amüsante wie praktische Erfindungen herauskamen – zu sehen in unserer Bildergalerie:

Umdenken: Alltagserfindungen, auf die wir gewartet haben.
Fotostrecke starten: Klick auf ein Bild (11 Bilder)

Du hast Angst erwähnt. Vor was genau haben wir denn Angst?
Wir haben Angst vor Ablehnung. Wer etwas Provokatives oder Neues sagt, kann kritisiert werden. Kritik ist sehr einfach, man kann alles kritisieren. Ich bin sicher, dass es mehr Gehirnleistung braucht, das Positive eines Vorschlags zu sehen als das Negative. Etwas Innovatives zu tun braucht Mut, zum Teil sogar sehr viel Mut.

Was kann man dagegen tun, dass wir die Suche häufig beenden, sobald wir eine halbwegs passende Lösung gefunden haben?
Einstein wurde gefragt, was ihn von normalen Menschen unterscheidet: “Wenn jemand nach der Nadel im Heuhaufen sucht, hört er auf zu suchen, sobald er die Nadel gefunden hat. Ich hingegen schichte den Heuhaufen so oft um, bis ich alle darin versteckten Nadeln gefunden habe.” Dieses Zitat trifft den Punkt. Was man dagegen tun kann? Das Wichtigste ist zu wissen, dass es immer mehrere Lösungsmöglichkeiten gibt, ausser vielleicht in der Mathematik.

Du beschäftigst Dich den ganzen Tag mit Kreativität. Hast Du eine bestimmte Vorgehensweise, wenn neue Lösungen her müssen?
Ich arbeite mit unterschiedlichen Kreativitätsmethoden, die einen Schritt weiter gehen als ein unstrukturiertes Brainstorming. Interessant ist, dass die meisten Leute nur gerade Brainstorming und Mind Mapping kennen. Dabei gibt es etwa 25 weitere Methoden, um den Ideen auf die Sprünge zu helfen. Ich persönlich arbeite gerne mit der visuellen Synektik, der Bildstimulation. Eine simple Methode: Ich habe eine Fragestellung wie „Was schenke ich meiner Schwiegermutter zum 70. Geburtstag?“. Dazu nehme ich ein Magazin, etwa den Stern, ein Reisemagazin oder eine Cosmopolitan, blättere es durch und lasse mich von den Bildern inspirieren. Auf welche Ideen komme ich, wenn ich ein Flugzeug, eine Hundefutterwerbung, einen Käse oder ein Motorrad sehe? Man versucht, eine Verbindung zwischen der Fragestellung und den Bildern herzustellen. Und die Verbindung ist die Idee.

Bist Du selbst ab und zu unkreativ und ideenlos?
Absolut. Es ist auch nicht so, dass ich die neuen Ideen bringe. Ich arbeite als Ideenkatalysator und leite eine Gruppe an, auf neue Ideen zu kommen. Ich bin überzeugt, dass die Leute Ideen eher umsetzen, wenn sie selbst drauf gekommen sind.

Zum Schluss: Was können unsere Leserinnen und Leser nun Kreatives mit diesem Artikel anstellen?
Ganz nach dem Zitat von Linus Pauling: “The best way to have a good idea is to have a lot of ideas.”

  • Ausdrucken und einen Papierflieger daraus machen.
  • Mit Babel Fish den Text auf Spanisch, dann auf Englisch und wieder zurück auf Deutsch übersetzen und sehen was rauskommt.
  • Nach dem Lesen eine Pause machen und sich überlegen, wo es gut wäre mal eine neue Idee zu suchen.
  • Eure Antwort ……………?

Haben wir etwas vergessen zu fragen? Jiri wird Eure Fragen in den Kommentaren beantworten. Wer etwas wissen möchte oder eine weitere Antwort zur Verwendung des Artikels hat – wir freuen uns, von Euch zu lesen.

Jiri Scherer ist Mitinhaber der Denkmotor GmbH in Zürich. Der Kreativitätsberater und Innovationstrainer setzt sich seit fast zehn Jahren mit Kreativität auseinander. Sein neues Buch Innovationsmanagement – ein Leitfaden für Praktiker (Affiliate-Link) erscheint in diesen Tagen.

Das atelier v produziert grafische Ideen für Raum und Medien. Die Grafik-Designer aus dem Kanton Bern lassen ihrer Kreativität immer wieder freien Lauf: Neben ‚umdenken’ präsentieren sie Erfindungen in den Projekten ‘entdenken’ und ‘lowtech’.

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2 Kommentare

  1. Joachim
    schrieb am 15. Oktober 2009 um 19:42 Uhr (#)

    Hey,

    ich arbeite in einer Werbeagentur in Kassel und finde den Artikel sehr hilfreich. Ich kann den Autor nur unterstützen in seinen Ideen. Viele Leute die in einer Agentur frisch angefangen haben denken Sie sind nicht kreativ oder haben einfach Angst etwas neues zu sagen/denken. Man kann oder muss sogar Kreativität erst erlernen. Viele Menschen wissen denke ich ersteinmal nicht was Kreativität ist. Geschweige denn wo sie selbst schon lange kreativ sind.

    Kreativität heißt nicht immer aus einem weißen Blatt eine Mona-Lisa zu zaubern. Es kann so vieles sein, die Kombination von zwei Dingen die etwas neues ergeben, Transferleistungen und vieles mehr.

    Gibt es eine gute Quelle (die nicht Wikipedia ist ;) auf der verschiedene Kreativitätstechniken vorgestellt und analysiert werden? Etwa ein Blog, vielleicht sogar der vom Autor ;) ?

  2. Jiri
    schrieb am 16. Oktober 2009 um 10:52 Uhr (#)

    Hallo Joachim

    Hier findest du eine gute Sammlung von Kreativitätsmethoden: http://www.kreativ-sein.de/k/t/techniken.html

    Auf unserer Website wird in rund 4-6 Wochen auch eine ganze Sammlung von Methoden bereitstehen: http://www.denkmotor.com/kreativitaetstechniken/

    Und sonst kann ich dir natürlich unser Buch “Kreativitätstechniken” empfehlen:) http://amazon.de/Kreativi…55683082&sr=8-1

    Gruss Jiri

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