Besser lernen:
Supergedächtnis mit der Lernkartei

Thomas Mauch, 19. September 2009 11:00 Uhr, 10 Kommentare Kommentare

Lernkarteien sind ein bewährtes Instrument, um Faktenwissen zu büffeln. Cobocards will das Prinzip revolutionieren – kollaboratives Lernen ist angesagt. Wir haben uns die deutsche Online-Lernkartei und Alternativen dazu angeschaut, darunter eine Applikation basierend auf einem Schuhkarton-Framework.

Lernkarteien im Überblick
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Repetitio est mater studiorum

Lernkartei nach Sebastian Leitner
Lernkartei nach Sebastian Leitner
Der österreichische Publizist Sebastian Leitner hat die Lernkartei (bei Wikipedia) in den 70er Jahren mit seinem Buch « So lernt man lernen (Affiliate-Link) » populär gemacht. Auf einer Karte wird ein Stichwort notiert, eine Vokabel etwa, auf die Rückseite kommt die Lösung. Alle Karten werden durchgearbeitet und in einen Karteikasten abgelegt. Richtig gelöste Aufgaben kommen zuhinterst in den Kasten und werden erst in einigen Tagen wiederholt. Nicht Gewusstes legt man weiter vorne ab und lernt es früher wieder. Die Vorteile: Durch Wiederholen verbessert sich die Lernleistung. Gleichzeitig verringert sich der Aufwand, da erfolgreich Gelerntes seltener wiederholt wird. Heute existieren digitale Versionen dieser Lernkästen, zwei davon stellen wir Euch vor:

Cobocards: Kollaboratives Lernen

Cobocards aus Aachen
Cobocards aus Aachen
Ein Startup aus Aachen bringt die Lernkartei ins Internet. Auf Cobocards.com kann man kostenlos einen Account eröffnen und seine eigenen Kartensets anlegen. Zum Lernen werden die Karten vorgelegt, man beantwortet sie und bewertet seine Antwort. Cobocards stoppt die Zeit und merkt sich den Lernerfolg. Beim nächsten Mal habe ich die Möglichkeit, nur die «nicht gewussten» Karten zu lernen. Cobocards ist extrem simpel zu bedienen. In ein paar Sekunden war ich als Nutzer registriert, nach drei Blicken habe ich die Funktionsweise kapiert, und mit vier Klicks konnte ich die Anwendung nutzen.

Klebeanleitung inklusive
Cobocards bietet noch mehr: Nämlich die Möglichkeit, Kartensets in einer Gruppe zu erstellen und gemeinsam zu lernen. Es gibt Team- und Chatfunktionen; erstellte Kartensets können publiziert und von anderen Nutzern verwendet werden. Auch der LaTex-Editor für wissenschaftliche Formeln u.ä. wird eingesetzt. Die Karten können auf Papier ausgedruckt werden, Schnitt- und Klebeanleitungen sind vorhanden. Andere Exportmöglichkeiten bestehen jedoch nicht.

Die Alternative: Anki

Anki aus Japan
Anki aus Japan
Anki ist ebenfalls eine digitale Lernkartei. Das Programm gibt es für alle Plattformen inklusive Palm und iPhone. Anki ist ein Freeware-Klon von Supermemo, dem meistverbreiteten Lernprogramm. Supermemo wurde in den 1990ern vom Polen Piotr Wozniak programmiert. Wozniak hat eine Leidenschaft: Den definitiven Memorisierungs-Algorithmus zu finden. Die Wissenschaft weiß nämlich, wann man neu Gelerntes am besten wiederholt: Kurz bevor man es wieder vergisst. Das Problem ist, diesen Moment zu identifizieren. Der dürfte bei jedem Menschen an einem anderen Punkt liegen.

Algorithmen des Gehirns
Wozniak protokolliert sein eigenes Lernen und Leben seit Jahrzehnten, mit dem Ziel, das Muster zu erkennen und seine Software zu verbessern. Ein spannendes Portrait von ihm ist 2008 bei Wired erschienen. Das heißt, Supermemo und auch Anki bieten ein zusätzliches Features: Das Programm kennt die optimale Zeitdauer bis zur nächsten Wiederholung und legt mir die Karten dann automatisch wieder vor. Ob die Algorithmen allerdings stimmen, weiß niemand. Deshalb lassen sich die Intervalle manuell vom Nutzer übersteuern.

Mehr Features bei Anki
Anki wird seit rund 6 Jahren weiterentwickelt. Entsprechend bietet es mehr Features als Cobocards, etwa die Audioausgabe für das Vokabeltraining oder ausgeklügelte Statistiken zum eigenen Lernverhalten. Verschiedene Exportoptionen sind vorhanden, eine kostenlose, serverbasierte Version namens Anki Online erlaubt das Synchronisieren der Kartensets auf mehreren Computern und das ortsunabhängige Nutzen der Applikation. Eigene Kartensets können veröffentlicht werden beziehungsweise kann man auch die Kartensets anderer Nutzer verwenden.

Die Qual der Wahl

Lernkartei am Schlüsselring
Lernkartei am Schlüsselring
Zur entscheidenden Frage: Was soll ich nutzen? Cobocards hat die Einfachheit im Auge. Die Applikation ist simpel und sehr leicht zu erlernen. Einige Funktionen fehlen noch, alles Notwendige ist aber mit an Bord. Wem die eigene Datenhoheit wichtig ist, greift zu Freeware wie Anki. Der Einstiegsaufwand ist höher, dafür wird der Nutzer mit mehr Funktionen belohnt. Die Daten werden lokal gespeichert. Sollten bei dem Software-Lieferanten mal die Lichter ausgehen, stört das nicht. Der Papier- und Bleistift-Fraktion schließlich bietet Werner Stangl eine detaillierte Anleitung für einen analogen Karteikasten – nicht mit Java progammiert, sondern aus einem Schuhkarton hergestellt. Alternativ dazu kommt aus Japan die Schlüsselring-Lernkartei; das Konzept kennen GTD-Junkies vom Hipster PDA.

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10 Kommentare

  1. Laura
    schrieb am 19. September 2009 um 13:06 Uhr (#)

    Was ich noch sehr nett finde und auch schon gut genutzt habe: Mental Case für den Mac und die dazugehörige iPhone-Version. Somit lassen sich dann auch die Lernerfolge, die unterwegs erzielt wurden, super synchronisieren.
    Zudem kann man auch Karteikarten z.B. von http://www.flashcardexchange.com/ importieren. Mittlerweile gibt es dort auch eine ganze Reihe deutsche Karteien.

    Am besten wären natürlich eine Kombination aus allen Features. ;-)

    P.S.: Die Schlüsselringe gibt es übrigens in Deutschland bei Muji.

  2. Markus
    schrieb am 19. September 2009 um 14:13 Uhr (#)

    Ich finde es besonders beeindruckend, dass auch heute nach einigen Jahrzehnten immer noch das Modell von Leitner im Grunde genommen hinter allen erfolgreichen (Auswendig-)Lernmodellen steht. Zwar wird das Modell immer mal angepasst, was die Anzahl der Fächer angeht, oder wie nicht gewusste Begriffe weiter behandelt werden, aber das Grundprinzip ist immer das gleiche.
    Alles andere, ob elektronische Karten oder aus Papier sind meiner Meinung nach lediglich persönliche Präferenzen und machen eventuelle einen Unterschied im Aufwand aus.
    Wobei man nicht vergessen sollte, wenn die Karten am PC statt handschriftlich erstellt werden, geht auch ein wichtiger Lernschritt verloren. Mir zumindest ging es immer so, wenn ich mir manuelle “Spickzettel” oder Zusammenfassungen erstellt habe, ist bei mir wesentlich mehr bereits hängen geblieben, als bei der Nutzung der Tastatur.
    Auf jeden Fall vielen Dank für diese schöne Übersicht.

  3. Roland
    schrieb am 19. September 2009 um 22:40 Uhr (#)

    Ich will noch http://mindpicnic.de ins Spiel bringen. Server leider leicht überlastet, dafür werden die Karteikarten nach der Gedächtniskurve vorgelegt.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Mauch
    schrieb am 20. September 2009 um 21:06 Uhr (#)

    Danke für die Hinweise!

    @Laura: Das Tragische ist ja, dass es Muji bei uns in der Schweiz nicht gibt!!

    @Markus: Ähnliche Bedenken habe ich bei dem ‘kollaborativen’ Ansatz – wenn also die Karten von anderen Leuten verwendet werden. Da geht m.E. auch der Lernschritt des Lesens, Verstehens und Zusammenfassens verloren.

  5. Markus
    schrieb am 20. September 2009 um 22:07 Uhr (#)

    @Thomas: Ja, diese Gefahr sehe ich auch und sogar in noch verstärktem Maße, als wenn man “nur” am PC die Sachen, aber immerhin selbst, eintippt.

    Ein Vorteil könnte aber sein, wenn ein Austausch über die Inhalte stattfindet und die Karten nicht nur von anderen verwendet, sondern gemeinsam (weiter) entwickelt werden. Durch die Beschäftigung mit den Inhalten würden sich diese ggf. dann sogar besonders gut einprägen.

  6. Michael Logies
    schrieb am 20. September 2009 um 23:12 Uhr (#)

    Mnemosyne fehlt (open source, Windows, Mac, Linux, benutzt einen Supermemo-Algorithmus).

  7. Thomas Freitag
    schrieb am 22. September 2009 um 08:52 Uhr (#)

    Warnung! Auswendiglernen kann Deine Entwicklung verhindern.
    Im Ernst: Im Zeitalter der ersten Macs habe ich selber als Student hunderte von Lernkarten angelegt und bin bei der Zwischenprüfung glatt durchgesegelt. Und dabei hatte es jede Karte “in den Himmel” geschafft, spricht ich kannte sie alle auswendig.
    War wirklich hilft ist nicht Technologie, sondern Disziplin im Synthese bilden – was bedeutet das für mich? Warum ist das wichtig? etc. Hier helfen beispielsweise MindMaps deutlich mehr als vermeintlich verstandener (da auswendig gelernter) Stoff.
    Dank MindMaps habe ich dann das Liz locker gemeistert.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Thomas Mauch
    schrieb am 22. September 2009 um 10:34 Uhr (#)

    @Thomas: Finde ich einen sehr guten Einwand – die Frage, welches Werkzeug eignet sich für welchen Zweck. Eine Lernkartei hilft beim Auswendiglernen. Punkt. Sie hilft nicht beim Verstehen, ich entwickle mit ihr kein Handlungswissen und keine Kompetenzen. Das muss man wissen, wenn man damit arbeitet. Also sehe ich ungefähr drei Einsatzmöglichkeiten:
    1. Ich lerne auf eine Prüfung, bei der ich wirklich pures Faktenwissen widergeben muss: Nenne alle Bundesländer Deutschlands.
    2. Ich pauke Vokabeln für eine Fremdsprache.
    3. Ich bereite mich auf meinen Auftritt in ‘Wetten dass’ vor.

    Aber selbst hier gilt: Vermutlich gibt es a) noch andere Methoden, die das auch können (Florian verweist etwa hier auf Mnemotechniken) und b) muss ich es mit anderen Methoden kombinieren.

  9. Ralf
    schrieb am 22. September 2009 um 19:49 Uhr (#)

    @Thomas (beide ;-): Gute Punkte, die den wichtigen Unterschied zwischen (Auswendig-)Lernen (=Wissen) und Können betreffen. Herkömmliche Karteikarten wurden erfunden, um primitive Daten abzuspeichern. Die vielzitierte Vergessenkurve von Ebbinghaus bezog sich auf Zufallszahlen. Leider versuchen viele Leute heute immer noch Vokabeln wie Telefonnummern zu lernen, was zwar (kurzfristig) für den Vokabeltest helfen mag, zum Lernen einer Sprache aber Unsinn ist. Ziel sollte Können sein, also Fähigkeit, nicht abgespeichertes Wissen. Das setzt aber ein vernetztes Lernen voraus, bei dem man eine Vielzahl von Dingen verbindet (etwa Vokabeln, Grammatikregeln, spezielle Ausdrucksweisen etc.)

    Wir haben deshalb eine Lernplattform entwickelt, die diese Schwächen überwinden soll: planet-tmx basiert zwar auf dem Karteikartensystem, verbindet das aber mit einer Vielzahl von Aufgabentypen wie Lückentexten, Multiple-Choice, Diktaten oder Gleichungen und erlaubt es dadurch, Sprachen und andere Gebiete umfassend zu lernen, also beispielsweise Grammatik, Aussprache etc.

    Für Vokabeln haben wir aber einen speziellen Vokabeltrainer integriert, der Synonyme, Definitionen, Lautschrift, Beispielsätze, Bilder etc. so unterstützt, dass eine einzelne Vokabel auf bis zu 10 oder mehr verschiedene Varianten abgefragt wird. Von dem Karteikasten bleibt also in erster Linie der Abfragemechanismus, nicht aber das Statische herkömmlicher Karten, bei denen Frage und Antwort immer gleich aussieht. Damit zwingen wir den Benutzer, jedesmal neu nachzudenken und die Vokabeln neu zu assoziieren. Das ist zwar etwas ungemütlicher als einfach nur Wortpaare in Form von A=B wiederzukäuen, lohnt sich aber…

  10. Beyin
    schrieb am 22. Februar 2010 um 12:59 Uhr (#)

    Von CoboCards gibt es jetzt eine Version fürs iPhone/iPod und eine Pro-Version mit Leitner-Algorithmus.

    Spannend!

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