Evernote:
Erfolgreich gegen Goliath Google

Gregor Gross, 7. August 2009 13:20 Uhr, 14 Kommentare Kommentare

Evernote ist in kurzer Zeit zu einem extrem populären Online-Tool für Notizen aller Art geworden. Dahinter steckt eine kleine Firma, die sich mit ihrer Idee gegen das Web-Schwergewicht Google behaupten musste. Wie hat sich Evernote durchsetzen können?

Evernote hilft seinen Nutzern, Notizen und Dokumente online zu sammeln. Ivan hat bereits vor einem Dreivierteljahr Evernote ausführlich vorgestellt, und es ist eines der meistgenannten Tools, die unsere Leser zum Organisieren ihrer Aufgaben verwenden. Interessant ist aber nicht nur, auf welche Art und Weise man Evernote nutzen kann, sondern auch, wie es entstanden ist. Darüber berichtete Ende März 2009 ein Artikel in der Financial Times.

Einige Wochen vorher habe ich auf meinem privaten Blog «Denkpass» darüber geschrieben, wie Google die kollektive Intelligenz seiner Mitarbeiter nutzt, um ständig neue Innovationen zu liefern. Am Beispiel von Evernote sieht man, dass Google zwar sehr innovativ ist, dass jedoch Größe auch verbunden mit vielen Innovationen trotzdem nicht immer zum Sieg reicht.

Der Riese steigt in den Ring

Als Google seinen Bookmarking- und Notizensammelservice «Google Notebook» startete, sah man bei Evernote das Ende kommen:

«Unsere Befürchtung war, dass Google nichts falsch machen werde, dass ihr Service unangreifbar gut und alles, was sie tun, perfekt sein werde.» (Evernote-Chef Phil Libin in der Financial Times)

Während Evernote aber immer weiter an seinem Dienst arbeitete, wurde das Google-Produkt nur sporadisch verbessert. Dies mag damit zusammen hängen, dass bei Google die Mitarbeiter sehr viel Freiheit haben und sich die Projekte, an denen sie arbeiten, zum Teil selbständig aussuchen dürfen; vielleicht hat Google Notebook intern nicht genügend intellektuelle Fähigkeiten angezogen, um sich gegen Evernote durchzusetzen. Anfang 2009 jedenfalls kündigte Google an, die Arbeit an seinem Tool einzustellen – und Evernote reagierte schnell und bot wenig später eine Lösung an, Daten aus Google Notebook zu importieren.

Antisozial, aber belesen

Die Evernote-Macher hatten also zwei Vorteile eines kleinen Unternehmens: Sie konnten sich ihrem einen Produkt widmen, das nicht hinter womöglich profitträchtigeren anderen Produkten im selben Haus zurückstecken musste; und sie konnten rasch reagieren, als der größere Konkurrent eine Schwäche bot.

Noch drei weitere wesentliche Gründe für den Erfolg werden in der Financial Times genannt:

  • Ein Feature, dessen Nutzen jeder sofort versteht, und das besonders überzeugend funktioniert: Evernote ist sehr gut darin, Schrift zu erkennen und in Notizen umzuwandeln. So kann man etwa Präsentationen oder Visitenkarten fotografieren, das Tool kann die Inhalte «lesen».
  • Schwimmen gegen den Strom: «Als wir mit Evernote begannen», sagt Phil Libin, «war alles andere da draußen irgendwie ein soziales Netzwerk.» Evernote hingegen ließ anfangs «Sharing», «Collaboration» und ähnliches vollständig vermissen (mittlerweile sind solche Features eingebaut). Man konzentrierte sich darauf, die möglichst perfekte Notizverwaltung für den Einzelanwender zu sein.
  • Offene Schnittstellen: Externe Anwendungen können an den Programmiercode von Evernote andocken und so neue Formen von Daten-, Notiz- oder Aufgabenverwaltung ermöglichen.

» Evernote
» Alle Notizen an einem Ort: Unser Test von Evernote
» Artikel in der Financial Times (nur nach kostenloser Registrierung zu lesen)

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14 Kommentare

  1. Christian
    schrieb am 7. August 2009 um 20:46 Uhr (#)

    Für mich begründen 2 Faktoren den Erfolg von Evernote gegenüber Google: Die Anwendung gibt es als echtes Windows-Tool, sowas bedient sich um längen angehmer als jede noch so schöne web 2.0 Anwendung. Außerdem setzt Evernote (zumindest bisher, jetzt scheint es ja leider zu kommen) nicht auf die Community-Welle, was mir sehr sympathisch ist, da damit ein Haufen nutzloser Funktionen garnicht erst implementiert wurden.
    Evernote konzentriert sich aufs Wesentliche, das ist seine bisherige Stärke.

  2. MacMacken
    schrieb am 7. August 2009 um 21:42 Uhr (#)

    Evernote ist wirklich gut. Was mir noch fehlt ist mehr Sicherheit durch verschlüsselte Verbindungen sowie die Offline-Nutzung der gesamten Funktionalität … :)

    1. Dilbert
      schrieb am 7. Januar 2010 um 16:16 Uhr (#)

      Mit der Premium-Version (USD 45/Jahr) ist SSL-Verschlüsselung für alle Datentransfers möglich.

    2. MacMacken
      schrieb am 7. Januar 2010 um 16:18 Uhr (#)

      Mit der Premium-Version (USD 45/Jahr) ist SSL-Verschlüsselung für alle Datentransfers möglich.

      Anwendungen, bei denen Standard-Funktionen als «Premium» verkauft werden, nutze ich nicht.

  3. bernd
    schrieb am 8. August 2009 um 14:58 Uhr (#)

    Das eine Desktop-Anwendung per se einer Web-Anwendung überlegen sein soll halte ich für abwegig. Gerade das Desktop Interface für Windows von Evernote läßt einiges zu Wünschen übrig.

    Der große Vorteil von Evernote gegenüber Google Notebook war immer die Offline-Verfügbarkeit. Jedenfalls für mich. Gerade für sein eigenes Notiz-Archiv ist der ständige Zugriff darauf, ob mit oder ohne Netzzugang immens wichtig. Dadurch bewahrt man dieses Gefühl selbst Herr seiner Daten zu bleiben. Was bei nur auf fremden Servern gespeicherten Daten verloren geht.

  4. Camma
    schrieb am 8. Januar 2010 um 21:49 Uhr (#)

    Ein Grund warum ich Evernote benutze ist die Verfügbarkeit auf allen Platzformen. So bin ich unabhängig von Handytyp, PC oder Mac, etc.

    Zudem habe ich nun zum ersten Mal die Möglichkeit meine Notizen von überall her zu nutzen.

  5. MacMacken
    schrieb am 8. Januar 2010 um 23:41 Uhr (#)

    @Camma: Dafür bist Du abhängig von einer proprietären Software und überlässt Deine Daten einem Unternehmen sowie allen interessierten staatlichen Stellen zur Analyse … :->

    1. Bernd
      schrieb am 9. Januar 2010 um 00:04 Uhr (#)

      @MacMacken: Verschwörungstheoretiker?

  6. MacMacken
    schrieb am 9. Januar 2010 um 00:14 Uhr (#)

    @Bernd: Welche Verschwörung meinst Du?

    1. Bernd
      schrieb am 9. Januar 2010 um 00:26 Uhr (#)

      @MacMacken: frag ich dich.

  7. MacMacken
    schrieb am 9. Januar 2010 um 00:28 Uhr (#)

    @Bern: Nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Wie kommst Du darauf?

  8. Bernd
    schrieb am 9. Januar 2010 um 00:48 Uhr (#)

    Immer dieses “proprietäre Software ist böse” und “nur Open Source kann die Welt retten” Gehabe. Und kosten darf es natürlich auch nichts. Programmierer leben schließlich alle von Luft und Liebe.

    1. MacMacken
      schrieb am 9. Januar 2010 um 01:31 Uhr (#)

      Immer dieses “proprietäre Software ist böse” und “nur Open Source kann die Welt retten” Gehabe. Und kosten darf es natürlich auch nichts. Programmierer leben schließlich alle von Luft und Liebe.

      Soll das nun die Verschwörungstheorie sein?

      Immer dieses “proprietäre Software ist böse” und “nur Open Source kann die Welt retten” Gehabe.

      Nein, darum geht es nicht – es geht darum, dass man sich im eigenen Interesse keine Anwendung nutzen sollte, ohne die gespeicherten Daten problemlos exportieren und in anderen Anwendungen nutzen zu können. Ansonsten begibt man sich in eine unerfreuliche Abhängigkeit.

      Ob eine Anwendung Closed oder Open Source ist, dürfte für die meisten Benutzer im Alltag keine wesentliche Rolle spielen. Die erwähnte Abhängigkeit ist unabhängig von Closed oder Open Source möglich. Open Source bietet allerdings immer den Vorteil, dass die verwendete Datenstruktur, usw. offen zugänglich sind, so dass kein eigentliches Reverse Engineering notwendig ist.

      Und kosten darf es natürlich auch nichts. Programmierer leben schließlich alle von Luft und Liebe.

      Anwendungen, auch online, dürfen durchaus Geld kosten. Für den Benutzer hat das Bezahlen den Vorteil, dass man wesentlich höhere Ansprüche stellen kann als an Anwendungen, die «gratis» verfügbar sind.

  9. Schreibt hier auf dem Blog Gregor Gross
    schrieb am 10. Januar 2010 um 15:25 Uhr (#)

    Also ich empfinde es als großen Vorteil, dass die Daten online verfügbar sind. So kann ich mit iPhone und MacBook drauf zu greifen, überall wo ich gerade bin. Einmal stand ich in der Baustelle meiner neuen Wohnung und musste einem Handwerker eine Zeichnung zeigen, die niemand parat hatte. Ich zeigte sie ihm auf meinem iPhone, von wo ich auf Evernote Zugriff hatte.

    Soas geht natürlich nur, wenn die Datenbank online ist – auch wenn das Risiko dann sein könnte, dass böse faschistische Regierungsbehörden in ansonsten freiheitsliebenden, demokratischen Ländern versuchen könnten, rauszukriegen, welche Eierkuchenrezepte ich gespeichert habe oder dass ich vorgestern Sahnejoghurt und Räucherlachs kaufen wollte.

    Gut, ich speichere da auch wichtigere Sachen als Rezepte und Einkaufslisten. Letzten Endes halte ich mich selber aber für zu unwichtig, als dass Millionen von Regierungsbeamten Vorteile daraus schlagen könnten, mich zu überwachen oder meine Dokumente dazu benutzen könnten, mir meine Business-Ideen zu stehlen. Evernote hat als Unternehmen übrigens großes Eigeninteresse daran, als zuverlässig zu gelten.

    Aber vielleicht sehen das einige Leute anders, und wollen dieses mögliche, wenn auch wie beschrieben unwahrscheinliche Risiko nicht eingehen. Dann könnt ihr Evernote immer noch benutzen, nur dürft ihr es dann nicht synchronisieren. Damit geht aber auch der Vorteil verloren, dass ihr von überall auf die Daten zugreifen könnt (in meinem Fall hätte ich also keinen Bauplan zeigen können) und ihr müsst euch Gedanken darüber machen, wie ihr die Daten sichert.

    Und wem das dann mit Evernote zu doof ist, der nutze einfach ein anderes Programm oder sammle seine Notizen im bombensicheren und mit Raubkatzen und Killerquallen geschützten Atombunker in seinem Keller.

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