Gegen die Aufschieberitis:
Die Unschedule-Methode

Im englischsprachigen Raum gilt Neil Fiore als DER Fachmann in Sachen Prokrastination. In seinem Buch «Warum nicht gleich?!» analysiert er die Hintergründe zu diesem Phänomen, ohne ein schlechtes Gewissen zu machen.

Neil Fiore (Bild: neilfiore.com)Menschen, die prokrastinieren, sind nicht einfach faul. Da nützt es wenig, sich zusammenreißen zu wollen oder sich mit falschen Optimismus motivieren zu wollen. Denn dahinter stecken komplexe psychologische Vorgänge. Fiore beschreibt ausführlich, weshalb einige Menschen Dinge aufschieben und andere nicht. Gleichzeitig bietet er verschiedene Methoden, wie man dagegen vorgehen kann.

Eine dieser Methoden ist das so genannte «Unschedule» (in der deutschen Übersetzung heißt es weniger einprägsam «Der ‘andere’ Terminkalender»), die wir heute ansehen wollen:

Aufschieben hat zwei Seiten: Einerseits natürlich die direkten Folgen des Aufschiebens, andererseits aber auch ein schlechtes Gewissen, Angst, Druckgefühl und Stress, was sich auf die Freizeit und die Dinge, die man gerne tut, auswirkt. Fiore will beide Seiten berücksichtigen. Das Buch trägt deshalb im Original den Untertitel «A Strategic Program for Overcoming Procrastination and Enjoying Guilt-Free Play» (etwa: Ein strategisches Programm, um Prokrastination zu überwinden und freie Zeit ohne schlechtes Gewissen zu genießen).

Die Technik des «Unschedule» ist eine Mischung aus Planung und Rückblick. In Kürze: Man nimmt sich eine Wochenübersicht vor und plant zunächst das, was man tun will und nicht, was man tun muss. Anschließend trägt man jeweils ein, wenn man mindestens eine halbe Stunde konzentriert und ohne Ablenkung gearbeitet hat. Folgendes sollte dabei beachtet werden:

  1. Plane nur Tätigkeiten, die nichts mit der Arbeit zu tun haben. Dazu gehören Essen, Schlafen, Freizeit, Arbeitsweg, private Termine usw. Das ist schon der ganze Planungsteil des «Unschedule».
  2. Dann trägst Du jeweils ein, wenn Du mindestens eine halbe Stunde an etwas konzentriert und ohne Ablenkung gearbeitet hast.
  3. Es zählt nur, wenn Du mindestens eine halbe Stunde ohne Unterbrechung an etwas gearbeitet hast. Arbeitsphasen, die weniger als 30 Minunten gedauert haben, zählen nicht und werden nicht eingetragen. Der entsprechende Zeitraum bleibt dann leer. Zwischendrin Mails abrufen, im Internet surfen oder einen Kaffee holen gelten als Unterbrechung, und die Uhr läuft wieder von vorne los.
  4. Belohne Dich mit einer Pause oder einer Arbeit, die Dir Spaß macht, wenn Du mindestens 30 Minuten gearbeitet hast.
  5. Zähle tägliche und wöchentlich die Zeit zusammen, die Du als «Arbeit» im Wochenübersicht eingetragen hast. Betone, was Du erreicht hast.
  6. Plane mindestens eine vollen Tag pro Woche ein, wo Du Dich erholst. Genieße diesen Tag und habe kein schlechtes Gewissen.
  7. Bevor Du eine Freizeitaktivität beginnst oder irgendeine soziale Aktivität machst, arbeite eine halbe Stunde.
  8. Fokussiere Dich auf das Starten einer Aufgabe.
  9. Denke in kleinen Schritten. Das Ziel ist nicht, etwas fertig zu stellen, sondern eine halbe Stunde konzentriert zu arbeiten.
  10. Konzentriere Dich auf den Start und nicht auf das Aufhören. Das Ende kommt von alleine.
  11. Höre nie vor dem Ablauf der halben Stunde auf, auch wenn Du eine Blockade oder etwas fertiggestellt hast.

Durch die Planung der Zeit, wo Du eben nicht arbeitest, verschaffst Du Dir die Legitimation dazu. Diese Zeit kannst Du ohne schlechtes Gewissen genießen. Der Tages- und Wochenrückblick gibt Dir die Übersicht, wann und wie oft Du konzentriert gearbeitet hast. So erhältst Du ein Bild darüber, was Du alles leistest und wie sich Deine Situation (hoffentlich) bessert. Du stellst die Zeit in den Vordergrund, die erfolgreich war. Das gibt Dir mehr Sicherheit und lenkt Deine Gedanken auf den Erfolg.

Das Unschedule-Beispiel auf der Website von Neil Fiore hilft, diese Technik besser zu verstehen.

Hast Du mit dieser Technik schon gearbeitet? Ich freue mich auf Erfahrungen in den Kommentaren.

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4 Kommentare

  1. communication
    schrieb am 3. Juli 2008 um 18:00 Uhr (#)

    Wahrscheinlich ist das Problem des “Aufschiebens” ein Problem der Arbeitgeber bzw. der absolut in Arbeitsprozesse Eingebundenen.
    Wenn ich in meine pschologische Praxis schaue, ist das Problem nicht, dass die Menschen ihre Arbeit aufschieben, sondern dass sie nicht mehr leben bzw. genießen können. Ehefrauen und Kinder, die mit “Arbeitszombies” in den Urlaub fahren, die selbst am Strand nicht von Handy und Laptop lassen können.
    “Tote Hose” im Bett, weil beide Partner nur noch für den Job leben.
    Was viele nicht um die Burg verstehen wollen: “Effektivität” ist keine psychologische, sondern, eine rein wirtschaftliche Kategorie. Wäre das menschliche Herz auf Effektivität aus, würde es keine Pausen geben.
    Dass sich das Herz nach jedem Schlag entspannt, wäre ein Hinweis darauf, wie es in der Psychologie laufen sollte.
    Nur – die wenigsten wollen das Hören und noch weniger setzen das um.
    Ich kann dann in der Praxis einfach ein paar Jährchen warten, dann kommen dieselben Workaholics wieder: Mit Burn-out oder als Schlaganfall Patienten. Und alle To-Do Listen haben ihre Gültigkeit verloren….

  2. Marcel Widmer
    schrieb am 4. Juli 2008 um 21:10 Uhr (#)

    @ communication:

    Vermutlich haben Sie Recht, dass Aufschieben, Effektivität & Co. folgen des Wirtschaftsdenkens sind (das ganz ohne Wertung gesagt).

    Nur hilft diese Erkenntnis wenig, wenn diese “Werte” über Generation weitergegeben werden. Sprich: ich nur dann ein gutes Kind bin, wenn ich schnell mache, wenn ich perfekt bin, wenn ich …

    Oder sehe ich das falsch?

  3. communication
    schrieb am 4. Juli 2008 um 21:34 Uhr (#)

    Der psychologische Weg, Verhalten in der Gegenwart auf Erfahrungen in der Kindheit zurückzuführen, ist eine der Erbschaften Sigmund Freuds.
    Sie kann stimmen, oder auch nicht.
    Tatsache ist jedenfalls, dass derjenige, der zurückschaut, die Gegenwart aus dem Auge verliert.
    Unser Leben findet aber in der Gegenwart statt und nur da kann man es beeinflussen bzw. verändern.
    Jeder von uns hat sein Leben. Was er damit anfängt, liegt zumindest beim Erwachsenen, in seinem Verantwortungsbereich.
    Was mir immer wieder in meiner Arbeit auffällt: Die Menschen wissen ganz genau, dass das, was sie machen, nicht gut für sie ist.
    Sie machen es trotzdem – wider ihr eigenes Gefühl.
    Sie sind es aber dann auch, die die Folgen tragen müssen.
    Es gibt sogar von Seiten der Wirtschaft Bemühungen, ToDo Listen nicht zu einseitigen Monokulturen der Effektivität verkommen zu lassen: Das fixe Einplanen von Pausen und Erholungszeiten.
    Aber das ist immer noch das Pferd von hinten aufgezäumt.
    Bei meinen Klienten führe ich immer eine mentale “Hilfskonstruktion” ein:
    1) Sie überwinden ihren Widerstand primär nicht mit Todo Listen, sondern treten in ein GEspräch mit ihm ein: Warum fällt es ihnen so schwer, manche Dinge zu erledigen.
    Wird der Widerstand einbezogen, kommen sehr rasch die eigentlichen Gründe für das eigene Verhalten: Überforderung, Mobbing, Partnerschaftsprobleme, finanzielle Probleme, Burn out, was auch immer.
    Wenn ich diese Probleme angehe, lösen sich viele Hemmnisse dann ganz von selber.
    2) Ein Gespräch der Klienten mit ihrer eigenen Lebendigkeit. Was hat sie für Wünsche, was ist das, was sie mitteilen will:
    Ein Klient sagte in Trance zu mir: Meine Lebendigkeit schaut mich sehr ernst an.
    Ich: Was will sie ihnen mitteilen?
    Klient: Ich lebe an mir vorbei!

    PS: Vielleicht wäre es einmal interessant, auf dieser Seite einen Artikel zum Thema: “Kreativer Umgang mit Widerständen in der Arbeit zu verfassen…”

  4. Marcel Widmer
    schrieb am 5. Juli 2008 um 09:54 Uhr (#)

    @ communication
    Höchst interessant, Ihre Ausführungen!

    Vielleicht wäre es einmal interessant, auf dieser Seite einen Artikel zum Thema: ?Kreativer Umgang mit Widerständen in der Arbeit zu verfassen??

    Das wäre es tatsächlich! Wollen Sie es tun? In einem eigenen Blog (wo finde ich diesen)?

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