Undiszipliniert? Macht nichts, sei einfach nur motiviert

Viele Leute sind stolz darauf, dass sie diszipliniert arbeiten können. Andere halten sich für völlig undiszipliniert, aber sogar die schaffen es, Dinge zu erledigen. Doch liegen Disziplin und Selbstmotivation wirklich so weit auseinander?

Die Eigenwahrnehmung ist manchmal weit von der Fremdwahrnehmung entfernt. Ich höre oft, dass ich sehr diszipliniert sei, aber meine Wahrnehmung sagt etwas ganz anderes; nämlich, dass ich sehr undiszipliniert bin. Ich habe mich lange gefragt, wie es zu diesen beiden unterschiedlichen Einschätzungen kommt, und was ich gegen meinen (eingebildeten?) Mangel an Disziplin tun könnte. Die kurze Antwort: Keine Ahnung. Die Begründung: Das spielt gar keine Rolle. Ich dachte nämlich immer, ich müsse mehr Disziplin haben und ohne Disziplin ginge es nicht. Doch jetzt weiß ich: Es gibt eine Alternative zur Disziplin: Die (Selbst-)Motivation.

Disziplin mag hilfreich sein, wenn man etwas tun muss, was man nicht will, und die Konsequenzen für das Unterlassen nicht tragen will. Man entscheidet sich, die ungeliebte Tätigkeit gegen seinen Willen doch auszuführen. Das ist bei mir in meinem Job manchmal der Fall: Gewisse Aufgaben, die überhaupt keinen Spaß machen, gehören eben einfach dazu. Wenn ich die Aufgaben ständig links liegen lassen würde, würde ich meinen Job riskieren. Und diese Konsequenz will ich nicht tragen. Das Beispiel zeigt: Ich könnte die Aufgaben diszipliniert erledigen, denn der Chef hat mir schließlich die Aufgabe gestellt, und was der Chef sagt, das mache ich. Ich hinterfrage nicht, und ich frage mich gar nicht, ob mir die Aufgabe Spaß macht. Ich klemme mich einfach dahinter.

Diese disziplinierte Art entspricht mir aber überhaupt nicht. Mein Motor ist die Selbstmotivation, und die wirkt, weil mich das Erledigen der Aufgabe vor den Konsequenzen bewahrt. Das ist meine Motivation. Mit Disziplin hat das herzlich wenig zu tun.

Seit Jahren versuche ich schon, mehr Sport zu treiben. Manchmal klappt es ganz gut (das volle Programm: Fitness-Studio, Dehnübungen zu Hause, sogar Joggen), aber dann bin ich wieder für Monate völlig sportfaul. Bin ich zu wenig diszipliniert? Ja und nein. Einerseits schon, weil ich mich zu oft für das Sofa und gegen die Turnschuhe entscheide. Andererseits nein: Disziplin ist ein Talent, welches bei mir nicht sehr stark ausgebildet ist. Und es ist sehr schwierig, Disziplin zu erlernen. Beim Sport bin ich eindeutig zu wenig motiviert. Zwar wäre ich gern fitter und würde gern sportlicher aussehen. Aber ich bin noch in einem Alter, wo man auch ohne Sport fit und beweglich ist, und Übergewicht habe ich auch keines. Bei mir ist also der Leidensdruck zu wenig hoch und die Vorteile von mehr Sport zu wenig überzeugend.

Vielleicht kann man sogar noch einen Schritt weitergehen: Vielleicht gibt es so etwas wie “Disziplin” gar nicht. Was nach Disziplin aussieht, könnte ja in Wirklichkeit einfach Motivation in einem anderen Kleid sein. Die eigene Motivation ist einem gar nicht bewusst und deshalb denkt man, dass man diszipliniert sei. Doch genauso, wie ich meine ungeliebten Aufgaben erledige, weil ich meinen Job behalten will, zieht ein anderer vielleicht jeden Morgen um 6 Uhr die Laufschuhe an und geht rennen. Auch wenn es regnet und er keine Lust dazu hat, tut er es, weil er fit sein will und weiß, wie gut das Laufen seinem Körper und seiner Seele tut. Das ist dann aber nicht Disziplin, sondern Motivation.

Wenn Du das einleuchtend findest, dann spar Dir die Vorwürfe, Du seist undiszipliniert. Kümmere Dich nicht um mehr Disziplin, sondern versuche, Deine Motivation zu stärken. Hier sind zehn Tipps, wie Du das tun kannst:

  1. Wisse genau, warum Du etwas tun willst. Du brachst sehr gute Gründe, die Dich vollends überzeugen, damit Du ein Ziel über längere Zeit verfolgst. Sei Dir also bewusst, was Dein Ziel genau ist und weshalb es Dir so wichtig ist. Je besser Du das weißt, desto mehr motiviert es Dich.
  2. Sei begeistert. Du weißt genau, was Du willst, aber das genügt noch nicht. Um die Motivation zu verstärken, musst Du Dein Ziel auch wirklich erreichen wollen. Es muss etwas sein, was Dich begeistert. Ein frommer Wunsch reicht nicht. Das heißt nicht, dass der Leidensdruck hoch sein muss (was aber helfen kann), sondern dass Dein Ziel mit Dir und den Dir am allerwichtigsten Dingen übereinstimmen muss.
  3. Visualisiere Dein Ziel. Stell Dir vor, wie Du Dich fühlst, wenn Du Dein Ziel erreicht hast. Was geht Dir durch den Kopf, wenn Du es erreicht hast und zurück blickst? Wie sieht Dein Leben dann genau aus? Halte Deine Vision in irgendeiner Form fest. Ich habe mir ein “Vision Board” als Desktop-Hintergrund erstellt. Dort sind meine Ziele visualisiert. Für das Ziel “mehr Sport” habe ich beispielsweise ein Bild von einem durchtrainierten Körper genommen und einfach meinen Kopf von einem anderen Bild hinein montiert. Sieht lustig aus und zeigt mir, wohin ich will. Dieses Vision Board sehe ich mir täglich an – zwangsläufig.
  4. Stell Dein Ziel in den Mittelpunkt. Es ist das Ziel, welches Dir im Moment am Wichtigsten ist. Stell es also in den Mittelpunkt und passe Dein Leben rundherum an. Das funktioniert nur, wenn Du Dir ein Ziel nach dem anderen vornimmst. Mehrere Ziele gleichzeitig zu verfolgen, ist riskant: Es kann schnell passieren, dass Du Deinen Fokus verlierst und Dich verzettelst.
  5. Sprich über Deine Vision. Wenn ich über mein Ziel spreche, dann spreche ich mit leuchtenden Augen, weil ich davon überzeugt und begeistert bin. An einem schlechten Tag hilft mir das Sprechen darüber, neue Energie zu finden. Ausserdem erhöht es die Verpflichtung: Du willst Dich doch nicht vor Deinen Freunden blamieren, weil Du aufgegeben hast, nachdem Du ihnen in den schönsten Farben Dein Ziel geschildert hast.
  6. Such Dir Inspiration. Sprich mit Leuten, die dasselbe Ziel schon erreicht haben. Lies Bücher darüber oder Biographien von Menschen, die es geschafft haben. Such Dir ein passendes Blog im Internet und beteilige Dich in einem Forum.
  7. Habe Spaß daran. Dein Ziel ist nicht schwer zu erreichen, und es wird kein harter Weg. Schließlich ist es genau das, was Du willst. Denk also nicht an die schwierigen Tage, sondern genieß den Weg zu Deinem Ziel.
  8. Halte Deine Fortschritte fest. So siehst Du jederzeit, wo Du gerade stehst und was Du verbessern musst. Außerdem motiviert es Dich, wenn Du siehst, wieviel Du schon geschafft hast. Ich benutze dazu Joe’s Goals, ein simples, aber smartes Online-Tool. Du kannst aber auch nur Deine Erfolge festhalten. Wie das geht, kannst Du im Artikel “Das Erfolgstagebuch” nachlesen.
  9. Sei stolz. Jeder geschaffte Zwischenschritt ist großartig und ein Grund zum Feiern. Sei ruhig stolz auf Deine Fortschritte.
  10. Denk positiv. Was Du gerade tust, ist eine große Chance: Du hast Dich entschlossen, etwas zu verwirklichen, was Dir sehr am Herzen liegt. Ich gratuliere Dir zu Deinem Entschluss! Sei froh und genieße es. Denk nicht: “Ich kann nicht mehr, das ist zu schwer, ich mag nicht mehr.” Denk lieber: “Cool, wenn ich jetzt diesen Schritt schaffe, bin ich ein wenig näher an meinem Ziel.”
 

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  1. [...] habe mir aufgrund des Beitrags «Undiszipliniert? Macht nichts, sei einfach nur motiviert» und anderer Artikel zu Motivation und Disziplin mal meine Gedanken gemacht und will hier mein [...]

  2. [...] bekamen wir einen ausführlichen Kommentar eines Lesers zum Artikel «Undiszipliniert? Macht nichts, sei einfach nur motiviert!», der uns so gut gefiel, dass wir ihn als Artikel veröffentlicht haben: Disziplin und [...]

  3. [...] Undiszipliniert? Macht nichts, sei einfach nur motiviertViele Leute sind stolz darauf, dass sie diszipliniert arbeiten können. Andere halten sich für völlig undiszipliniert, aber sogar die schaffen es, Dinge zu erledigen. Doch liegen Disziplin und Selbstmotivation wirklich so weit auseinander? (24. Februar 2008) [...]

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  5. [...] und andererseits durch positive Rituale wett gemacht. Ich persönlich bin nicht ganz überzeugt, ob Disziplin als Hauptantreiberin wirklich hilft. Ivan Lendl hat eindrücklich bewiesen, wie positive Rituale Disziplin ergänzen [...]

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