Gut genug statt perfekt
Von Florian Steglich am 7. Januar 2008 um 15:30 Uhr Kommentare (4)
Kategorien: Tricks, Vereinfachung, Zeit
Ursachen fürs Prokrastinieren gibt es viele - eine besonders tückische jedoch ist der Perfektionismus. Denn der erscheint uns zunächst mal als etwas Gutes. Bloß: Perfekte Zustände, seien wir ehrlich, erreichen wir doch nie.
“Ich bin Perfektionist”, damit sagt man: Ich liefere gute Arbeit ab, und zwar erst, wenn sie meinen eigenen Ansprüchen genügt; ich mache meine Sache richtig, ich mache keine Schnellschüsse, von mir gibt es Qualität und keine 10-Minuten-Lösungen. Klingt gut. Das Problem dabei: Den perfekten Zustand einer Sache erreicht man nicht. Nie. Wann ist denn etwas schon wirklich perfekt, wirklich fertig, so verdammt gut, dass es keiner einzigen Änderung mehr bedarf? Besser gesagt: dass jede Korrektur das Ergebnis verschlechtern würde?
Eben.
Deshalb sollte man sich von dieser Vorstellung am besten umgehend verabschieden. Denn sie hält auf. Der Wunsch, ein einwandfreies Werk abzuliefern, behindert bei der Umsetzung, ja sogar beim Anfangen. Eine Aufgabe erscheint übermächtig, wenn wir sie astrein erledigen zu müssen glauben.
Versteht mich nicht falsch: Das soll kein Plädoyer für schlechte Qualität werden. Mist abzuliefern mag zwar kurzfristige Erleichterung verschaffen, geht auf Dauer aber nach hinten los. Und Selbstzufriedenheit mit der eigenen Arbeit ist ebenfalls nicht zu unterschätzen.
Der anzustrebende Zustand jedoch muss nicht “perfekt” lauten, sondern lediglich: Gut genug. Das Ergebnis der Mühen muss taugen, seinen Zweck erfüllen und vielleicht noch schick aussehen. Aber mehr ist nicht nötig (Meistens! Es spricht überhaupt nichts dagegen, ab und zu mit Meisterwerken zu begeistern, um besser dazustehen).
Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, um dazu passend ein Sprichwort zu bemühen. Gut genug sein statt perfekt. Positiv überraschen kann man auch mit Zuverlässigkeit, die sich daraus ergibt - oder mit dem berühmten “overdelivern”, indem man etwa zwei Tage vor Deadline etwas fertig hat und weiterreicht.
Eine Analogie aus der Wissenschaft mag die Sache vielleicht verdeutlichen: Bei einer Haus- oder Examensarbeit kann man ebenfalls nie perfekt sein, sondern wesentlicher Teil der Bearbeitung ist es, den richtigen Rahmen zu setzen, der das Thema eingrenzt - und den ganzen, oft viel interessanteren, verheißungsvolleren Rest dabei ausschließt. Ähnliches gilt für jede Aufgabe, die wir zu erledigen haben: Aufgeräumt ist die Wohnung auch schon, ohne dass wir die Decke neu gestrichen haben; druckreif ist ein Artikel auch schon, bevor er den Henri-Nannen-Preis verdient hat. Deshalb: Manchmal einfach raushauen, wenn etwas “nur” gut ist! Zumal, wenn es anschließend in Teamarbeit ohnehin noch ergänzt werden wird.
Und in der Zeit, die bleibt, nachdem die Arbeiten gut genug fertiggestellt sind, kann man sich den Geniestreichen widmen - zu denen man vorher vor lauter Perfektionismus im Alltag nicht kam.
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4 Kommentare
Ich sage von mir selbst, dass ich ein “chaotischer Perfektionist” bin. Ein “echter” Perfektionist ist in unserer Zeit wohl kaum überlebensfähig. Mit “chaotischer” meine ich für mich persönlich, dass ich bei Dingen die mir unwichtig sind oder bei denen Perfektion nicht möglich sind, einfach weniger genau bin bzw. so genau das es passt.
Man sollte halt immer die Balance zwischen Aufwand und Qualität finden. Alle zusammen sollten die 100% und somit (für mich und dem evtl. Kunden) “perfekt” sein. Es ist also die Ausgewogenheit von Geld, Zeit zum Ergebnis.
Bernd Wiechering
schrieb am 8. Januar 2008, 08:33 Uhr (Permalink zum Kommentar)Schöner Artikel.
Ich kann von mir selber behaupten, daß ich zu oft versuche perfektes abzuliefern. Nur zu häufig passiert mir so etwas bei Hausaufgaben oder Referate fürs Studium. Leider bin ich ein schlechter Zeitmanager, sodass am Ende unter Zeitdruck doch nur “gutes” (meistens zumindest) oder sogar nur mittelmässiges dabei herauskommt.
Andre
schrieb am 10. Januar 2008, 11:10 Uhr (Permalink zum Kommentar)Nun kennt der Perfektionist aber kein ‘Gut genug’. Das definiert ihn schließlich. Er kann nicht aufhören bis er zu seinem Werk ein gutes Gefühl entwickelt. Bis dahin ist und bleibt es schlecht. Das bringt Probleme mit sich, die du schon richtig beschreibst (Time to Market etc.).
Florian Steglich
schrieb am 10. Januar 2008, 11:19 Uhr (Permalink zum Kommentar)» Andre: Richtig. Da oben geht es also eigentlich darum, sich den Perfektionisten abzugewöhnen, so dass “Gut genug” fürs gute Gefühl genügt.
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Tom Schimana
schrieb am 7. Januar 2008, 17:49 Uhr (Permalink zum Kommentar)