The 4-Hour Workweek:
Der nächste Produktivitätshype
Ja, ganz richtig gelesen, da oben steht “The 4-Hour Workweek” (T4HWW), zu deutsch: Die 4-Stunden-Arbeitswoche. Das ist der Titel eines Buches von Timothy Ferriss, das heute erscheint und schon bald in allen Diskussionen in der Produktivitätsszene und darüber hinaus auftauchen wird.
Ferriss stellt in dem Buch radikale Ideen und Thesen zur Vereinfachung des Lebens auf und präsentiert einen Ansatz, den er Lifestyledesign nennt. Grundsätzlich geht es ihm darum, aus dem scheinbar vorgegebenen Lebensverlauf von Arbeit und Rente auszusteigen und nicht bis zum Ruhestand zu warten, um all die Dinge zu tun, die man wirklich tun will.
Ferriss ist Ende zwanzig und hatte bis vor wenigen Jahren ein gut gehendes internationales Unternehmen laufen. Er arbeitete wie fast jeder Geschäftsführer praktisch ununterbrochen - bis er 2004 zusammenbrach. Danach baute er sein Leben radikal um. Er wollte nicht länger bis zum nächsten Kollaps schuften und sich bis zu seiner Rente von Burnout zu Burnout durchschlagen, um dann am Ende seines Lebens keine Kraft mehr für die Dinge zu haben, auf die er eigentlich Lust hatte. Nun hält er einen Weltrekord im Tangotanzen, ist nationaler Meister im Kickboxen, Schauspieler, Dozent in Princeton und einiges mehr. Und all das erreichte er, während er von seinem mobilen Arbeitsplatz aus seine Firma weiterführte.
Hier sind einige der Prinzipien, die Ferriss die 4-Stunden-Arbeitswoche ermöglichen:
- Er wendet das 80/20-Prinzip von Pareto auf alles an. Er konzentriert sein Geschäft auf die 20 Prozent seiner Kunden, die ihm 80 Prozent seines Umsatzes einbringen. Zudem verabschiedet er sich von 20 Prozent der Kunden, die ihm 80 Prozent des Ärgers einbringen.
- Er vertritt Parkinsons Gesetz, nach dem Arbeit immer die Zeit brauchen wird, die ihr zur Verfügung steht - egal, wie lange das ist -, und kürzt deshalb die verfügbare Arbeitszeit, wo er kann.
- Aus der Verbindung des Pareto-Prinzips und des Parkinsonschen Gesetzes knüpft er eine rekursive Definition von Effektivität: Limitiere Deine Aufgaben auf die wichtigen, um Deine Arbeitszeit zu verkürzen und verkürze Deine Arbeitszeit, um Deine Aufgaben auf die wichtigen zu limitieren.
- Ferriss wirbt für die “Weniger-Informationen-Diät” (im Original: “low-information diet”). Mehr Informationen führen zu mehr Ablenkung. Ablenkungen sind Gift für Produktivität und Effektivität. Deshalb ruft Ferriss nur zweimal am Tag seine Mails ab und versucht sein ganzes Umfeld, geschäftlich und privat, darauf zu trainieren, ihn nicht zu stören.
- Er delegiert: Um sich selbst nur mit den wichtigsten Aufgaben zu befassen, lagert Ferriss alle weniger wichtigen Aufgaben an Arbeiter in Indien und anderen Billiglohnländern aus.
Ich habe Ferriss’ Prinzipien von ihm selbst in seiner Präsentation beim SXSW-Festival in Austin gehört, die über den SXSW-Podcast verfügbar ist. Dort erklärt er die wichtigsten Prinzipien und zeigt an einigen Beispielen, wie er und einige seiner Bekannten sie umgesetzt haben.
Seitdem ich den Podcast gehört habe, frage ich mich, ob Ferriss der nächste Vereinfachungsguru wird und wir das Kürzel “T4HWW” demnächst ebenso häufig benutzen werden wie “GTD” (Getting Things Done) - oder ob er ein egozentrischer Ausbeuter ist, der auf Kosten anderer seine Jungenträume (Kickboxen!) auslebt. Ich bezweifle, dass sich seine Prinzipien einfach auf die Leben anderer übertragen lassen. Ein Beispiel: Ferriss erzählt, dass von seinen ursprünglich 140 Kunden fünf für 90 Prozent des Umsatzes verantwortlich waren. Also konzentrierte er sich nur noch auf diese fünf. Allein: Man muss erstmal 140 Kunden gewinnen, um sich dann die fünf besten aussuchen zu können. Und mit den Prinzipien aus “The 4-Hour Workweek” dürfte es schwierig werden, 140 Kunden zu bekommen.
Bis wir die Details im Buch nachlesen können (d.h., bis es in Deutschland lieferbar ist), empfehle ich die ausführliche Buchbesprechung von Dave Seah. Dabei sollte man die Kommentare nicht auslassen, in denen Ferriss selbst zur Anschuldigung der Ausbeutung und seiner Verkäuferart Stellung nimmt.
[Update] Mittlerweile ist nicht nur die Originalversion lieferbar, sondern auch eine deutsche Übersetzung im Handel: Die 4-Stunden-Woche. Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben. (Econ 2008)
Weiterführende Links:
» Buchbesprechung bei Dave Seah inkl. Kommentar von Ferriss
» Präsentation von Ferriss beim SXSW-Festival
» Blog von Tim Ferriss
» Mehr lesen: Informationsmanagement (3), The 4-Hour Workweek (3), Tim Ferriss (5)
» Weitere Artikel zum Thema «Zeitmanagement» lesen
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9 Kommentare zu diesem Artikel
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Hans
Wird Zeit für ein Update von Mac Professionell: http://tinyurl.com/blr52. Der geht ja weiter als ich.
AlfaFox.info Tipps & Tricks
Von Ausbeutung sollte man nicht sprechen, wenn Menschen frei Handeln. Für die Auftragnehmer von Tim Ferris wird es jeweils die beste Alternative sein, für ihn zu arbeiten, sonst würden sie sich einen anderen Job suchen. In einem freien Markt haben immer beide Seiten einen Vorteil von einem Handel.
Marcel Weiss
Alfafox, das stimmt aber nur wenn die Realität sich an die Theorien der neoklassischen Ökonomen halten würde. Macht sie aber meist nicht, das Miststück.
Karsten
Hallo zusammen,
zum Buch “The 4-Hour Workweek” gibt es eine deutschsprachige Website für Diskussionen:
http://4-stunden-arbeitswoche.de/
Gruß
Karsten
Thomas
Ich finde sein Buch ausgesprochen klasse, lesenswert und auch umsetzenswert.
Auch wer seinen Gedanken nicht komplett folgend möchte, für den finden sich trotzdem viele Anregungen.
Oliver Springer
So radikal lässt sich das vor allem nicht für alle Menschen umsetzen, denn sonst irgendwer muss die ganze ausgelagerte Arbeit ja auch ausführen.
Immerhin ist Tim Ferriss mal jemand, der über das übliche Delegieren hinausgeht, denn mal im Ernst: Wer hat denn schon die Möglichkeiten, Aufgaben zu delegieren?
In diesem Punkt eröffnet “Die 4-Stunden-Woche” wahrlich neue Perspektiven!
Sehr gut finde ich, dass dies mal ein Buch in diesem Bereich ist, bei dem man um die Frage, was man eigentlich außer Arbeiten noch machen möchte im Leben, nicht herumkommt. Das sollte mehr gewürdigt werden!
Lorbeerblatt
> Er erzählt, dass von seinen ursprünglich 140 Kunden fünf für 90% des Umsatzes verantwortlich waren. Also, konzentrierte er sich nur noch auf die fünf.
Mag zunächst funktionieren!
1. Aber was ist wenn das jeder macht?
2. Wollen wir in so einer Welt leben?
3. Was bedeutet das für die Wirtschaft im großen Stil und
4. was für den Enzelnen.
Thomas
Hallo Lorbeerblatt,
das macht aber nicht jeder, oder? Die Frage ist ziemlich theoretisch.
Was wäre denn daran so schlimm, wenn das jeder machen würde? Würde sich die Welt denn dann so stark verändern?
Johannes Kleske
Das Problem ist vor allem, dass er erstmal 150 Kunden brauchte, um sie dann auf die besten 5 zu reduzieren. Um dem Prinzip zu folgen, müsste man also erstmal eine größere Anzahl Kunden ansammeln. Hier hakt seine Theorie in der allgemeinen Umsetzbarkeit ungemein.