Zettelkasten von Niklas Luhmann:
Der Text, der sich selbst schreibt
Ein einige Jahre lang gut gepflegter Zettelkasten weiß mehr als man selbst. Und wenn man ihn so lange und gut pflegt, wie es der Soziologe Niklas Luhmann tat, dann entsteht ein Supercomputer auf Papier – der einem sogar das Bücherschreiben abnimmt.
Von Luhmann erzählt man sich, dass es ein Umzugsunternehmen brauchte, um nach seinem Tod seinen Zettelkasten zu transportieren. Und es heißt, dass er seine Aufsätze und Bücher geschrieben habe, indem er passende Notizen aus dem Zettelkasten gefischt und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht habe, sie um ein paar Verknüpfungen und neue Gedanken ergänzte – und fertig war das Werk. Das ist natürlich arg vereinfacht, bleibt aber trotzdem traumhaft: Ein Artikel, die Diplomarbeit, das Buch schreibt sich so quasi von selbst. Denn alles, was man mal irgendwo gelesen oder gehört hat, steckt im Zettelkasten und kann abgerufen werden. Das Prinzip ist simpel:
Exzerpte aus Büchern oder Aufsätzen und eigene Einfälle werden auf Karteikarten notiert, verschlagwortet, nummeriert und im Zettelkasten eingeordnet – chronologisch, nicht alphabetisch. Dazu gibt es ein Schlagwortregister und eines mit bibliographischen Angaben. Durch die Schlagworte entstehen mit der Zeit Verknüpfungen, auf die man selbst nie gekommen wäre. Der Zettelkasten wird so klüger als sein Autor. Luhmann notierte mehrere Jahrzehnte lang jeden Gedanken auf Zettel (und gelangte zu so abenteuerlichen Nummerierungen wie “21/3d26g104,1″), ich wäre froh, wenn ich es nur die paar Jahre meines Studiums durchgehalten hätte. Hausarbeiten schrieben sich dann wohl tatsächlich in zwei Tagen.
Wer das Prinzip des Luhmannschen Zettelkastens verstehen will, liest am besten diesen schon etwas älteren, aber immer noch hervorragenden Artikel bei Sciencegarden. Und schaut sich dieses Video hier an, in dem Luhmann inmitten seines chaotischen Arbeitszimmers sitzt und sein System erklärt:
Der berühmte Web-2.0-Service del.icio.us ist mit seinen Tags und Bookmarks eigentlich nichts anderes als ein Luhmannscher Zettelkasten. Hier wie da steht und fällt das System mit sinnvollen und konsequent durchgehaltenen Schlagworten/Tags. Allerdings können del.icio.us und Konsorten natürlich nur aufnehmen, was online vorliegt. Andere Zettelkasten-Anwendungen für den Computer gibt es von Daniel Lüdecke, Joachim Richter und Markus Krajewski. Wirklich überzeugt haben mich diese Varianten bei einem Test vor einiger Zeit allerdings nicht, ich habe mir darum ein Offline-Weblog als Zettelkasten eingerichtet – dazu demnächst mehr.
[Video via Steffen Büffel]















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05. Juni 2007 um 22:05
Da bin ich dann mal gespannt. Eine mit Google-Gears synchronisierte Offline-Online-Variante wäre da sicher auch nicht von schlechten Eltern.
05. Juni 2007 um 22:23
Ich wollte grad sagen: ein Wiki oder (noch besser, wegen der Kategorien und Tags) ein Blog ist ganz bestimmt der viel bessere Zettelkasten (u.a. wegen der Suchfunktionen)
05. Juni 2007 um 22:59
ich sag nur: Beats Biblionetz
http://beat.doebe.li/bibliothek/
11. März 2008 um 22:01
Was macht denn der Eintrag zum Offline-Blog als Zettelkasten? Würde mich sehr interessieren…
29. Mai 2009 um 22:11
Ist der Artikel zum Offline-Blog als Zettelkasten schon erschienen – ich habe ihn leider nicht gefunden?!
Ich habe auch bei Daniel Lüdecke gesehen, dass es eine neue Version des Zettelkastens gibt (übrigens auch für Linux). Habt Ihr das Programm schon einmal ausprobiert?
29. Mai 2009 um 22:14
» Michaela: Nein, ist noch nicht erschienen, aber ich kann diese Variante auch nicht mehr empfehlen, bin davon abgekommen. Vielleicht schreibe ich den Artikel trotzdem noch.
Daniel Lüdeckes Zettelkasten probiere ich übrigens gerade aus :)
09. April 2010 um 16:34
Das Video ist alle ….
Wenn es etwas gibt, dass unbedingt cloudy sein muss, dann ist es ein Zettelkasten. Stationäre Lösungen sind so überflüssig und unhandlich, wie ein Regenschirm in der Sahara.